11. Juni, Sopot

Schillers Briefe: Kein und ein Liebesbrief

Hallo Hamburg,

als Journalist auf Reisen hat man schon Sorgen. So merkte mein Kollege Marko Schumacher von der Stuttgarter Zeitung am Wochenende, dass er versehentlich das Familienticket für den Stuttgarter Nahverkehrsbetrieb mit dabei hatte. Also schnell zur Post, das Ticket für Frau und Kinder in den Umschlag gesteckt, und ab nach Deutschland. Damit fingen seine Sorgen aber erst an. Denn just in dem Moment, als der Briefumschlag bereits versiegelt war, merkte er erst, dass er ganz vergessen hatte, noch ein paar nette Zeilen an Frau Schumacher hinzuzufügen. Sein schlechtes Gewissen wurde mit jedem Kommentar der Kollegen nur größer. Was würde Frau Schumacher nur denken, wenn sie zuhause in Stuttgart den kommentarlosen Brief mit der Fahrkarte aufmacht? Kein „Ich liebe Dich“, kein „Wie geht’s den Kindern?“, noch nicht mal ein „schönes Wetter hier in Sopot“. Sieht so also ein Liebesbrief nach zehn Jahren Ehe aus? Am Ende siegte das schlechte Gewissen. Auf der Post kaufte Marko schnell noch eine Postkarte, schrieb ein paar nette Zeilen und schickte sie parallel zum Brief mit ab. Da wird sich Frau Schumacher doch sicherlich freuen. Und ich? Ich muss an dieser Stelle zunächst mal meine Frau grüßen, die ich natürlich liebe. Und wenn es die Zeit nachher erlaubt, werde ich mal besser zum Postamt fahren...

In dem Sinne, do jutra, also bis morgen,

Kai Schiller

Abendblatt-Redakteur Kai Schiller begleitet die deutsche Nationalmannschaft während der EM. Jeden Tag schreibt er einen Brief an Hamburg, heute aus Sopot bei Danzig.