2. Bundesliga

Der FC St. Pauli verliert Leart Paqarada

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Rupert Fabig
Leart Paqarada wird von Sommer an in der Bundesliga spielen.

Leart Paqarada wird von Sommer an in der Bundesliga spielen.

Foto: Witters

Linksverteidiger wechselt im Juli zum 1. FC Köln. Für St. Pauli ist Paqarada kaum gleichwertig zu ersetzen.

Mönchengladbach/Hamburg.  Leart Paqarada trägt eine Halskette, die er nur äußerst ungern ablegt. Er dürfte sie deshalb am Sonntag beim Regenerationstraining getragen haben, er trug das glänzende Accessoire auch beim Testspiel des FC St. Pauli bei Borussia Mönchengladbach. Bis er sie eben nicht mehr tragen durfte, weil Schiedsrichter Robin Braun Paqarada nach fünf Minuten darum bat, sein Schmuckstück abzulegen. Was den 28-Jährigen dann nicht davon abhielt, einfach trotzdem selbst zu glänzen und den Zweitliga-15. zum überraschenden 1:0 (1:0)-Sieg im Borussia-Park zu führen.

Den Rasen dort hatte Paqarada glänzend gelaunt betreten. Den Grund dafür hatte das Abendblatt kurz vor Spielbeginn enthüllt: Der Co-Kapitän des Kiezclubs, dessen Arbeitspapiere in Hamburg bis Saisonende befristet sind, hat einen Dreijahresvertrag beim Bundesligisten 1. FC Köln unterschrieben, der vom 1. Juli an Gültigkeit besitzt. Weder Paqarada noch Verantwortliche des FC St. Pauli wollten auf Anfrage Stellung dazu beziehen. Böses Blut aufseiten der Braun-Weißen gibt es jedoch keines. Spielern, die ins finale halbe Jahr ihres Vertrags gehen, ist es gestattet, mit anderen Vereinen zu verhandeln, ohne den eigenen darüber zu informieren.

Der FC St. Pauli verliert Leart Paqarada

St. Pauli hatte nicht ernsthaft damit gerechnet, seinen besten Spieler über den Sommer hinaus beschäftigen zu können, war aus bekannten sportlichen Gründen aber auch nicht gewillt, ihn noch in diesem Wintertransferfenster zu verkaufen. Nun zieht Paqarada ablösefrei ab, und er nutzt damit seine womöglich letzte Chance, um noch den Sprung in die Bundesliga zu schaffen.

Im vergangenen Sommer soll der FC Schalke 04 rund 1,5 Millionen Euro geboten haben, St. Pauli war das verständlicherweise zu wenig. Mehr drang damals nicht nach außen. Paqarada, der, wenn er mit den Medien spricht, stets freundlich und professionell antwortet, schottet sich mitunter ab, hat keinen festen Berater. Spieleragenten betreuen ihn stattdessen punktuell, wenn es nötig ist.

Für St. Pauli ist Paqarada kaum gleichwertig zu ersetzen

Um den Jahreswechsel herum soll der Kontakt zu demjenigen Berater abgeebbt sein, der diese Aufgaben zuletzt für den Linksfuß übernommen hatte. Eine andere Agentur sprang ein, Gerüchte über Interesse aus der US-amerikanischen Major League Soccer machten die Runde. Stattdessen nun die Rückkehr in die Heimat für den in Aachen geborenen und bei Bayer Leverkusen ausgebildeten Paqarada, da ihn „die halbe Bundesliga jagt“, wie Kölns Sportchef Christian Keller formulierte. Wenngleich der 44-Jährige bislang nicht bestätigte, den Gejagten vertraglich gebunden zu haben, ließ er tief blicken: „Ich finde, dass er der beste Linksverteidiger der Zweiten Liga ist, und ich fände es sehr schön, wenn er bei uns spielt.“

Für St. Pauli ist Paqarada kaum gleichwertig zu ersetzen. Das ist jetzt allerdings noch kein Thema. Aus guten Gründen: Kapitän Jackson Irvine mag der vokale Anführer und Publikumsliebling sein, Eric Smith der Abwehrchef, aber Paqarada ist der Motor, der unermüdlich antreibt, auf den das Offensivspiel fixiert ist. Nach dem verpassten Aufstieg im vergangenen Jahr war ihm zumindest zu Beginn der Saisonvorbereitung die Frustration darüber – sowie über ein Veto des Kiezclubs zu einem Transfer in die Bundesliga – anzusehen. Einige Fans monierten mitunter seine Körpersprache, verärgertes Abwinken in Richtung der Kollegen, Augenrollen. Und trotzdem: Es waren genau diese Mitspieler, die ihn zum Kapitän wählten, die ihm weiter blind vertrauen.

Die Leistungen Paqaradas wirkten subjektiv betrachtet etwas unproduktiver als die herausragenden in der Saison zuvor. Doch die objektiven Werte sagen etwas ganz anderes aus: Nach Recherchen des Blogs „Millernton“ ist der kosovarische Nationalspieler sogar besser geworden.

Leart Paqarada ist der beste Außenverteidiger der Zweiten Liga

Nun bitte festhalten: Kein Außenverteidiger der Zweiten Liga hat in der Hinrunde: mehr Flanken geschlagen, mehr Pässe ins finale Drittel, mehr Pässe in den gegnerischen Strafraum gespielt, die jeweils höchste Anzahl an erfolgreichen Zuspielen in diesen Kategorien, mehr erfolgreiche Pässe nah ans gegnerische Tor gespielt, mehr progressive Pässe gespielt und einen höheren Wert bei den zu erwartenden Torvorlagen. Kurz zusammengefasst: Leart Paqarada ist der beste Außenverteidiger der Zweiten Liga, und St. Pauli kommt nur so weit, wie sein Star die Mannschaft tragen kann.

„Er spielt seit Jahren konstant, verfügt über ein hohes Spielverständnis und technische Möglichkeiten, ist sehr spielintelligent, sicher im Spielaufbau und kann ex­trem viel Torgefahr in den gegnerischen Strafraum bringen“, sagt Keller und fasst damit gut zusammen, was in Mönchengladbach zu sehen war. Die Vorlage für das Hackentraumtor von David Otto (24.) kam, selbstverständlich, von Paqarada.

Glänzend in Szene gesetzt: der gelöst wirkende Paqarada

Der ebenso vom 5-2-3-System, das unter dem neuen Trainer Fabian Hürzeler praktiziert wird, profitiert wie die meisten seiner Kollegen. „Das funktioniert sehr gut“, sagt Marcel Hartel, „weil wir nach Ballgewinnen direkt drei offensive Spieler parat haben.“ Die gegen den Tabellenachten der Bundesliga, für den der Test die Generalprobe für den Ligawiederbeginn kommenden Sonntag gegen Leverkusen war, niemand so glänzend in Szene setzte wie der gelöst wirkende Paqarada.

Darüber hinaus? „Muss es uns noch besser gelingen, den letzten Pass zu spielen, den freien Mann zu sehen“, sagte Hürzeler, der anhand der Aufzählung der Potenzialfelder kritischer wirkte, als er es eigentlich wollte. „Wir waren mutig, die Mentalität hat gestimmt, auch als wir in der zweiten Halbzeit hinten reingedrückt wurden. Aber wir hängen einen Sieg im Testspiel nicht zu hoch“, ergänzte er.

Währenddessen sprintete im Hintergrund Paqarada durch die Mixedzone. Sein Ziel: die Gladbacher Kabine. Trikottausch. Wessen Leibchen er ergatterte, blieb sein Geheimnis. Gewissheit gibt es nur darüber: Es wird nicht sein letztes Bundesliga-Sammlerstück sein.

FC St. Pauli: Vasilj – Saliakas (80. Wieckhoff), Dzwigala (80. Boukhalfa), Smith (61. Beifus), Mets (46. Medic), Paqarada (80. Ritzka) – Irvine (61. Fazliji), Hartel (46. Aremu) – Metcalfe (80. Saad), Otto (61. Maurides), Daschner (80. Matanovic). Tor: 0:1 Otto (24.). Schiedsrichter: Braun (Wuppertal). Zuschauer: 5572.

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