Hamburg. Er war einer der Gewinner der WM 2006. Doch dann drohte dem Dortmunder eine Amputation. Jetzt kickt er beim Legenden-Tag am Millerntor.

Als David Odonkor (32) die C-Jugend im Stadion spielen sieht, verzieht er das Gesicht. In gut zwei Stunden soll genau hier das Oberligaspiel der Hammer Spielvereinigung gegen den FC Gütersloh angepfiffen werden. Dass jetzt Jugendfußballer auf dem ohnehin ramponierten Rasen kicken, kann ihm als sportlichen Leiter des Clubs nicht wirklich gefallen. „Die Jungs haben sich so auf den Auftritt in der Arena gefreut“, bittet ein Vereinsfunktionär um Verständnis. Odonkor nickt, in der fünften Liga gehören Kompromisse dazu wie das Bier nach dem Abpfiff.

Rund 40 Kilometer weiter östlich hatte Odonkor vor gut zehn Jahren in Dortmund seinen ganz großen Auftritt beim WM-Gruppenspiel gegen Polen. Als Joker servierte er am 14. Juni 2006 den Ball in der Schlussminute perfekt auf Oliver Neuville, der seine Vorlag zum 1:0-Last-minute-Sieg über Polen verwandelte. Am Sonntag steht Odonkor wieder im Blickpunkt. Erstmalig kickt er beim „Tag der Legenden“ am Millerntor. Vorab sprach er mit dem Abendblatt über die Sommermärchen-Euphorie und sein trauriges Karriereende.

Herr Odonkor, Ihre Nominierung für den WM-Kader 2006 war selbst für Insider eine große Überraschung. Wer hat Sie damals eigentlich informiert?

David Odonkor: Ich saß bei meinen Schwiegereltern am Frühstückstisch, als DFB-Trainer Horst Hrubesch mich um kurz nach neun Uhr anrief und sagte: Du bist bei der U-21-EM leider nicht dabei. Das war natürlich ein Schock für mich. Aber dann sagte er: Jürgen Klinsmann hat dich stattdessen in den Kader für die WM berufen. Und zwei Minuten war Klinsmann dann wirklich am Apparat, ich wollte es nicht glauben.

Hatten Sie zunächst Angst, dass Sie Opfer eines schlechten Scherzes sein könnten? Stimmenimitatoren, die für Radiosender arbeiten, gibt es ja genug. Sie kannten Klinsmann ja zuvor nur aus den Medien.

Nein, ich hatte mir die Nominierung nach einer wirklich guten Saison für Dortmund mit 33 von 34 möglichen Einsätzen ja auch irgendwie verdient.

Und dann gehörten Sie auf einmal zum erlauchten Kreis der Heim-WM-Mannschaft …

ich hatte natürlich Respekt vor Spielern wie Michael Ballack oder Oliver Kahn. Aber die waren allesamt sehr nett. Mir hat imponiert, dass manche Spieler privat ganz anders ticken als auf dem Spielfeld. Der Olli etwa lebte im Strafraum seinen ganz eigenen Film, sehr speziell. Aber beim Mittagessen erzählte er wunderbare Witze. Der Zusammenhalt der Truppe war super. Und die Jungs haben gespürt, dass ich ihnen mit meiner Schnelligkeit helfen kann.

So wie in der Nachspielzeit beim Stand von 0:0 im zweiten WM-Spiel gegen Polen. Ihre Vorlage verwandelte Oliver Neuville zum 1:0-Sieg.

Das war unfassbar. Die Flanke zum entscheidenden Tor, in meinem Stadion, mehr geht nicht. Dieses Tor hat die Sommermärchen-Euphorie ausgelöst. Ich habe nie wieder in meiner Karriere eine solche Begeisterung von Fans erlebt wie damals. Wir haben etwas Großes geschaffen.

Damals galten Sie mit einer Hundert-Meter-Zeit von 10,8 Sekunden als schnellster Profi der Bundesliga.

Meine Bestzeit war sogar 10,7 Sekunden. Dabei habe ich nie ein spezielles Sprinttraining gemacht. Diese Gabe hat mir der liebe Gott in die Wiege gelegt.

Mit einem Leichtathletik-Coach hätten Sie auch als Sprinter Karriere machen können. Die nationale Spitze war gerade eine halbe Sekunde schneller.

Ich hatte 2002 auch überlegt, ob ich einmal in der Woche zum Leichtathletik-Training gehen soll. Aber unser damaliger Trainer Matthias Sammer war dagegen, er hielt die Gefahr von Muskelfaserrissen für zu groß.

Ein Bild der WM zeigt, wie Kanzlerin Angela Merkel Sie mit weit aufgerissenem Mund anstarrt. Was war da passiert?

Als wir in der Mannschaftssitzung vor dem Spiel um Platz drei informiert wurden, dass die Kanzlerin kommt, habe ich mir mit Jens Lehmann überlegt, dass wir sie fragen, ob sie nicht für weniger Steuern und niedrige Benzinpreis sorgen kann. Ich habe das dann gemacht, das Foto ihrer Reaktion steht bei uns im Wohnzimmer. Überlegen Sie mal, ich war damals 22 und durfte mit der Kanzlerin reden.

Sie waren in Dortmund einer der Publikumslieblinge. Warum sind Sie dann direkt nach der WM zu Betis Sevilla gegangen?

Ich wollte auf jeden Fall bei der Borussia bleiben. Aber die Dortmunder waren damals in einer finanziell schwierigen Situation, konnten die 6,5 Millionen Euro Ablöse gut gebrauchen. Und Manager Michael Zorc hat mir ganz offen gesagt, dass ich das Geld, was ich bei Betis Sevilla verdienen kann, in Dortmund nie verdienen werde. Also bin ich rüber nach Spanien.

Glücklich sind Sie dort nicht geworden.

Das stimmt so nicht. Privat haben meine Frau und ich uns dort sehr wohl gefühlt. Und ich habe mich auch menschlich weiterentwickelt. Wir konnten praktisch kein Wort Spanisch. Wir mussten in einer Stadt, in der höchstens 20 Prozent der Leute Englisch können, klarkommen. Das war schon eine Herausforderung.

Aber in Spanien begann Ihre lange Leidenszeit als Profi.

Ich hatte auch schon in Dortmund Probleme mit den Knien. Aber in Sevilla wurde es immer schlimmer.

Am Ende wurden Sie fünfmal am Knie operiert. Haben Sie manchmal gedacht, warum immer ich?

Immer dann, wenn der Doktor zu mir sagte, du musst wieder unter das Messer. Bei einem Kreuzbandriss weiß du ja, es wird das vordere oder das hintere Kreuzband ausgetauscht, dann kommt eine Reha, dann kannst du irgendwann wieder spielen. Bei einem Knorpelschaden geht immer wieder ein anderes Stück Knorpel kaputt, mal vorne, mal seitlich, mal hinten.

2014 haben Mitspieler der WM 2006 wie Schweinsteiger oder Podolski den Titel gewonnen. Sie hätten da auch dabei sein können, wenn Sie fit geblieben wären.

Solche Gedanken würden einen auf Dauer kaputt machen. Nein, ganz ehrlich, ich habe mich für jeden der Jungs gefreut. Und ich bin trotzdem stolz auf meine Karriere. Ich bin immer wieder zurückgekommen.

Sogar nach einer schlimmen Entzündung im Gelenk.

Es ist 2010 bei der fünften Operation passiert, irgendetwas war offenbar nicht steril. Das gesamte Knie hat sich entzündet. Diese Schmerzen kann nur jemand nachvollziehen, der auch schon mal eine Entzündung im Gelenk hatte. Es war die Hölle. Ich konnte sechs Wochen lang mein Bein nicht bewegen, nicht aufstehen, meine Frau hat mich rund um die Uhr gepflegt. Und die Ärzte hatten mir gesagt, dass mein Bein vielleicht amputiert werden muss. Erst der Orthopäde Dr. Ulrich Boenisch (operierte auch Nationalspieler Sami Khedira, die Red.) hat die Entzündung mit Antibiotika-Spülungen in den Griff bekommen. Ihm werde ich mein Leben lang dankbar sein.

Selbst danach haben Sie bei Alemannia Aachen noch einmal in der Zweiten Bundesliga einen Neuanfang gewagt.

Leider sind wir abgestiegen, weil der Verein falsche Entscheidungen bei der Trainerwahl getroffen hat. Dennoch war es eine gute Zeit. Genau wie später dann in der Ukraine in Uschhorod. Doch die Schmerzen im Knie kamen immer wieder zurück. Ich wollte nicht riskieren, dass meine Tochter irgendwann schneller läuft als ich. Mit noch nicht einmal 30 Jahren ein künstliches Kniegelenk zu bekommen war für mich keine Alternative.

Wer Sie heute bei Promispielen sieht, kann gar nicht glauben, dass Sie Ihre Karriere aus gesundheitlichen Gründen mit 29 Jahren beenden mussten. Sie wirken spritzig wie eh und je.

Ich würde auch wohl immer noch die 100 Meter in 11,2 Sekunden laufen. Aber niemand sieht, wie es mir nach den Spielen geht. Die Schmerzen sind wie Messerstiche, ich muss dann schon ein oder zwei Tabletten mehr nehmen.

Warum tun Sie sich dann solche Spiele wie am Sonntag beim Tag der Legenden überhaupt noch an?

Weil es einfach wunderbar ist, mit den einstigen Kollegen zu kicken, ganz ohne den Gedanken an einen Stammplatz. Und ich war immer ein Kämpfer, ich kann mit Schmerzen umgehen. Wenn der Trainer es wünscht, spiele ich am Sonntag auch durch.

Wir müssen noch über einen TV-Auftritt reden. 2015 sind Sie in den Big-Brother-Container gezogen. Das machen doch nur C-Promis, die Geld brauchen.

Das ist Quatsch. Ich wollte damals einen Teil meiner Persönlichkeit zeigen. Und mich selbst beweisen. Drei Wochen lang ohne Tageslicht, ohne Handy und vor allem ohne Kontakt zu meiner Familie, das war extrem hart. Aber am Ende habe ich das Ding gewonnen. Und mit Désirée Nick eine wunderbare Frau kennengelernt. Wir haben heute noch Kontakt.

Herr Odonkor, Sie sind jetzt sportlicher Leiter eines kleinen Oberligavereins mit im Schnitt 600 Zuschauern. Das kann doch nicht Ihr Anspruch als ehemaliger Nationalspieler sein.

Warum nicht? Ich habe nie vergessen, wo ich hergekommen bin. Wenn ich hier Jungs, die zwischen 50 und ein paar Hundert Euro im Monat bekommen, helfen kann, besser zu werden, macht mich das sehr froh. Und vielleicht schafft ja mal einer den Sprung zu den Profis.

Wo sehen Sie sich in ein paar Jahren?

Ich lebe nur noch im Hier und Jetzt. Wenn ich eines Tages mal weiter oben arbeiten kann, ist es gut, wenn nicht auch. Die Zeiten, in denen ich alles durchgeplant habe, sind vorbei. Das bringt nichts. Denn du weißt nie, wie es am Ende kommt.