„Besseres Debüt kann man sich nicht vorstellen“

Wolfsburgs Weltmeister Schürrle war an allen Toren beim 3:0 über Hoffenheim beteiligt

Wolfsburg . Wozu also das ganze Training? Was gibt es an normalen Werktagen eigentlich noch zu üben? Das Beispiel von André Schürrle zeigt, dass man die Qualität einer Bundesligamannschaft auch auf Bestellung steigern kann. „Es hat einfach perfekt gepasst“, sagte der Neuzugang des VfL Wolfsburg nach seinem sehenswerten Einstand. Montags verpflichtet, ein paar Tage lang ins Team integriert, am Sonnabend dann gleich triumphiert: Die große Schürrle-Show, die es beim 3:0(2:0)-Heimsieg gegen die TSG Hoffenheim zu bestaunen gab, lüftete auch ein Geheimnis. Es gibt also wirklich solch begnadete Fußballer, die aus dem Stand heraus Weltklasse abliefern und mit gestandenen Bundesligaprofis Katz und Maus spielen. Schürrle war an allen Toren beteiligt. Er hat zwei davon direkt vorbereitet. Herzlich willkommen und rums.

Die Bundesliga hat einen Weltmeister und außergewöhnlichen Könner zurück. Dass dafür mal eben so 32 Millionen Euro an den FC Chelsea überwiesen werden mussten, findet die minderbemittelte Konkurrenz des VfL Wolfsburg natürlich doof. Aber vielleicht sollte man dem Autobauer-Verein doch ein wenig dankbar dafür sein, dass er so großspurig agieren kann. Ein Schürrle in dieser Verfassung ist nämlich eine Augenweide und für einen Tribünenplatz in der Premier League viel zu schade. Der 24 Jahre alte Angreifer, zuletzt in Chelsea nur noch ungeliebter Reservist, hatte sich wie ein kleines Kind auf sein erstes Pflichtspiel für die Niedersachsen gefreut. Laufbereitschaft: Note 1. Spielverständnis: Note 1 mit Sternchen. „Ein besseres Debüt kann man sich nicht vorstellen“, findet Wolfsburgs Chefcoach Dieter Hecking. Es liegt an der hohen Ablösesumme und an der individuellen Klasse von Schürrle: Hecking wird künftig mit Blick auf seine Startelf wohl immer über eine Position weniger nachdenken müssen. Denn Schürrle dürfte stets gesetzt sein.

Der VfL Wolfsburg besitzt viel Erfahrung im Umgang mit großen Buchungsposten. Er hat sich seit seinem Titelgewinn 2009 Könner aus aller Welt und in Serie geleistet. Zu den schlechtesten Erfahrungen dabei hat gehört, von einem Ausnahmekönner und Egozentriker zugleich abhängig gewesen zu sein. Der Brasilianer Diego war eine hochbegabte, aber auch sündhaft teure und selbstverliebte Zaubermaus. Wenn er mal nicht wollte oder konnte, funktionierte das gesamte Spielsystem des VfL Wolfsburg nicht mehr. Der neue Kurs des Clubs, den Geschäftsführer Klaus Allofs eingeschlagen hat, ist die deutlich schlauere Variante. Sowohl der Belgier Kevin de Bruyne, gegen Hoffenheim zweifacher Torschütze, als auch sein neuer Partner Schürrle sind Ballverteiler der modernen Sorte. Sie machen das Spiel schnell, ergötzen sich nicht an langen Dribblings und fügen sich in komplexe Spielsysteme, als ob es eine Selbstverständlichkeit wäre.

Der Mangel an Tradition und der Überfluss an Geld bringen den VfL Wolfsburg regelmäßig in Erklärungsnot. Unter all den Ausreden, die der Transfer-Verantwortliche Allofs dafür immer wieder bemüht, dürfte die erstklassige Leistung von Schürrle die mit Abstand beste sein. Von einer Last, für die all die Debatten um seinen exorbitant hohen Marktwert sorgen können, war bei seinem Debüt nichts zu sehen. Schweißperlen auf der Stirn oder ähnliche Spuren von hoher Anstrengung suchte man bei Schürrle nach seinen ersten 90 Minuten in Wolfsburg vergeblich. „Ich habe mich auch in der Schlussphase noch gut gefühlt. Da geht noch mehr“, sagte der Mann, bei dem am Ende gar nicht klar war, ob er denn nun auf der linken oder auf der rechten Außenseite aufgestellt war.

Was der VfL Wolfsburg am 20. Spieltag der Bundesliga erlebt hat, war ein Aufbruch in neue Zeiten. Die hohe Ablöse für Schürrle dürfte eine Investition sein, die sich mit dem direkten Einzug in die Champions League schnell wieder bezahlt macht. Fast noch wichtiger ist: Schürrle taugt zu einer Vorzeigefigur, mit deren Hilfe sich das Image des Vereines weiter aufpolieren lässt. Er schreibt auch bei Eiseskälte fleißig Autogramme. Wenn andere schon duschen, übt er auf dem Platz noch die eine oder andere Finte beim Torschuss. Liebe Neider: Schürrles Art und seine Fußball-Kunst machen es schwer, mit dem moralischen Zeigefinger auf ihn und seine Verpflichtung zu zeigen.

Sehr enttäuscht verließen dagegen die Hoffenheimer die Autostadt. Die Mannschaft von Markus Gisdol steigerte sich im zweiten Durchgang und hatte etliche Torchancen, doch am Ende stand die dritte Niederlage in Folge fest, die internationalen Plätze sind für die Kraichgauer nach dem Fehlstart zunächst aus der Reichweite. „Am Ende steht ein 0:3. Das ist natürlich ärgerlich. Das Ergebnis spiegelt den Verlauf des Spiels nicht richtig wider“, meinte Gisdol, der sich zudem über einen nicht gegebenen Strafstoß ärgerte.