Frankreich wackelt, fällt aber nicht

Der Favorit enttäuscht beim 2:0-Sieg gegen Nigeria lange Zeit, kann sich aber über den Viertelfinaleinzug freuen

Brasilia. Didier Deschamps lächelte, als ihm Paul Pogba kurz nach dem Spiel über den Weg lief. Dann tätschelte der Trainer dem jungen Mittelfeldspieler zärtlich die Wange. Deschamps wusste, beim wem er sich zu bedanken hatte. Mit einem Kopfballtor hatte Pogba der französischen Nationalmannschaft geistesgegenwärtig den Weg ins Viertelfinale der WM geebnet. Das Spiel gegen widerspenstige Nigerianer endete 2:0, doch der Treffer des jungen Mannes mit der eigenwilligen Frisur war in einem zähen Ringen um den Sieg der Knackpunkt (79.).

„Dafür gibt es keine Worte. Dieses Tor hat uns alle befreit“, erkannte Pogba völlig korrekt. Dass dem nigerianischen Kapitän Joseph Yobo in der zweiten Minute der Nachspielzeit noch ein Eigentor unterlief, war nicht mehr wichtig. Der Afrikameister war zu diesem Zeitpunkt schon geschlagen, durch Pogbas Treffer, bei dem der lange so hervorragende Torhüter Vincent Enyeama unfreiwillig nachhalf: Er legte dem Schützen nach einer Ecke den Ball praktisch auf den Kopf, der 21 Jahre junge Franzose reagierte blitzschnell.

„Eine ganze Nation steht hinter uns. So für mein Team und mein Land zu treffen ist einfach unglaublich“, sagte der noch ein bisschen schüchtern wirkende Pogba. Und ja, ergänzte er, „das ist einer der größten Momente meiner Karriere“. Doch es soll nicht der letzte gewesen sein, wie Deschamps betonte: „Wir sind sehr glücklich. Der Gegner hat es uns sehr schwer gemacht, aber wir hatten noch Lösungen parat. Jetzt wollen wir natürlich auch das Viertelfinale überstehen.“ Gespielt wird am Freitag (18 Uhr) in Rio de Janeiro gegen Deutschland.

Die Enttäuschung bei den Nigerianern war verständlicherweise groß. „Es ist schon sehr schade. Wir hatten es wirklich nicht verdient zu verlieren“, sagte Trainer Stephen Keshi, außerdem hätten die „Super Eagles“ gezeigt, dass sie „zu den besten Mannschaften der Welt gehören.“ Und dennoch: Zum dritten Mal nach 1994 und 1998 schafften die Afrikaner zwar noch den Sprung ins Achtelfinale – aber eben nicht weiter. Dabei waren sie lange gleichwertig gewesen gegen Frankreich.

Trainer Keshi ließ nach dem Abpfiff offen, ob er im Amt bleibt. „Ich gehe nach Hause, werde meine Frau wiedersehen und meine Kinder“, meinte er nur. Seine Analyse fiel treffend aus: „Das war ein gutes Spiel von uns, aber dass wir verloren haben, das ist schlecht.“ Der unglückliche Jubilar Yobo, mit seinem zehnten Endrundeneinsatz nun Nigerias WM-Rekordspieler vor dem einstigen Frankfurter Jay-Jay Okocha, klagte: „Wir haben alles gegeben, aber so ist Fußball. Wir hätten es heute besser machen können. Am Anfang haben wir gut gespielt, nur unsere Chancen nicht genutzt.“

Der Rückstand der Nigerianer hatte sich nach einem lange Zeit ausgeglichenen Spiel abgezeichnet. Zunächst warf sich Torhüter Enyeama dem enttäuschenden, aber in dieser Szene freien Karim Benzema entgegen – doch den abgefälschten Ball konnte Victor Moses ein paar Zentimeter vor der Torlinie wegschlagen (70.). Yohan Cabaye traf wenig später die Latte (77.). Dann legte der bis dahin sehr gute Enyeama nach einer Ecke von Valbuena Torschütze Pogba den Ball geradezu auf den Kopf.

Bis zu dieser Phase ab der 70. Minute hatten die Franzosen freilich große Probleme offenbart. Von den erfrischenden und leichtfüßigen Auftritten der Vorrunde war wenig zu sehen im Estadio Nacional von Brasilia. Erst nach anfänglichen Problemen bekam der Weltmeister von 1998 das Spiel besser in den Griff, war aber weitgehend ungefährlich. Lediglich Mathieu Valbuena war auf der rechten Angriffsseite eine stete Gefahr. Der Mann von Olympique Marseille bereitete zunächst auch die beiden besten Chancen seiner Mannschaft vor. Doch Torhüter Enyeama wehrte mit einem unglaublichen Reflex zunächst den Schuss von Pogba noch zur Ecke ab (22.). Und nach einem Querpass von Valbuena schoss Mathieu Debuchy knapp vorbei (40.). Mehr aber brachten die Franzosen nicht zustande,

Die Nigerianer spielten unorthodox, gingen energisch in die Zweikämpfe, spielten auch schnell nach vorn, brachten aber den letzten, entscheidenden Pass oft nicht zum Mitspieler. Aber auch die Afrikaner hatten die eine oder andere Chance, die beste schon in der 19. Minute – Emmanuel Emenike allerdings stand bei seinem Treffer nach Pass von Ahmed Musa knapp im Abseits. Den Schuss von Emenike in der 44. Minute parierte Hugo Lloris. Nach der Pause ging das zähe Ringen weiter. Bis Pogba, der für Juventus Turin spielt, nach dem Patzer von Enyeama hervorragend reagierte.

Frankreich: Lloris – Debuchy, Varane, Koscielny, Evra – Pogba, Cabaye, Matuidi – Valbuena (ab 90.+4 Sissoko), Giroud (ab 62. Griezmann), Benzema.Nigeria: Enyeama – Ambrose, Yobo, Oshaniwa, Omeruo – Onazi (ab 59. Gabriel), Mikel – Odemwingie, Moses (ab 89. Nwofor), Musa – Emenike.Schiedsrichter: Geiger (USA). Zuschauer: 67.882. Tore: 1:0 Pogba (79.), 2:0 Yobo (90.+2, Eigentor). Gelbe Karte: Matuidi.