TV-Kritik

Keine Spiele, keine Sendung – kalter WM-Entzug am Freitag

Gestern in der U-Bahn: „Digger, wer spielt heute?“ „Keiner, Digger. Spielfrei.“ „Ach Quatsch. Und nu?“

Ja genau. Und nu? Seit 15 Tagen war jeden Tag WM. Jeden Tag wurde gekickt. Große Spiele gab es, wie Spanien gegen die Niederlande, und ereignislosen Murks wie Griechenland gegen Japan. Egal. Wir waren dabei. Live und in Farbe. Auch mitten in der Nacht.

Und wenn der Ball nicht rollte, dann kamen schon Katrin Müller-Hohenstein und Gerhard Delling, Mehmet Scholl und Oliver Kahn und all die anderen Experten, Moderatoren, Interviewer, Ranschmeißer und Randfiguren. Hauptsache WM.

Die Quoten sind überragend. Durchschnittlich 27,25 Millionen sahen am Donnerstag das deutsche Regenspiel gegen die USA, das war ein Marktanteil von 84,2 Prozent. Rekord natürlich. Fußball macht alles platt und eben nicht nur, wenn Jogis Jungs aktiv sind. Im Schnitt verfolgten bislang 9,50 Millionen Zuschauer (Marktanteil 46,56 Prozent!) die Spiele. Alle Spiele.

Das kostet natürlich auch. 180 Millionen Euro TV-Gebührengelder sollen die Übertragungsrechte gekostet haben. Die Produktions- und Personalkosten in Brasilien noch gar nicht mitgerechnet. Aber das ist schon in Ordnung. Wir wollen es genau so. Die WM vereint.

Und Freitag? Um 9.05 Uhr in der Früh stand Rudi Cerne vom ZDF einsam auf seiner Hotelterrasse mit Blick über die Copacabana und kündigte eine vollständige Wiederholung des Spiels Deutschland – USA an. Ein Fake. Beim Rudi war es im Hintergrund schon hell, in Rio um 4.05 Uhr morgens aber tatsächlich noch nicht. Aber was soll’s?

Offenbar hatten sich ARD und ZDF für Freitag zu einer gemeinsamen Freizeit verabredet. Keine Spiele, kein Programm. Keine Schalte ins deutsche Lager, kein Stimmungsbericht aus Algerien, kein Frühsport mit Fernanda Brandao. Keine Vorgucker, keine Verletztenmeldungen, keine Spekulationen, keine Interviews. Funkstille. Stattdessen vielleicht ein Teamausflug aller zu den Wasserfällen von Iguaçu?

Und wir daheim? Wurden von jetzt auf gleich auf kalten WM-Entzug gesetzt. Und schlagen „spielfrei“ jetzt schon zum Unwort des Jahres vor.