Trainer Pekerman hat Kolumbien wieder eine Identität gegeben

Gegen Uruguay soll der erste WM-Viertelfinaleinzug gelingen

Rio de Janeiro. Taxifahrer, Fußballprofi, Volksheld, Staatsfeind Nummer eins: All das war José Nestor Pekerman in seinem immerhin schon 64 Jahre langen Leben. Jetzt ist Kolumbiens Nationaltrainer mal wieder ganz oben. Am Sonnabend (22 Uhr/ARD) schickt sich seine Mannschaft an, im südamerikanischen Achtelfinalduell mit Uruguay erstmals ins WM-Viertelfinale vorzustoßen – und Pekermans Dämonen endgültig zu vertreiben.

Die verfolgen ihn seit acht Jahren. 2006 kam Pekerman als Trainer seines Heimatlandes Argentinien voller Hoffnungen nach Deutschland – und kehrte als Staatsfeind Nummer eins viel zu früh zurück. Weil er, der gewiefte Taktiker, der dreimalige U20-Weltmeister, sich dieses eine Mal vertan hatte. Im Viertelfinale gegen Deutschland stand es am 30. Juni 1:0 für die „Albiceleste“, als Pekerman seine beiden letzten Wechsel vornahm. Wen er brachte, weiß niemand mehr. Jeder Argentinier aber erinnert sich daran, wen er nicht brachte: einen 19-Jährigen namens Lionel Messi. Deutschland glich aus, Argentinien verlor im Elfmeterschießen – und Pekerman war der Trottel, der das größte Talent des Weltfußballs im entscheidenden Moment auf der Bank hatte sitzen lassen. Er verkündete direkt im Anschluss in der Pressekonferenz seinen Rücktritt. Pekerman war in der Hölle.

So wie 28 Jahre zuvor, als er seine Karriere als Profi im Alter von 28 Jahren wegen eines Knieschadens vorzeitig hatte beenden müssen. „Es war ein unsanfter Aufprall in der Realität“, sagte er einmal über diesen Moment. Fortan schlug er sich mit Gelegenheitsjobs und als Taxifahrer durch. „Aber ich hatte immer ein Lächeln im Gesicht.“ Am 30.Juni 2006 änderte sich das abrupt.

Pekerman flüchtete in die mexikanische Diaspora, bis er im Dezember 2011 einen Anruf des kolumbianischen Verbandes erhielt. Pekerman zweifelte. Kolumbien? Er hatte dort in den 70er-Jahren gespielt. Aber seit dem Ende der Ära Carlos Valderrama hatte Kolumbiens Fußball nicht mehr den besten Ruf. Er ließ sich trotzdem von Tochter Vanessa zum Flughafen bringen. „Papa“, sagte sie zum Abschied, „so oder so: du musst wieder zur WM.“ Pekerman unterschrieb, die Presse begrüßte ihn als „überbezahlten Argentinier“.

Doch Pekerman, ein Mann mit überragenden psychologischen Fähigkeiten, schaffte es. Am Tag nach der Qualifikation für Brasilien erhielt er die kolumbianische Staatsbürgerschaft ehrenhalber. Bei der WM stürmte seine taktisch flexible Mannschaft mit drei Siegen und neun Treffern ins Achtelfinale – nur die Niederlande traf häufiger. „Er hat unserem Fußball wieder eine Identität gegeben“, lobte Valderrama.

Pekerman hat sich nie beirren lassen. Wie damals, hinter dem Steuer seines Taxis. „Ich bin immer den Weg gefahren, von dem ich glaubte, dass er der beste ist“, sagte er einmal. Das tut er auch jetzt, am Zuckerhut.

Kolumbien: 1 Ospina – 18 Zúñiga, 2 Zapata, 3 Yepes, 7 Armero – 8 Aguilar, 6 Sánchez – 11 Cuadrado, 10 James Rodríguez, 14 Ibarbo – 9 Gutiérrez.Uruguay: 1 Muslera – 20 Gonzalez, 13 Gimenez, 3 Godín, 22 Cáceres – 6 Alvaro Pereira, 14 Lodeiro, 17 Arévalo, 7 Cristian Rodríguez – 10 Forlán, 21 Cavani.Schiedsrichter: Kuipers (Niederlande).