„Wir müssen die wegputzen“

Die deutsche Nationalmannschaft hat ihren Achtelfinalgegner Algerien schon zweimal in fahrlässiger Weise unterschätzt

Berlin. Fußball an Neujahr ist kein wahres Vergnügen. Eigentlich ruht da in aller Welt der Ball, und die Kicker schwingen höchstens im Tanzsaal das Bein, lassen die Sektkorken knallen und keine Bälle. Zumal in unseren Breiten die Plätze dann gewöhnlich schlecht bespielbar sind. Doch die deutsche Nationalmannschaft ging vor 50 Jahren in der kurzen Winterpause der ersten Bundesligasaison überhaupt auf Nordafrika-Reise, wo sie zumindest keinen Schnee erwartete. So weit ging der Plan auf, aber als sie an Silvester 1963 nach einem 4:1-Sieg in Marokko in Algier landete, begrüßte sie strömender Regen.

Fünf Tage ging das dort schon so, und so fiel die deutsche Länderspielpremiere mit Algerien am 1. Januar 1964 im doppelten Wortsinne ins Wasser (0:2). Und die Silvesterfeier, zu der der deutsche Botschafter lud, auch – zumindest für die Mannschaft von Sepp Herberger. Der gestrenge Bundestrainer schickte alle um 22 Uhr ins Bett.

Kapitän Uwe Seeler war nicht mitgereist, Herberger gewährte ihm Schonung nach einer Verletzung. Trotzdem waren die Deutschen hoher Favorit gegen die 1962 in die politische Unabhängigkeit entlassenen Algerier. Deutschland hatte die Ehre, Gegner im allerersten Länderspiel des neuen Staates zu sein, und so wohnte auch der Präsident dem Spiel bei.

Der Rahmen war dennoch unwürdig, das Spiel fand auf einem Ascheplatz statt. Und obwohl das Stadion ausverkauft war, sahen nur 17.000 Menschen zu. Die hatten früh Grund zur Freude, Mahi (8.) traf zum 1:0, Oudjani (30.) erhöhte auf 2:0. Zur Pause wechselte Herberger den Kölner Wolfgang Overath ein, aber in ungewohnter Mittelstürmerrolle konnte der 20-Jährige nicht viel ausrichten. Nach 61 Minuten scheiterte der Duisburger Werner „Eia“ Krämer mit einem Elfmeter an Torwart Boubekur, der sich allerdings viel zu früh bewegte. Der Schiedsrichter ließ es gelten. Nichts sollte offenbar Algeriens Start in die Fußballwelt trüben. Herberger stellte nach Abpfiff nüchtern fest: „Algerien verfügt über eine sehr starke Mannschaft, die nicht nur kämpfte, sondern auch ausgezeichnet spielte.“

Beim Wiedersehen 18 Jahre später, nun bei einer WM, sprach der Bundestrainer anders. Mittlerweile war Jupp Derwall am Ruder, und Deutschland hatte einen WM- und zwei EM-Titel mehr auf dem Briefkopf. Algerien hingegen war erstmals bei einer WM und für alle Experten das Kanonenfutter in der Vorrundengruppe. Sollte seine Elf gegen die Algerier verlieren, „fahre ich mit dem Zug nach Hause“, sagte Derwall: „Meine Spieler würden mich doch für doof erklären, wenn ich ihnen was über die algerische Mannschaft erzählen wollte.“ Torwart Toni Schumacher wurde so zitiert: „Wir schießen gegen Algerien zwischen vier und acht Tore. Um in Schwung zu kommen, müssen wir die nun mal wegputzen.“ Der deutsche Hochmut kam vor dem Fall.

Die Algerier stachelte das nur an, außerdem war es für sie wieder eine Premiere; am 16. Juni 1982 bestritten sie in Spanien ihr allererstes WM-Spiel. An ein Weiterkommen dachten sie selbst nicht, für den Fall hatten sie kein Hotel gebucht und hofften „dass uns die Fifa dann hilft“, wie Trainer Khalef mitteilte. Schumacher schenkte seinem Kollegen Cerbah gönnerhaft einen Satz Handschuhe und eine Torwartkappe und erntete dessen aufrichtigen Dank, denn „wir haben in Algerien bei der Materialbeschaffung immer große Probleme“. All das ließ nur einen Schluss zu: Hier trafen David und Goliath aufeinander. Und wie im Alten Testament siegte David, nun im Stadion „El Molinón“ zu Gijón, in dem sich 25.000 Zuschauer eingefunden hatten. Von den Rängen grüßte ein Transparent den „Weltmeister Deutschland“, der mit acht Europameistern von 1980 auflief. Herz der Mannschaft war das Bayern-Duo Breitner/Rummenigge, die Abwehr um Libero Uli Stielike war seit zwei Jahren eingespielt. Diese Formation hatte alle WM-Qualifikationsspiele gewonnen und war ein Titelfavorit.

Aber gegen Algerien, das nach nur sieben Minuten zwei Chancen hatte, reichte es nicht. Breitner konnte keine Impulse geben, „mit den Gedanken schien er neben dem Spiel zu liegen“, schrieb der „Kicker“. Mittelstürmer Hrubesch traf freistehend vor dem Tor die Eckfahne, Unmut machte sich breit. Erst recht, als ein algerischer Konter zu einem Tor führte. Rabah Madjer staubte nach Schumachers Parade zum 0:1 ab (52.). Als Rummenigge eine Magath-Flanke zum 1:1 über die Linie drückte (68.), hatte das mehr Nach- als Vorteile. Rummenigge zerrte sich dabei den Oberschenkel, was ihn das ganze Turnier lähmte – und das 1:1 währte nur ein paar Sekunden. Nach Wiederanpfiff schlug Algerien zurück, Kapitän Belloumi traf freistehend (69.) zum 1:2. In der Heimat war die Bestürzung groß, „Weltmeister nur im Sprücheklopfen“, hieß es. Der „Kicker“ suchte Derwall eine günstige Zugverbindung nach Frankfurt heraus – mit viermal Umsteigen.