WM-Kolumne

Wir sind Weltmeister – im Meckern und Jammern

Wir sind Weltmeister. In der Disziplin „schlechte Laune“. Der Deutsche meckert ja morgens, wenn er aufgewacht ist. Und warum? Weil er aufgewacht ist. Wir stöhnen, und wir heulen, wir jammern und zagen. Und dann sorgen wir dafür, dass unsere eigenen schlechten Erwartungen sich erfüllen. Darin sind wir spitze.

Neu ist: Wir machen das sogar beim Fußball. So echte Freude kommt vor diesem Turnier nicht auf, ganz anders als in den letzten Jahren. Wir waren lange genug sympathisch und verspielt – jetzt wollen wir auch mal gewinnen. Eigentlich. Vielleicht. Gleichzeitig wissen wir: Diesmal klappt das eh nicht.

Außerdem ist die Lage in Brasilien schlimm. Es gab noch nie ein Turnier, das im Vorhinein so wenig Freude vermittelte und so viel Skrupel, Unsicherheit und echte Auflehnung hervorrief. Allein die Fifa!! Angeblich soll Geld geflossen sein bei den WM-Vergaben! Und lokale Baufirmen, Funktionäre und Politiker sollen sich bereichert haben! Eine erschütternde Neuigkeit – das war uns allen vorher gar nicht klar. Bilder von demonstrierenden und randalierenden Einheimischen kann te man aus Brasilien nur vom Karneval. Und da waren sie immer lustiger verkleidet. Es ist furchtbar.

Das Schlimmste aber ist: Selbst bei einer perfekten WM, ökologisch, nachhaltig, non-profit, mit jungen, engagierten und hochtalentierten Spielern und einem deutschen Erfolg – wir Deutschen würden trotzdem noch meckern. „Das war nix!“, „Der Titel war doch nicht verdient!“, „Der Bundestrainer hat falsch gewechselt!“, „Die Mannschaft war dafür doch noch gar nicht reif!“, etc.pp.

So ging auch am sechsten Juni gegen 21.29 Uhr ein tiefes Seufzen durch unser Land. Es lief die 44. Spielminute eines Fußballspiels, das im Fernsehen übertragen wurde, obwohl es angeblich keine Bedeutung haben sollte. Laut Bildschirm-Info spielte GER gegen ARM. Das kommt ja auch europapolitisch in letzter Zeit öfters vor, dass wir unsere Muskeln spielen lassen. Und unser Geld. Ob man das dann noch „Freundschaftsspiel“ nennen kann, sei dahingestellt. Das Endergebnis dieser Partie sprach für sich: 6:1. Freundschaft, pah. Wer würde sich zusammentun mit einem sechsmal so großen Typen, der einem bei jeder Begegnung den Arsch versohlt?

Der deutsche, tja, sagen wir... „Gegner“ Armenien hatte sich nicht für die WM qualifiziert und musste daher als Sparringspartner zur WM-Vorbereitung Dritter verlierenderweise durch die Lande ziehen. Was für ein Schicksal: sich als Prügelknabe was dazu verdienen, um vielleicht eines Tages mit den Großen mitspielen zu dürfen. Armenien ist gewissermaßen das Ronald Pofalla unter den Nationalmannschaften.

Eine einseitige Partie war das – zumindest in der zweiten Halbzeit. Vorher jedoch wehrten sich die überaus agilen Armenier. Was einer nicht auf sich sitzen lassen wollte: Marco Reus. Der daher auf Wettkampfmodus umschaltete, übermotiviert in einen Zweikampf ging und sich dabei so schwer verletzte, dass er nun bei der WM gar nicht spielen kann. Wir schrieben die 44. Spielminute. Die 44, ausgerechnet. Die 44 erinnert Deutsche an das Jahr, in dem die alliierten Truppen in der Normandie landeten. Es war gewissermaßen „DMinute“, als an diesem Länderspielabend ganz Deutschland seufzte. Doch diesmal war es kein Akt der Befreiung. Ganz im Gegenteil. „Neiiiin!!!! Nicht der auch noch!!!“ - „Ohne Reus – was soll das werden...!?!?“ – „Nee, jetzt können die anderen auch gleich zu Hause bleiben...“ Unser Pessimismus war aufs Vortrefflichste gefüttert worden.

Über die Zusammenstellung des deutschen Kaders hatten wir uns ja schon vorher aufgeregt. „Waaaaaas soll das denn?!?!? Spielt Deutschland jetzt mit der 5-5-0- Taktik!?!?“ – „Nur Mittelfeld und Verteidigung, was soll das werden!?! Die griechische Rehakles- Strategie?!“ – „Von wegen falsche Neun, wir haben gar keine!!! Und übrigens auch keine Zehn und vor allem keine Elf!!“ Dabei haben wir einen Stürmer: Miro Klose. Für seine 52 Jahre immer noch erstaunlich fit. Und dank der Armenier jetzt alleiniger Rekordtorschütze der Nationalmannschaft. Fragt sich nur, ob man ihn dann nicht direkt nach seinem Rekordtor hätte nach Hause schicken sollen. Er persönlich hat sein Ziel ja schon erreicht!

Aber, ah, überhaupt, die vielen Verletzten, oh Gott, oh Gott. Was wurde da nicht schon wieder wochenlang gejammert. Neuer hat was an der Schulter, Lahm etwas am Fuß, und Schweinsteiger was am Kopf. Es ist so schrecklich. Unser Pessimismus ist nicht auszuhalten. Vielleicht sollten wir jetzt mal das tun, was wir sonst an den Brasilianern immer so gelobt haben: Wissen, wie es läuft und trotzdem feiern. Protestieren kann man im August auch noch. Aber die WM – die ist dann vorbei!

Lutz von Rosenberg Lipinsky, Jahrgang 1965, ist Kabarettist und Autor aus Hamburg. In seinem Buch „Die 33 tollsten Ängste – und wie man sie bekommt“ (Carlsen) befasst er sich unter anderem mit der Abstiegsangst und mit der vor dem Versagen.