Der Kronprinz von São Paulo

In seiner neuen Wahlheimat Brasilien fühlt sich der Peruaner Paolo Guerrero endlich frei. Ein Ortstermin beim ehemaligen Stürmer des Hamburger SV

São Paulo. An Pedro ist zunächst mal kein Vorbeikommen. Der baumlange Wachmann steht hinter dem drei Meter hohen Gittertor am Eingang des komplett umzäunten Trainingszentrums Joaquim Grava im Norden São Paulos und mustert die Besucher mit kritischem Blick. Es ist warm, 26 Grad im Schatten. Doch Schatten gibt es vor dem Eingangstor vom Sport Club Corinthians Paulista nicht. Ob man überhaupt einen Termin habe, will Pedro wissen. Und ob denn die Presseabteilung Bescheid wisse? Nach jeder Antwort spricht der Mann in Uniform aufgeregt in sein Walkie-Talkie. „Und mit wem wurde der Termin abgemacht?“, fragt er. „Mit Paolo persönlich?“, fragt er noch mal ungläubig nach und zieht die Augenbrauen hoch. Zehn Minuten und einige hitzige Diskussionen am Walkie-Talkie später hat auch Pedro ein Einsehen: „Paolo trainiert dort hinten“, sagt er, öffnet das Tor und zeigt auf einen 200 Meter entfernten Rasenplatz, „nach dem Training hat er Zeit“.

Vor zwei Jahren wechselte José Paolo Guerrero Gonzales für 3,5 Millionen Euro vom HSV nach São Paulo zum brasilianischen Traditionsverein Corinthians. In 134 Bundesligaspielen für den HSV hatte er 37-mal das Tor – und einmal mit einer Trinkflasche die Nase eines ihn beleidigenden Fans getroffen. Unvergessen sind Guerreros Traumtore im Uefa-Cup gegen Galatasaray Istanbul, genauso wie seine Sprunggrätsche an der Eckfahne gegen Stuttgarts Torhüter Sven Ulreich. Mal abgesehen von Pierre-Michel Lasogga war Guerrero wohl der beste HSV-Stürmer der vergangenen zehn Jahre. Der unterhaltsamste war er in jedem Fall.

Das Training ist beendet. Da hinten sei das Spielerhotel, erklärt der frühere Hamburger und zeigt nach rechts. 32 Apartments, ein Restaurant und ausreichend Playstation-Konsolen für alle Profis. Während der WM schlägt die iranische Nationalmannschaft ihr Quartier hier auf. Dann zeigt Guerrero stolz auf ein zehn mal zehn Meter großes Graffiti: „Und da hinten bin ich.“ Auf einer riesigen Mauer wird der Moment gezeigt, als der 30 Jahre alte Fußballer 2012 das Siegtor im Vereins-WM-Finale gegen Chelsea erzielte. Bereits wenige Monate nach seinem Wechsel vom HSV zu Corinthians hatte Guerrero für Furore gesorgt, als er seinen neuen Verein mit zwei Toren im Halbfinale in Japan gegen Al Ahly Kairo und im Finale gegen Chelsea quasi im Alleingang zum Titel schoss und köpfte. In São Paulo wurde der Matchwinner tagelang wie ein Held gefeiert. Und von 438 teilnehmenden Sportjournalisten gewählt, landete er anschließend hinter Brasiliens Superstar Neymar auf Platz zwei bei der Wahl zum König Südamerikas. Nach nicht einmal sechs Monaten in seiner neuen Wahlheimat war Guerrero der Kronprinz von São Paulo.

„Ich habe mich in Hamburg immer wohlgefühlt“, sagt der Fast-König, „aber in Brasilien fühle ich mich freier.“ Das Wetter sei natürlich besser, aber auch die Kultur sei eine andere. „In Hamburg sieht man in der Woche nach 22 Uhr keine Menschen mehr draußen. Hier sind zu jeder Tag- und Nachtzeit Leute auf der Straße. Es ist ein ganz anderes Leben hier, und ich mag das.“

Dass zu seinem neuen Leben auch dazugehört, von lauernden Paparazzi fotografiert zu werden, stört Guerrero nicht wirklich. So war sein gemeinsamer Ausflug mit dem Model Bárbara Evans an Rio de Janeiros Strand Ipanema vor drei Monaten in Brasilien tagelang Gesprächsthema Nummer eins. „In Rio ist viel los, da wird man dann schon mal fotografiert“, wiegelt Guerrero grinsend ab, „aber in São Paulo ist es trotz der Größe der Stadt eigentlich ziemlich ruhig.“

In der 21-Millionen-Metropole wohnt der Fußballer in dem gesicherten Wohnkomplex Tambore 3 gut 50 Kilometer westlich vom Trainingsgelände entfernt. Ohne Verkehr braucht er 45 Minuten, mit Verkehr anderthalb Stunden. „In São Paulo ist nur leider immer viel Verkehr“, sagt Guerrero, der in unmittelbarer Nachbarschaft zu den früheren Nationalspielern Cafu, Rivaldo und zu seinem Ex-HSV-Kollegen Zé Roberto wohnt.

Ganz unbeschwert ist Guerreros neues Leben in São Paulo dann aber doch nicht. „In Hamburg konnte man problemlos auch in die dunkelsten Gassen gehen, hier geht das nicht“, sagt der Südamerikaner, der nach einer Niederlagenserie vor einer paar Wochen sogar von den eigenen Fans angegriffen wurde. Die Mannschaft hatte wochenlang nicht halb so gut verteidigt wie Wachmann Pedro am Eingangstor, was Corinthians’ Fans in Aufruhr versetzte. Etwa 100 Anhänger schnitten ein Loch in den Zaun und stürmten den Trainingsplatz, wo man den erschrockenen Spielern deutlich die Meinung sagen wollte.

Doch dabei blieb es nicht. Guerrero, den die Anhänger noch anderthalb Jahre zuvor wie einen Fußballgott gefeiert hatten, wurde gar am Hals gewürgt. „Eigentlich lieben mich die Fans“, sagt der Torjäger nur cool, „in Brasilien ist Fußball eben mehr als ein Spiel. Hier leben die Leute Fußball.“

Mehrere Angebote anderer Vereine aus Südamerika hat Guerrero trotz des Vorfalls abgelehnt. „Innerhalb Südamerikas werde ich auf keinen Fall wechseln. Corinthians ist einer der größten Vereine des Kontinents“, sagt er, „aber wenn ein passendes Angebot aus Europa kommen sollte, dann würde ich darüber nachdenken.“ Gerne würde er noch mal in Spanien oder England spielen, sagt Guerrero, der dann seinen Söhnen Diego, 9, und Alessio, 21 Monate, näher wäre. Die beiden wohnen in München, seine Tochter Naela (17 Monate) lebt wie seine Eltern in Peru.

Ob er denn außer seinen Söhnen gar nichts aus Deutschland vermisse? „Ich vermisse die deutsche Disziplin“, antwortet Guerrero, der den anschließenden Lacher nicht so recht verstehen will. „Auf dem Platz war ich ab und an sehr emotional. Aber mit meinen Kollegen und mit meinen Trainern hatte ich nie ein Problem“, verteidigt sich der Stürmer, der vom Boulevard seinerzeit den Spitznamen „Skandalprofi“ bekam. Der „Hamburger Morgenpost“ war der Vorderreifen seines Porsches, der im Parkverbot stand, eine Titelseite wert, und auch im Abendblatt erschien ein Artikel über die „Akte Guerrero“.

Die alten Geschichten seien doch lange her, sagt Guerrero grinsend, genauso wie die sportlichen Erfolge des HSV. Das Relegationsdrama gegen Fürth habe er im Liveticker auf seinem Handy verfolgt. „Ich konnte nicht glauben, dass der HSV wirklich in Abstiegsgefahr war“, sagt Guerrero, „aber zum Glück ist alles gut gegangen. Es hätte mir das Herz zerrissen.“ Dass der HSV nun einen Stürmer für die kommende Saison sucht, hat auch er vernommen. Genauso wie die wahrscheinliche Rückkehr seines einstigen Fürsprechers Dietmar Beiersdorfer. „Er wird dem HSV guttun. Aber ich möchte nicht noch mal nach Deutschland wechseln“, sagt der bestbezahlte HSV-Profi aller Zeiten. Wobei: Seine 1,8 Millionen Euro teure Villa in Wellingsbüttel ist noch nicht verkauft. „Meine Sachen sind noch dort“, sagt Guerrero, „wäre doch nur das Wetter etwas besser.“

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