Das gefühlte Finale

Wie schon 2012 treffen Real Madrid und der FC Bayern München im Halbfinale der Champions League aufeinander

Madrid. Der weibliche Körper nimmt keine Rücksicht auf den Terminplan des Fußballspielers. Selbst nicht vor den größten Spielen. Daniel van Buyten war Dienstagmittag gerade mit dem FC Bayern in Madrid gelandet und telefonierte in der Ankunftshalle des Flughafens mit seiner Frau Celine, da berichtete sie ihm: „Meine Wehen haben eingesetzt.“ Sie erwartet ihr drittes Kind, also stieg van Buyten wieder ins Flugzeug und flog zurück nach München. Voller Vorfreude – und doch war das Timing nicht gerade optimal.

Seine Mannschaft ist der letzte deutsche Vertreter in der Champions League und tritt im Hinspiel des Halbfinals am Mittwoch (20.45 Uhr, ZDF, Sky) bei Real an. Vor zwei Jahren waren die Weltclubs ebenfalls in der Runde der letzten vier aufeinandergetroffen, damals setzten sich die Münchner durch und verloren später das inzwischen legendäre „Finale dahoam“ gegen den FC Chelsea. Jetzt also wieder Real. Wieder das magische Stadion Bernabeu. Eines der schönsten der Welt, finden die Bayern-Spieler. Und viele Fans sagen: Es ist das Spiel der Spiele. Das vorgezogene Finale. Weltauswahl gegen Weltauswahl. Mehr geht kaum.

„Nicht nur Deutschland und Europa, die ganze Fußballwelt freut sich auf dieses großartige Spiel. Das ist ein Klassiker“, sagte Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern. Der wegen Steuerhinterziehung verurteilte Uli Hoeneß ist nicht mit nach Spanien geflogen, der zurückgetretene Präsident verzichtet auf Auswärtsspiele und wird in den kommenden Wochen seine Haftstrafe antreten.

Real ist in dieser Saison der Königsklasse bislang der „Deutschen-Schreck“. Im Achtelfinale gewann die Mannschaft von Trainer Carlo Ancelotti gegen Schalke, im Viertelfinale gegen Dortmund. Nun das Halbfinale – wieder gegen ein deutsches Team. „Wir müssen es besser machen als Dortmund“, sagt Rummenigge, „es wird schwer. Aber auch für Real. Es wird ein Spiel auf Augenhöhe.“ Ein brauchbares Ergebnis würde für ihn bedeuten, dass die Mannschaft ein Auswärtstor erzielt. Dies war Dortmund nicht gelungen, die Borussia hatte das Hinspiel in Madrid 0:3 verloren und war nach großem Kampf im Rückspiel mit einem 2:0 ausgeschieden. „Wir sind hier, um zu gewinnen. Wir sind der FC Bayern, wir sind der Titelverteidiger. Und täten uns keinen Gefallen, auf 0:0 zu spielen“, sagte Kapitän Philipp Lahm selbstbewusst.

Für Bayern-Startrainer Pep Guardiola ist es die erste Partie in seiner Heimat seit seinem Amtsantritt beim FC Bayern im Juli 2013. Zu seiner Pressekonferenz im Hotel Intercontinental in der Madrider Innenstadt kamen Dienstagnachmittag rund 150 Journalisten, der Saal war überfüllt, immer wieder fiel das Licht aus. Vor dem Eingang warteten die Fans und riefen nach Autogrammen. Der Hype um Guardiolas Rückkehr in seine Heimat ist enorm. „Ich freue mich, hier zu sein. Es ist sehr speziell“, sagte Guardiola: „Wir müssen in der Lage sein, eine überragende Leistung zu bringen. Denn wir spielen gegen eine der besten Teams der Welt.“ Seine Mannschaft habe zuletzt sicher nicht optimal gespielt, sie habe aber ihren „Spirit“ wiedergefunden, es kämpfe jeder für jeden. Er fühle, dass die Mannschaft noch viel mehr könne. „Ich brauche noch mehr Zeit“, sagte Guardiola.

Der 43-Jährige wird trotz seines besonderen Status im Club auch an den Erfolgen von Jupp Heynckes gemessen, der mit dem Rekordmeister das Triple gewann. Ein Ausscheiden wäre trotz der Rekordsaison in der Bundesliga eine herbe Enttäuschung für Guardiola und den Verein. Die Bayern sind auf dem Weg zum reichsten Club der Welt und wollen die Nummer eins in Europa bleiben. Beim Verpassen des Finals würde es trotz aller jüngsten Superlative wohl heißen: Eine richtig gute Saison war es nicht. Für Pep ist es ein besonderes Spiel. Als Spanier, als Katalane. „Er kennt Real sehr gut“, sagte Rummenigge. Er habe vor dem Abflug Guardiolas Bilanz gegen Real gelesen, und diese stimme ihn positiv: Als Trainer des FC Barcelona traf Guardiola 15-mal auf die Madrilenen. Neunmal gewann seine Mannschaft, viermal spielte sie unentschieden, nur zwei Partien verlor sie.

Real feierte in der vergangenen Woche den Pokalsieg über Barcelona bis vier Uhr am Morgen, die Mannschaft ließ sich in einem offenen Bus durch die Stadt fahren und von ihren Fans bejubeln. Beim FC Bayern halten sie den Zeitpunkt der Begegnung für optimal. „Ich spiele lieber gegen Mannschaften, die vorher etwas gewonnen haben. Dann ist manchmal mehr Zufriedenheit als Aggressivität auf dem Spielfeld“, so Rummenigge. In einem geheimen Training am Montagvormittag hatte Guardiola seine Abwehr auf die außergewöhnlich starke Offensive des Gegners eingestellt. Dabei rief der Trainer immer wieder die Namen der Real-Stars, es war quasi die Generalprobe für das Hinspiel. Beim FC Bayern rechnen alle damit, dass Real-Superstar Cristiano Ronaldo spielen wird. Der Weltfußballer aus Portugal war zuletzt verletzt.

Doch wie ist dieser Ausnahmespieler in den Griff zu bekommen? Lahm wird wohl als Rechtsverteidiger die Abwehrkette dirigieren und soll wie David Alaba links dafür sorgen, dass Madrid seine Stärken auf den Außenpositionen nicht ausspielen kann und auch der Waliser Gareth Bale möglichst wenig Freiräume hat. Die Disziplin sei dabei der Schlüssel, sagte Rummenigge, nicht nur die Defensive sei gefordert.

Manuel Neuer konnte zuletzt meist nur ein Sondertraining absolvieren und fehlte wegen einer Wadenverhärtung in der Bundesliga. Gegen Real soll der Nationaltorwart einsatzbereit sein, ebenso wie der zuletzt erkältete Linksverteidiger David Alaba. 2012 war Neuer im Elfmeterschießen der Held gewesen, er hatte seiner Mannschaft mit zwei Paraden den Finaleinzug gesichert.

Im ersten Halbfinale trennten sich Atlético Madrid und der FC Chelsea London vor 52.560 Zuschauern 0:0. Chelseas Torhüter Peter Czech, 31, schied in der 17. Minute mit einer Schulterverletzung aus. Der 41-jährige Australier Mark Schwarzer ersetzte ihn. Der deutsche Nationalspieler André Schürrle wurde in der 73. Minute bei Chelsea eingewechselt.