Mit Stevens aus dem Schneider?

Der VfB Stuttgart entlässt den glücklosen Trainer und verpflichtet mit dem Niederländer einen früheren HSV-Retter

Stuttgart. Die Situation war skurril. Ausnahmsweise angeführt von Torwarttrainer Andreas Menger und Konditionscoach Christos Papadopoulos betraten die Spieler Sonntagvormittag den Übungsplatz. In derselben Minute fuhr Thomas Schneider auf dem Beifahrersitz des Wagens seines Assistenten Alfons Higl vom Vereinsgelände, nachdem er sich vorher gebührend von der Mannschaft verabschiedet hatte.

Nach dem 2:2 gegen den Tabellenletzten Eintracht Braunschweig, für den VfB „eine gefühlte Niederlage“ (Schneider), war die Zeit des glücklosen Cheftrainers schon nach einem halben Jahr abgelaufen. Die Zahlen sprachen gegen ihn. In den zurückliegenden neun Spielen holte er nur einen einzigen von 27 möglichen Punkten – ein absoluter Negativrekord des Vereins. Als Retter in der Not holen die Schwaben den Niederländer Huub Stevens, 60. Der erfahrene „Feuerwehrmann“ soll den fünfmaligen deutschen Meister in den restlichen zehn Spielen vor dem Sturz in die Zweitklassigkeit bewahren.

In der Pressemitteilung Nr. 17 wurde Präsident Bernd Wahler mit den Worten zitiert: „Der Vorstand hat diese Entscheidung gemeinsam mit Thomas Schneider getroffen. Der Aufsichtsrat trägt diese einheitlich mit. Die aktuelle sportliche Situation erforderte im Bewusstsein der Verantwortung dem Verein gegenüber, diesen schweren Schritt zu tun.“ Wahler ließ Schneider, dem VfB-Urgestein, der schon als Zehnjähriger das Trikot mit dem roten Brustring trug, jedoch ein Hintertürchen offen: „Er wird auch zukünftig für den Verein tätig sein.“ In welcher Funktion blieb offen. Denkbar wäre ein Job als Jugendtrainer. Nicht ganz auszuschließen auch, dass sich der 41-Jährige noch einmal in irgendeiner Form mit den Profis beschäftigen darf. Schneider ist bei den Fans beliebt. Er steht für den Stuttgarter Weg der Jugend, dem sich der VfB verschrieben hat.

2007 übernahm Stevens den HSV auf Rang 18 und schaffte noch Platz sieben

Doch vorerst will der Verein mit Huub Stevens und dessen Motto „Die Null muss stehen“ aus dem Schneider. Der gelernte Schlosser kennt sich bestens aus in der Bundesliga und hat einige beachtliche Erfolge aufzuweisen. Zweimal trainierte er Schalke, wurde mit den Königsblauen 1997 Uefa-Cup-Sieger und 2001 DFB-Pokalgewinner. Er war bei Hertha, Köln und dem HSV. Hamburg übernahm er 2007 am 20. Spieltag in ähnlich prekärer Lage wie jetzt den VfB und führte die Hanseaten noch auf Platz sieben. Zuletzt trainierte er PAOK Saloniki und wurde dort am 2. März entlassen. Bei 19 Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Olympiakos Piräus war dem Verein der Abstand zu groß geworden.

Stevens ist ein Trainer vom alten Schlag. Er legt großen Wert auf Disziplin und taktische Ordnung. Wegen seiner oft mürrischen Art wird er auch „Knurrer von Kerkrade“ genannt. Heute wird er in Stuttgart vorgestellt, am Sonnabend sitzt er in Bremen zum ersten Mal auf der VfB-Bank, eine Woche später beim ersten Heimspiel geht es ausgerechnet gegen den HSV. „Wir wollten mit ihm einen neuen Reiz setzen. Er hat mit seiner Erfahrung schon mehrmals bewiesen, solch schwierige Situationen zu meistern“, betont Fredi Bobic. Der Stuttgarter Sportchef kennt Stevens aus seiner Zeit bei Hertha BSC: „Er ist ein Mann der klaren Linie und hoch motiviert. Wir hatten damals das eine oder andere Mal verschiedene Ansichten, aber wir sind trotzdem immer respektvoll miteinander umgegangen.“

Beim VfB ist der neue Trainer besonders als Seelendoktor gefragt. Die lange Pleitenserie hat bei den Spielern Spuren hinterlassen. Es lässt sich fast die Uhr danach stellen, dass am Ende immer noch etwas passiert. Allein fünfmal hat die Mannschaft in der Rückrunde in der letzten Viertelstunde eine Führung verspielt. „Reine Kopfsache“, meint Bobic. Gegen Braunschweig war das nicht anders. Besonders bitter, dass mit Ermin Bicakcic (82.) ein ehemaliger Stuttgarter Jugendspieler den VfB-Sieg vermasselte. Dabei hatte Christian Gentner in der 51. Minute die Vorentscheidung zum 3:1 auf dem Fuß. Doch Eintracht-Torwart Daniel Davari konnte den schwach geschossenen Foulelfmeter des Kapitäns abwehren.

In Stuttgart versuchten einige Fans nach dem Abpfiff, den Platz zu stürmen

90 Minuten standen die Fans wie eine Mauer hinter ihrer Mannschaft, feuerten sie leidenschaftlich an. Doch nach dem Abpfiff kippte die Stimmung in der ausverkauften Arena. Die Spieler wurden beschimpft. Einige Fans versuchten sogar den Platz zu stürmen. Mehrere Tausend blieben lange nach Schlusspfiff in der Cannstatter Kurve und schrien im Chor: „Wir wollen den Vorstand sehen.“ Als Präsident und Sportchef an den Zaun kamen, schlugen ihnen Pfiffe, Wut und Hass entgegen. Vor allem Bobic bekam sein Fett ab. Ihn machen sie für Fehler bei der Zusammensetzung des Kaders verantwortlich. Er versuchte die aufgeheizte Stimmung mit einem Appell zu deeskalieren: „Es bringt nichts, wenn wir uns anschreien. Wir können es nur zusammen schaffen.“ Es gelang nur mäßig. Einer aus der aufgebrachten Menge rief: „Wir wollen keine Phrasen hören. Und wir wollen nicht deine Kumpels als Trainer.“ Das war als Absage an Bobic-Freund Krassimir Balakov, der als möglicher Nachfolger Schneiders kursierte, gedacht.