Der BVB schleppt sich ins Ziel

Das Remis in Hoffenheim ist ein Erfolg für die Moral. Aber das Aufgebot erscheint zu fragil für ganz große Aufgaben

Dortmund. Das größte Lob gab es vom Gegner. „Ich muss meinen Hut vor Borussia Dortmund ziehen“, sagte Markus Gisdol nach dem 2:2 zwischen der TSG Hoffenheim und dem BVB. Denn der Hoffenheimer Trainer hatte damit gerechnet, dass die Dortmunder in der Schlussphase des hart umkämpften Spiels einbrechen würden. „Ich habe gedacht, dass sie ab der 60. oder 70. Minute nachlassen würden“, sagte Gisdol: „Aber das war nicht der Fall.“

So erkämpfte sich die erneut stark ersatzgeschwächte Mannschaft seines Kollegen Jürgen Klopp einen Punkt. Dass es nicht mehr wurde, lag daran, dass die Dortmunder wie schon so oft in den vergangenen Wochen mit ihren zahlreichen guten Tormöglichkeiten recht fahrlässig umgingen. Dennoch wertete Klopp unter den Umständen auch den einen Zähler, den sein Team mitnehmen konnte, als Erfolg.

„Ich habe den Jungs 95 Minuten lang angesehen, dass sie unbedingt gewinnen wollten“, sagte er und lobte den riesigen Aufwand, den seine Mannschaft nur drei Tage nach dem kräftezehrenden 2:1 in der Champions League bei Olympique Marseille betrieben hatte. Der Auftritt war zwar nicht perfekt, aber das war auch nicht zu erwarten. In Mats Hummels, Neven Subotic, Sokratis, Marcel Schmelzer, Sven Bender und Ilkay Gündogan fehlten erneut sechs Stammspieler.

Da verwundert es nicht, dass es auch in der Rückwärtsbewegung Probleme gab: Erneut musste Klopp eine Viererabwehr stellen, die so noch nie zusammengespielt hatte. „Die Absicherung unserer Angriffe hat nicht so gut funktioniert“, sagte der Trainer nach einer Partie, deren Intensität die Borussen an ihre physischen Grenzen gebracht hatte. Es sei der Moral des Teams zu verdanken gewesen, dass es sich dennoch erfolgreich gegen die drohende Niederlage gestemmt hatte. „Hoffenheim hat uns läuferisch alles abverlangt“, lobte Klopp. Es sei eine „ganz große Mentalitätsleistung“, dank der sein Team das 0:2 aufholen konnte.

Dennoch war es ein Kraftakt, der sich nicht beliebig oft wiederholen lässt. Bereits in den vergangenen Wochen mussten die Dortmunder der angespannten Personalsituation Tribut zollen. Die nur vier Punkte, die das Team aus den vergangenen fünf Bundesligaspielen holte, sind für die Ansprüche des BVB eindeutig zu wenig. Allerdings sind die Probleme, die die Borussen speziell bei Auftritten in der Liga im Anschluss an Champions-League-Spiele haben, auch damit zu erklären, dass Klopp wegen der vielen Verletzten nicht genügend Möglichkeiten für eine umfangreiche Rotation hat. „Wer auswärts zwei Treffer erzielt, steht normalerweise gut da. Wir bekommen aber schon in der ersten Hälfte zwei total unnötige Gegentore. Gegen so einen Rückstand rennst du dann erst mal an“, sagte Nuri Sahin zum Substanzverlust.

So konnte sich Klopp am Sonnabend einerseits über „unglaublich tolle Momente in unserem Spiel“ freuen und die Tatsache herausstellen, dass „wir immer gefährlich waren und enge Strafraumsituationen kreiert haben“, doch klagte er zugleich auch über die Chancenverwertung. „Wir machen die Bälle halt nicht rein“, sagte er. Wie schon in Marseille wurden auch gegen die TSG beste Möglichkeiten vergeben. Dort will er in der Winterpause den Hebel ansetzen. „Das ist der nächste Entwicklungsschritt“, den die Mannschaft in der Rückrunde gehen müsse, so der Trainer: „Klar und ruhig bleiben beim Vollenden von Torchancen, auch wenn die Belastung hoch ist und der Gegner uns alles abverlangt.“

Jürgen Klopp ist zuversichtlich, dass er dies seiner Mannschaft vermitteln kann und dass in der Rückrunde mit einer stabiler auftretenden Borussia zu rechnen sein wird. Und wenn in Hummels, Gündogan, Schmelzer und Bender, mit deren Comeback im Januar gerechnet wird, wichtige Spieler wieder zur Verfügung stehen, dürfte auch der Spagat zwischen Champions League, DFB-Pokal und Bundesliga besser zu meistern sein. Bleibt dennoch die Frage, ob die Personalplanung des BVB für die aktuelle Saison zu blauäugig war?

Trainer Klopp und Sportdirektor Michael Zorc hatten sich bewusst entschieden, nicht jede Position im Kader mit gestandenen Profis doppelt zu besetzen. Vor allem, weil es nicht möglich ist, einen Spieler zu verpflichten, der einerseits den hohen Dortmunder Ansprüchen genügt, sich andererseits aber auch ohne Murren auf die Bank setzt, wenn es bei einem niedrigen Verletztenstand kaum Einsatzmöglichkeiten für ihn gibt. „Wir begreifen uns auch immer noch als Ausbildungsverein“, sagt Zorc. Junge Talente wie Erik Durm, Jonas Hofmann und zuletzt der 18-jährige Marian Sarr haben bereits bewiesen, dass sie sich zu wertvollen Ersatzspielern entwickeln können.

Der Vergleich mit dem FC Bayern ist in diesem Zusammenhang nicht zulässig. Die riesige Differenz bei den Personalkosten – die bei den Münchnern mit geschätzten 150 Millionen Euro Jahresetat mehr als doppelt so hoch sind wie des BVB – liefert auch den Grund, warum die Bayern auch Ausfälle wichtiger Spieler wesentlich leichter kompensieren können.