Niersbach beklagt Stürmermangel

Beim Oddset-Talk lobt der DFB-Präsident die HSV-Profis Pierre-Michel Lasogga und Marcell Jansen

Hamburg. Über dieses Extralob wird sich HSV-Profi Marcell Jansen besonders freuen. „Der Marcell ist ein guter Junge, der zuletzt gute Leistungen gebracht hat. Wenn er fit bleibt, hat er sicherlich sehr gute Chancen auf die Teilnahme an der WM 2014“, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach am Freitag in der Zentrale des Hamburger Fußballverbands in Jenfeld. 90 Minuten sprach Niersbach beim Oddset-Talk mit Abendblatt-Autor Dieter Matz und Verbandssprecher Carsten Byernetzki. Für den Rheinländer war es ein Heimspiel in Hamburg. Mit seiner lockeren Art („Ich bin doch als Präsident nicht auf einmal ein Staatsmann. Und ich bin weiter ein Teamplayer“) kam er bei den 100 Gästen glänzend an.

Im Mittelpunkt stand natürlich die Nationalmannschaft. „Wir mussten erst eine abgrundtiefe Enttäuschung erleben, damit sich wirklich etwas änderte“, sagte Niersbach in Anspielung auf das Debakel bei der EM 2000 in Holland und Belgien, wo das Team von Erich Ribbeck bereits nach der Vorrunde ausschied: „Danach haben wir gegen wahnsinnige Widerstände die Gründung von Leistungszentren in der Bundesliga zur Pflicht gemacht.“ Auch Horst Hrubesch, der 2009 die U21 zum EM-Titel führte, habe einen großen Anteil am Aufschwung. „Er hat genau die richtige Ansprache gegenüber den jungen Profis.“ Rückblickend sei es ein Fehler gewesen, dass man nicht an Hrubesch als U21-Trainer festgehalten habe: „Leider gab es atmosphärische Störungen.“ Mit Hrubeschs Rückkehr sei die U21 wieder auf einen sehr guten Weg.

Den Aufschwung des deutschen Fußballs macht Niersbach auch an den vielen Talenten fest, die sich inzwischen einen Stammplatz erobert haben: „Hennes Löhr musste als Nachwuchstrainer noch die Ersatzbänke der Bundesliga abgrasen.“ Mängel beklagte er im Angriff: „Den Typus technisch gut ausgebildeter Mittelfeldspieler haben wir in Überzahl. Wir müssen Stürmer kriegen.“ Neben Miroslav Klose und Mario Gomez nannte der 62-Jährige nur Stefan Kießling (Leverkusen) und HSV-Profi Pierre-Michel Lasogga als deutsche Topstürmer.

Im Hinblick auf die WM 2014 warnte Niersbach vor übertriebenen Erwartungen: „Es ärgert mich, wenn man sagt, wir müssen den Titel holen. Eine unglückliche Situation, etwa ein Platzverweis nach einem Foul gegen den Torwart, kann alles kaputt machen.“ Natürlich wolle man den Titel – „aber das wollen acht andere Teams auch“.

Angesichts der jüngsten Ausschreitungen beim Revierderby zwischen Schalke und Dortmund plädierte Niersbach für einen harten Kurs: „Wir machen wirklich alles, was an Prävention möglich ist, investieren viel Geld in Fanprojekte. Aber nur mit Appellen kommen wir da nicht weiter. Solche Täter müssen identifiziert und hart bestraft werden. Die missbrauchen die medial viel beachtete Bühne Fußball für ihre völlig irrationalen Ziele.“

Natürlich sprach Niersbach auch über seinen Freund Franz Beckenbauer, den er 1990 noch als DFB-Pressesprecher beim WM-Triumph begleitet hatte. Nach dem 1:0-Sieg im Viertelfinale über die Tschechen habe Beckenbauer getobt, besonders Jürgen Klinsmann angebrüllt: „Du bist Klinsmann, nicht Pele.“ Einen Koffer mit Eiswürfeln habe der Kaiser voller Wut durch die Kabine getreten, während der damalige ARD-Reporter Reinhold Beckmann an der Tür geklopft habe: „Der wollte endlich das vereinbarte Interview führen. Und dann kommt der Franz raus und sagt ganz gelassen vor der Kamera: ‚Die Mannschaft hat nicht super gespielt, aber wir sind im Halbfinale.’“