Extraklasse bleibt erfolglos

Bayern München und Borussia Dortmund dominieren, treffen aber das Tor nicht. Bayern übernimmt die Spitze

Hamburg. Minutenlang saß Pep Guardiola nach dem 1:1 bei Bayer Leverkusen noch auf der Trainerbank. Er starrte auf das Spielfeld, nur die Finger seiner rechten Hand trommelten ununterbrochen gegen die Armlehne. Der Spanier in Diensten von Bayern München konnte einfach nicht fassen, dass sein Team nach dieser glanzvollen Demonstration fußballerischer Extraklasse nicht gewonnen hatte.

In Trachtenhut und Janker konnte er am Sonntag aber den Ausflug zum Oktoberfest schon wieder genießen. Im Käfer-Zelt stießen er und Sportchef Matthias Sammer mit den Spielern und einer zünftigen Maß auf die erstmalige Tabellenführung in dieser Saison an. „Ein bisschen Party“, nannte Offensivstar und Antialkoholiker Franck Ribery den Ausflug. Die Stimmung war schon wieder viel besser als am Vorabend.

Dazu trug auch der bisherige Erste Borussia Dortmund bei, der beim Namensvetter aus Mönchengladbach nicht mal einen Punkt mitnehmen konnte und deshalb von der Spitze stürzte. Auch der BVB war drückend überlegen, beherrschte den Gegner fast nach Belieben, verlor aber 0:2 und Abwehrspieler Mats Hummels mit einer Roten Karte. „Die Niederlage war eigene Doofheit von uns“, gab Dortmunds Rechtsverteidiger Kevin Großkreutz unumwunden zu. 80 Minuten stürmten die Gäste, schossen 27 Mal auf das Tor, brachten den Ball aber nicht über die Linie und leiteten die Schlappe selbst ein: Mit einem von Hummels verursachten Foulelfmeter, den Max Kruse (81.) verwandelte. Das 2:0 erzielte Raffael (87.). „Das fühlt sich gerade sehr bescheiden an“, sagte BVB-Coach Jürgen Klopp nach der kuriosen Wende.

„Wir bereiten uns ja auf jeden Gegner gewissenhaft vor“, sagte Klopp, der nach seiner Sperre in der Champions League wieder auf der BVB-Bank Platz nehmen durfte, „aber diese Überlegenheit über einen langen Zeitraum schien in unseren Analysen nicht möglich – es war aber so.“ Besonders vor der Pause fand das Spiel der Gladbacher fast nicht statt. 17:1 Torschüsse für den BVB sprachen schon nach 45 Minuten eine deutliche Sprache, am Ende waren es gar 27:6. Punkte gab es dennoch keine.

Als wäre das nicht schon genug, mussten auch noch Sven Bender und Nuri Sahin mit Verletzungen ausgewechselt werden. „Sven hat so etwas wie eine Ganzkörperprellung“, sagte Klopp, der Einsatz in der Nationalelf in den kommenden WM-Qualifikationsspielen sei fraglich. Sahin erlitt sogar einen Teilriss des Außenbandes und fällt drei Wochen aus.

Verletzungen hin, Überlegenheit her: Irgendwie hatte sich der BVB die Niederlage in Gladbach auch selbst zuzuschreiben. Das gab auch Klopp zu, der Elfmeter und Rote Karte erst gar nicht kommentieren wollte. „Wir hatten unseren Anteil an der Niederlage. Wir haben das Spiel offen und Gladbach am Leben gelassen.“ Ähnlich sah das Michael Zorc: „Wir haben 80 Minuten dominiert, wie ich es selten gesehen habe. Aber am Ende haben wir es selbst verschuldet“, so der BVB-Sportdirektor.

In Leverkusen hatte Toni Kroos die Führung für die Münchner erzielt (29.), Sidney Sam einen von Bayern-Torwart Manuel Neuer abgewehrten Ball mit dem einzigen gefährlichen Torschuss der Leverkusener genutzt (31.). Am Ende wussten die Bayern nicht, wie sie an diesem Abend den Sieg verpassen konnte. „Wenn wir vier Tore mehr machen, darf Leverkusen nicht beschweren. Das Tor war wie vernagelt. Da blutet einem als Torjäger das Herz. Auch wenn wir wissen, dass wir super gespielt haben“, sagte Nationalspieler Thomas Müller. Er war in der zweiten Halbzeit zudem von Ömer Toprak gehalten worden, doch Schiedsrichter Knut Kircher verweigerte den Elfmeter.

„Bayern ist teilweise eine Übermannschaft. Wir haben bis zur letzten Sekunde um unser Leben gekämpft. Der Punkt ist ein bisschen glücklich“, sagte Leverkusens Torwart Bernd Leno, der mit zahlreichen Paraden bester Spieler das Gastgeber war. Tatsächlich hatten die Münchner 78 Prozent Ballbesitz, das ist ihr dritthöchster Wert der vergangenen zehn Jahre. Dazu 27:5 Torschüsse, 27:3 Flanken, 14:2 Eckbälle und 88 Prozent Passgenauigkeit. Ballsicherheit und Balleroberung auf höchstem Level, sie sind seit 33 Spielen ungeschlagen. Zum Bundesliga Rekord des HSV aus dem Jahr 1983 fehlen nur noch drei Spiele ohne Niederlage.

Der Unterschied zwischen den beiden Mannschaften war am Sonnabend so groß, dass zumindest in diesen Tagen kaum jemand mehr an einen dauerhaften Dreikampf glaubt, in dem Leverkusen eine Rolle spielt. „Wir haben in dieser Woche einen großen Schritt gemacht“, sagte Kapitän Philipp Lahm, der erneut im Mittelfeld überzeugte. „Wir setzen immer besser um, was der Trainer von uns erwartet.“ „Spielerisch war das Weltklasse. Fußballerisch sind wir auf einem unheimlichen Niveau“, kommentierte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Glanzvorstellung. Zur kompletten Zufriedenheit fehlten eben nur die Tore. „Wir werden versuchen, die Details zu verbessern. Wir müssen noch effektiver werden“, kündigte Guardiola an. Für den Rest der Liga klingt das fast wie eine Drohung.

Aber erst mal ging es ab auf die Wiesn.