Katar – ein Land macht auf cool

Die Fußball-WM 2022 im Wüstenstaat Katar erhitzt die Gemüter. Sommer oder im Winter ist die Frage. Die Katari wollen im Sommer spielen lassen und der Welt zeigen, dass man auch dann in der Wüste gut leben kann. Ein Ortstermin

Es ist neun Uhr morgens und heiß. Das Thermometer zeigt 38 Grad Celsius, später am Tag werden es noch 44 Grad. Die Luftfeuchtigkeit beträgt 80 Prozent. Im August ist sie besonders hoch. In Doha, der Hauptstadt des Emirats Katar, sind an den sechs- bis achtspurigen Straßen Kolonnen asiatischer Gastarbeiter zu sehen, die Gerüste aufstellen, Beton mischen und prächtige neue Bauten entstehen lassen. Mit Masken, Tüchern und Brillen schützen sie sich vor Staub und Sonnenlicht. Einheimische, Europäer, Amerikaner, Japaner und Chinesen meiden den Weg nach draußen. Sie sitzen in Büros, wandeln in Einkaufszentren, konferieren in Hotels, alles bei höchstens 20 Grad.

Über Jahrtausende hat niemanden das Klima in der arabischen Wüste erregt. Seit der Mikro-Staat auf der saudischen Halbinsel aber am 2. Dezember 2010 in Zürich den Zuschlag für die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 erhielt, erhitzt die Diskussion um diese Wahl die Gemüter. Immer mehr Funktionäre drängen auf eine Verlegung der Spiele vom Sommer in den Winter, wenn in Katar Temperaturen um 25 Grad herrschen. Bayern Münchens Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, zugleich Vorsitzender der Vereinigung europäischer Fußball-Clubs, fordert zwar Respekt für die Katarer, plädiert aber für eine WM im April. Der Franzose Michel Platini, Präsident der Europäischen Fußball-Union, präferiert den Januar. Sepp Blatter, Chef des Fußball-Weltverbandes Fifa, möchte im November und Dezember 2022 kicken lassen. Er räumte jetzt politische Einflussnahmen auf die Entscheidung für Katar ein. Wirtschaftliche Interessen der Regierungen hätten bei dem Votum den Ausschlag gegeben. Am 3. und 4. Oktober berät das Fifa-Exekutivkomitee in Zürich die Thematik.

Theo Zwanziger, der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hält die WM-Vergabe an Katar sogar grundsätzlich „für einen eklatanten Fehler“; worauf ein Teil der örtlichen Medien zu einem Boykott deutscher Waren und Firmen aufrief. „Die Leute haben sich schnell wieder beruhigt. Die Deutschen sind mit ihrer Gründlichkeit in Katar weiter gut angesehen. Kein Auftrag ist storniert worden“, sagt die Deutschlibanesin Norma Sandawi, stellvertretende Repräsentantin des Delegiertenbüros der deutschen Wirtschaft in Katar.

Ortstermin in Doha, Stadtteil Al-Sadd, Jassim bin Hama Stadium, Spielstätte des katarischen Rekordmeisters Al-Sadd Sports Club, dem Verein des spanischen Weltstars Raúl, 36. Die automatisch aufgehende Eingangstür öffnet den Blick auf unzählige goldglitzernde Pokale. Es mögen mehr als 500 sein, selbst Geschäftsführer Salah Ahmedeen kennt ihre genaue Zahl nicht. „Es sind nicht nur Fußballpokale, viele kommen aus anderen Sportarten“, sagt Ahmedeen. Der wahre Stolz des Vereins ist zehn Meter Marmor weiter im Stadion zu besichtigen. Etwa 300 Düsen, rund um das Spielfeld in Abständen von 1,10 Meter in 25 Zentimeter Höhe installiert, blasen Kaltluft auf den gepflegten Rasen. Während vor der Arena das Thermometer inzwischen 40 Grad anzeigt und die Sonne fast direkt über dem Spielfeld steht, werden am Mittelkreis 26, an den Außenlinien noch ein paar Grad weniger gemessen. Der Luftzug aus den Düsen ist kaum zu spüren. Die Fifa verlangt auf dem Spielfeld Temperaturen zwischen 24 und 29 Grad. Auch die Zuschauer dürften die coole Atmosphäre genießen. Neben jeder der 19.000 Sitzschalen sind kleine Ventilatoren angebracht. Sie kühlen die Ränge auf etwa 20 Grad. Beim WM-Qualifikationsspiel zwischen Katar und Iran (0:1) am 4. Juni dieses Jahres sei manchem Besucher in der zweiten Halbzeit bereits kalt geworden, berichtet Ahmedeen. In seinem Grinsen liegt ein Hauch von Triumph. Im Juni und Juli wollen die Katarer 2022 ihre WM ausrichten.

Dario Cadavid ist der verantwortliche Techniker des Organisationskomitees (OK). „Wir sind in der Lage, während der WM 2022 auch im Hochsommer für Spieler und Zuschauer angenehme Bedingungen im ganzen Land zu schaffen“, sagt der Architekt. „Niemand muss bei uns unnötig schwitzen, keiner wird einen Hitzekollaps erleiden.“ Stadien und Trainingsplätze werden auf 25, 26 Grad gekühlt, die Wege dorthin – von der klimatisierten Metro oder Regionalbahn – mit Bäumen beschattet. In diesen Zonen strebt das OK Temperaturen um die 32 Grad an. „Wir könnten auch kälter. Doch die Fans sollen schließlich merken, wo auf der Welt sie sind“, sagt Cadavid.

Technisch sei das im Jahr 2008 umgerüstete Jassim bin Hamad Stadium in Al-Sadd jedoch keine Blaupause für die ebenfalls offenen WM-Arenen, sagt Cadavid. „Dort verfeuern wir noch Öl und Gas, um den Strom für die Gebläse zu erzeugen, was zu einem erhöhten Ausstoß des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids führt. 2022 wollen wir ausschließlich Sonnenenergie fürs Kühlen nutzen. Das wird die umweltfreundlichste Weltmeisterschaft aller Zeiten.“

Wie genau die acht bis zwölf WM-Stadien aussehen werden, weiß Cadavid noch nicht. Die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse von Klima- und Energieexperten sollen in das Design der Arenen einfließen, um höchste Effizienz zu gewährleisten. „Wir werden neue technische und mediale Standards setzen und aus den Erfahrungen lernen“, verspricht er. Deshalb werde mit dem Bau der Stadien nicht gleichzeitig begonnen, sondern nach und nach. Für die erfolgreiche WM-Bewerbung hatte das Frankfurter Architektenbüro Albert Speer einen Großteil der Arenen konzipiert. In welchem Umfang die Deutschen bei der Umsetzung der Pläne zum Zuge kommen, steht noch aus. Als Erstes soll das 50.000 Zuschauer fassende Al-Khalifa International Stadium in Al-Rayyan für die WM modernisiert werden. Der Beginn der Umbauarbeiten ist für diesen Dezember geplant. Nach der Weltmeisterschaft soll die Kapazität der meisten Arenen reduziert und die entsprechenden Module und Bausätze an Entwicklungsländer in Asien und Afrika verschenkt werden.

Nasser al-Khater ist der Medien- und Marketingdirektor des WM-Organisationskomitees. Die Aufregung um die WM irritiert ihn (siehe Interview). „Wir haben hart an unserem Konzept gearbeitet, und die Fifa hat es vor drei Jahren für gut befunden.“ Kritik sei immer willkommen, „wenn sie konstruktiv ist und zumindest ansatzweise unsere Kultur, unser Land und unsere Pläne versteht“. Katar, sagt Khater, „ist ein gastfreundliches Land, und wir werden dafür sorgen, dass sich unsere Gäste während der WM 2022 bei uns wohlfühlen“. Das entspreche arabischen Gepflogenheiten. Mit der WM will Katar beweisen, dass es sich in der Wüste mit moderner Technik und innovativen Ideen trotz unwirtlicher äußerer Umstände gut leben lässt. „Das soll unsere Botschaft werden – an unser Volk, an unsere Region und an die vielen Staaten mit ähnlichem Klima“, sagt Khater.

Die Vorzüge der Spiele in einem Land mit 1,9 Millionen Einwohnern, das ungefähr die Größe Hamburgs und Schleswig-Holsteins hat, liegen in den geringen Distanzen. Hotels und Stadien sind maximal eine Stunde Fahrzeit mit öffentlichen oder privaten Verkehrsmitteln voneinander entfernt. Der Besuch mehrerer Fußballspiele an einem Tag scheint problemlos möglich. Bei der WM 2006 in Deutschland gelang das Organisationschef Franz Beckenbauer nur per Hubschrauber. Spieler und Zuschauer, argumentieren die Katarer, sparen Zeit und Kosten, weil niemand weit reisen muss – im Gegensatz zu den Weltmeisterschaften 2014 in Brasilien und 2018 in Russland. Zudem herrschten 2022 – bisher einmalig bei einer WM – in allen Stadien gleiche klimatische Bedingungen. Das sei bestes Fair Play. Auch dem Vorhalt mancher Europäer, kühlen sei dekadent, widersprechen die Katarer. Das Beheizen eines Rasens verbrauche ähnlich viel Energie.

Für das Emirat Katar, mit 73.000 Euro Pro-Kopf-Einkommen das reichste Land der Welt, ist die WM die Konsequenz einer Entwicklung, die 1995 begann. Damals löste Scheich Hamad Bin Khalifa al-Thani seinen Vater als politischen Führer ab, forcierte die Öffnung und Modernisierung des Wüstenstaats, auch um den Rückstand zum benachbarten Dubai aufzuholen. Sport und Sportveranstaltungen sollen im Wettkampf der Golfstaaten um weltweite Aufmerksamkeit Akzente setzen. In den nächsten zehn Jahren ist für die Infrastruktur 115 Milliarden Euro verplant, zusammen mit privaten Investitionen 170 Milliarden. Die WM hat diese Entwicklung beschleunigt, angestoßen wurden sie vom Förderprogramm „Qatar National Vision 2030“, das der Emir 2008 startete. Schwerpunkte sind Klimaschutz, Umwelt, Gesundheit, Bildung, der Bau von Wasserentsalzungsanlagen und der verstärkte Anbau landschaftlicher Produkte. Bislang bezieht Katar seine Nahrungsmittel zu mehr als 90 Prozent aus dem Ausland.

Katars Reichtum sprudelt aus dem North Dome Field, dem größten Gasfeld der Welt 80 Kilometer vor der Küste, dessen Vorräte Geologen auf weit über 100 Jahre schätzen. Für die internationalen Unternehmen erteilten Förderlizenzen kassiert das Land täglich 58,5 Millionen Euro. Politisch ist Katar mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern konservativ geblieben. Jeder dürfe hier seine Meinung sagen, erzählen Ausländer, doch wenn es um Vorgänge im eigenen Land geht, herrsche Selbstzensur. Beklagenswert sind die Lebensbedingungen der rund 900.000 Gastarbeiter. Sie hausen in Massenunterkünften, verdienen selten mehr als 600 Euro im Monat, damit aber immer noch deutlich mehr als in ihren Heimatländern.

Während vieles im Land von oben verordnet scheint, die Fußball- und Sportbegeisterung ist es nicht. Der Nachrichtensender al-Dschasira mit Hauptsitz in Doha bietet zwölf Sportkanäle, neun zeigen Fußball, meist europäischen. Die nationale Fußball-Liga wurde wie die deutsche Bundesliga 1963 gegründet. 14 Teams spielen von Mitte September bis in den Mai ihren Meister aus, nur vier Ausländer sind pro Mannschaft erlaubt. 8000 Zuschauer im Schnitt sehen die Ligaspiele. 1992 erreichte die Olympiaauswahl des Landes in Barcelona das Viertelfinale. In der Fifa-Weltrangliste wird Katar unter 207 Verbänden an Position 108 geführt. Bei der U20-WM im April 1995 bewies das Land seine Organisationskraft wie bei den Asienspielen im Dezember 2006.

Herzstück des nationalen Sportprogramms ist die Aspire Academy for Sports Excellence in Al-Rayyan, die größte Sportanlage der Welt. Allein der 2004 eröffnete Hallenkomplex kostete 800 Millionen Euro. Unter 250.000 Quadratmetern überbauter Fläche befinden sich ein Fußball-, Schwimm- und Leichtathletikstadion, mehrere Multifunktionsfelder für Volley-, Hand- und Basketball, Fechtbahnen, Squashcourts, Gymnastikräume und ein Sportclub für Frauen. Männer haben dort keinen Zutritt. 300 Trainer und Sportwissenschaftler aus 60 Ländern sollen hier Katars Sporttalente an die Weltspitze führen. Einer ist jetzt angekommen. Hochspringer Mutaz Essa Barshim, 22, gewann bei der Leichtathletik-WM im August in Moskau mit 2,38 Metern Silber. Die WM 2022 soll weitere Impulse setzen. „Diese Region hat ein solches Ereignis verdient“, sagt Norma Sandawi, Vertreterin der deutschen Wirtschaft. „Wir müssen aufhören, für alles immer nur unsere europäische Messlatte anzulegen. Das hilft uns auf Dauer nicht weiter.“