Nachspiel

Zugeschaut- und nichts gesehen

Es sind diese verdammten Dienstagabende, die viele eingefleischte Fußballfans in den Wahnsinn treiben. Irgendwo in Europa treffen zwei Top-Mannschaften in der Champions League aufeinander - und man selbst ist nicht live am Fernseher dabei. Weil man die üppigen monatlichen Gebühren für das Bezahlfernsehen scheut, welches exklusiv berichten darf. Dann begibt man sich auf die Suche nach Alternativen: Stockende Wackelbilder irgendeines arabischen Internet-TV-Senders treten in Konkurrenz zum minütlichen Drücken auf die Videotext-Taste an der Fernbedienung. Nur die Antwort auf eine Frage interessiert: Wie steht's? Wie am vergangenen Dienstag, beim Viertelfinal-Rückspiel in der Champions League zwischen Dortmund und Malaga.

Erst wenn der Rest der Familie ins Bett gegangen ist, kann man es wagen und Sport 1 einschalten - den Mobilat Fantalk. Man schaut in die Gesichter von Ex-Fußballprofis und mehreren Dutzend Fans, die etwas tun, was man selbst leider nicht kann: Champions League live gucken. Und man selbst ist plötzlich auch dabei, obwohl man das Spiel gar nicht sieht, sondern nur diejenigen, die es sehen. Verrückt? Bekloppt? Durchgeknallt? Ja! Ja! Ja! Aber was soll's? Hauptsache dabei: In der 91. Minute dieses irren Spiels, als Reus den Ausgleich schießt - und die Live-Zuschauer dieses Glitzern in die Augen bekommen. Da geht noch was. Schließlich muss Dortmund gewinnen, um weiterzukommen. Und in der 93. Minute macht Santana tatsächlich das 3:2. "Unfassbar", schreit Moderator Thomas Helmer und alle um ihn herum jubeln, grölen, springen auf. Ich übrigens auch - obwohl ich das Spiel gar nicht gesehen habe.