Kolumne von Lutz von Rosenberg Lipinsky zur Fußball-EM

Ende - und nichts ist gut

Lesedauer: 5 Minuten
Lutz von Rosenberg Lipinsky

Der Hamburger Kabarettist durchleidet noch mal die halbfinalen Sequenzen der Europameisterschaft. Trost findet er dabei nicht

Haben Sie das Finale gesehen? Ich nicht. Ich bin Sonntag spontan in Urlaub gefahren. Bei Anpfiff war ich schon in Skandinavien, an einem Ort ohne Netz. Zum jetzigen Zeitpunkt, just, als Sie das Abendblatt aufschlagen, blicke ich irgendwo aufs Wasser und weiß von nichts. Vielleicht läuft das Endspiel noch? Womöglich steht es nach elf Stunden Schießen aus elf Metern noch 0:0!?! Zuzutrauen wäre es beiden Teams! Wenn Tiki-Taka gegen Pinke-Pinke antritt, spielen schließlich die einen ohne Stürmer und die anderen ohne Ball. Ich hatte wirklich schreckliche Visionen: Alle italienischen Spieler wälzen sich wegen ihrer zahlreichen inneren Verletzungen schreiend auf dem Rasen, aber die Spanier schießen den Ball trotzdem nicht ins Tor, weil sie ihn behalten wollen. Nee, so was wollte ich mir nicht antun. Das war kein Endspiel, das war Schuldengipfel.

War nur Spaß! Natürlich sieht man sich das Finale an. Alles andere wäre unsportlich. Aber ich gebe es zu: Ich bin tatsächlich immer noch beleidigt. Ich hätte zu gern die deutsche Mannschaft im Finale gesehen. Das Unglück des Halbfinales war und ist schwer bis gar nicht zu verarbeiten, das war schicksalhaft, teilweise geradezu überirdisch. Man fragt sich, warum eigentlich wir den Papst stellen!?!

Selbst ich als Fan tragisch veranlagter Mannschaften habe selten ein Spiel mit einem derart vernagelten Tor gesehen. Unsere Elf hatte riesige Chancen, die italienischen Spieler schossen sich - insbesondere in der Anfangsphase - auch noch selbst gegenseitig sturmreif. Aber die blöde Kugel ging nicht rein. Mag sein, dass es am Chip im Ball lag oder am Torrichter - irgendjemand hat jedenfalls verhindert, dass wir ein Tor erzielen. Zu einem psychologisch wichtigen Zeitpunkt - also irgendeinem, nur eben einen vor der 92. Minute. Stattdessen unterlaufen unserer bis dahin sensationellen Verteidigung haarsträubende Fehler. Der verzweifelte Spurt von Lahm kurz vor dem 0:2 erinnerte an den von Hans-Peter Briegel im WM-Finale 1986, als er den von Maradona exquisit bedienten Burruchaga noch einzuholen versuchte. Auch vergeblich. 2:3!

Und jetzt? Lag es am Trainer? Niemals! Der Mann hat Stil, einen Plan und ist taktisch hochgradig virtuos. Löw hat mit seiner Aufstellung im Halbfinale einfach nur alle überraschen wollen, nicht nur den Gegner, auch sich selbst. Und das hat doch geklappt!

Also war es die Mannschaft? Sind unsere Jungs nicht gut genug? Können sie nicht lang genug? Sind sie zu früh zufrieden? Fehlt ihnen das Sieger-Gen?

Nun, da müsste man die Bayern fragen, die das ja bei Vertragsunterschrift injiziert bekommen. Aber: Schweinsteiger war ein Schatten seiner selbst. Lahm wurde zunehmend hektisch und Gomez zusehends ruhiger - wenn das möglich ist. Müller wirkte deplatziert wie in einer Joghurt-Werbung. Das war kein Sieger-Gen, das war ein Spazieren-Gen. Aber Fußball ist ein Mannschaftssport - was war mit den anderen?

Dieses Halbfinale war harter Tobak. Und komme mir keiner mit "Niederlagen gehören zum Sport", "Das ist doch nur ein Spiel" oder "Die Italiener waren einfach besser". Das ist Merkel-Spräch. Und muss Deutschland sich jetzt wieder selbst zerfleischen? Schuldige suchen ist neben meckern unsere Lieblingsbeschäftigung. Vorher ist alles schlecht, dann ist alles gigantisch, jetzt wieder alles furchtbar. Und es muss vor allem jemand für unsere geplatzten Träume verantwortlich zeichnen. Schweini, Löw oder doch Uefa-Platini. Der Sündenbock, her mit ihm!

Westerwelle macht drei Kreuze, der hat ein Alibi. Der war wie immer in irgendeinem arabischen Land unterwegs, Niebels Teppiche umtauschen. Gauck war es auch nicht, der hat während des Spiels auf irgendeinem Marktplatz Ossi-Witze erzählt. Sogar Merkel war unschuldig, im Gegenteil: Sie versuchte im Rahmen ihrer Möglichkeiten sogar die deutsche Mannschaft zu unterstützen, indem sie unsere Steuergelder an die Gegner verteilt hat. Sie handelte ganz in der Tradition ihres ehemaligen Verteidigungsministers - wollte den Titel einfach kaufen. Guttenberg selber würde das Amt gerne antreten, aber er kann leider nicht. Weil der echte Lothar von der Steuerfahndung gesucht wird, muss er als Matthäus-Double durch die Lande ziehen und sich was dazuverdienen. Wer also muss dran glauben?

Nett sein ist für uns Deutsche eine schwierige Sache. Aber wir haben es gelernt. Wir haben gefeiert und gesungen und alle eingeladen. Bei den letzten drei Turnieren waren wir alle locker und dachten: Na, unsere Mannschaft ist noch jung. Doch diesmal sind wir davon ausgegangen, dass die deutsche Elf mit uns gereift wäre. Nach all der nachgewiesenen Verspieltheit und Sympathie hatten wir gehofft, sie wäre jetzt auch imstande, erfolgreich zu sein. Dem war nicht so. Das hat uns enttäuscht.

Das Einzige, was jetzt hilft: Urlaub. Vielleicht. Von Südeuropa allerdings würde ich abraten. Nicht prinzipiell, nur jetzt. Vielleicht Skandinavien?