Schalke-Trainer Felix Magath über Macht, Methoden und die Käuflichkeit des Erfolges. Am Sonnabend gastiert er beim HSV.

Hamburg. Felix Magath wirkt entspannt. Das Nachmittagstraining ist beendet, die Familie ist da, die Kinder toben im Haus. Dem Saisonauftakt am Sonnabend beim HSV blickt der Trainer des deutschen Vizemeisters FC Schalke 04 mit der Gelassenheit des Erfolgreichen entgegen. "Wir sind auf dieses Spiel vorbereitet", sagt Magath. Er lächelt zu diesen Worten, wie er es gern tut: etwas spitzbübisch, ein bisschen hinterlistig, auf jeden Fall erfreut darüber, seinen Gegenüber über seine Absichten im Unklaren gelassen zu haben. Schachspieler sind so. Magath ist einer. Der König bei den Königsblauen.

Abendblatt:

Herr Magath, wie viel Magath steckt bereits im FC Schalke?

Felix Magath:

Im Verein oder in der Mannschaft?

In beiden.

Im Verein wenig, ganz wenig. Da hat sich in den vergangenen zwölf Monaten nicht viel verändert. In der Mannschaft schon mehr. Wir befinden uns im Umbruch. Das ist ein Prozess, der dauert.

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat in seiner jüngsten Ausgabe Ihr Vorgehen als eine Art Übernahme des Vereins beschrieben. Wie viel Macht brauchen Sie, um erfolgreich zu sein?

Ich bin ja kein Trojanisches Pferd. Wer mich holt, weiß, wen er holt. Meine Konzepte sind bekannt, meine Methoden ebenfalls. Schalke hat mich verpflichtet, weil der Klub das Gefühl hatte, dass er in seinen Strukturen etwas ändern muss. Ich will ja nicht alles machen, ich will nicht alles wissen, und ich muss vor allem nicht alles bestimmen. Ich brauche aber ein professionelles Arbeitsumfeld vom Zeugwart bis zum Fanbeauftragten, das allein ein Ziel kennt: Erfolg. Nur um den geht es im Profisport, den wollen Fans, Sponsoren, Spieler und Verein. Und dann muss der, der in der Verantwortung steht, der als Erstes gehen muss, wenn es nicht läuft, auch das Sagen haben. Viele Trainer müssen den Kopf hinhalten für Entscheidungen, die sie nicht getroffen haben. Ich halte ihn für meine eigenen hin. Wenn ich dann geköpft werde, ist das wenigstens gerecht.

In der vergangenen Saison hatte Schalke die Meisterschaft lange Zeit auf dem Fuß, wurde am Ende knapp geschlagen hinter dem FC Bayern München Zweiter. Müssen Sie da gleich die halbe Mannschaft austauschen?

Mit dem Team der vergangenen Spielzeit hätten wir in den nächsten Jahren keine Chance auf den Titel. Wir mussten also sportlich etwas verändern, weil wir künftig in der Lage sein wollen, ein Spiel zu gestalten und offensiven Fußball zu spielen. Zweitens war die Mannschaft zu teuer, jedenfalls zu teuer für einen Klub, der im vergangenen Jahr beinahe in die Insolvenz gegangen wäre. Deshalb mussten wir uns auch von Stammspielern trennen. Uns ist es, Stand heute, gelungen, die Gesamtausgaben für Gehälter um fast 30 Prozent zu reduzieren. Das wird am Ende etwas weniger werden, weil wir noch nicht komplett sind.

Was planen Sie?

Wir werden noch zwei erfahrene Spieler kaufen, wohl nicht mehr bis zum HSV-Spiel am Sonnabend, sicherlich aber bis zum Ende der ersten Transferperiode am 31. August.

Wer wird das sein?

Wir halten weiter verschiedene Optionen. Es hängt jetzt davon ab, welche Spieler in den nächsten Tagen wohin wechseln werden. Daraus ergeben sich dann bestimmte Möglichkeiten. Aber bislang ist keine entscheidende Bewegung im Markt erkennbar.

Weil zum Beispiel weiter nicht feststeht, ob Diego von Juventus Turin zum VfL Wolfsburg geht und damit Ihr Lieblingsmittelfeldspieler Zvjezdan Misimovic für Sie frei würde.

Zum Beispiel. Warten Sie doch ab. Vielleicht gelingt uns ja noch irgendeine Überraschung.

Sie sollen bei Manchester City großes Interesse am Brasilianer Robinho bekundet haben?

Es wird immer viel erzählt.

Auch Raúl haben Sie lange dementiert.

Das war mit allen Beteiligten abgesprochen. Ich halte mich an Absprachen.

Kann man im Fußball eine Mannschaft zusammenstellen, die ein gewisses Maß an Erfolg garantiert?

Das habe ich in Wolfsburg bewiesen. Es ist natürlich auch eine Frage des Geldes.

Geht es auch ohne zweistellige Millionenbeträge?

Dann bräuchte man mehr Zeit. Nur: Die gibt einem in der Bundesliga niemand.

Haben Sie deshalb den Machtkampf mit Schalkes Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies gesucht, weil Sie mindestens 35 Millionen Euro für Verstärkungen haben wollten?

Es gab keinen Machtkampf, und es wird auch nie einen mit Herrn Tönnies geben. Es ging ausschließlich darum, ob mir gegenüber gemachte Zusagen eingehalten werden. Sie werden eingehalten. Also ist alles gut.

Schalke hat lange Zeit über seine Verhältnisse gelebt. Da ist es verständlich, dass Herr Tönnies auf die Bremse tritt.

Ich habe nie das Wirtschaftliche aus den Augen verloren, weder hier in Schalke noch zuvor in Wolfsburg. Ich bin der Einzige, der in der vergangenen Saison bei Schalke in seinem Verantwortungsbereich nennenswert gespart hat. Wir haben trotzdem die Champions League erreicht und uns dadurch neue Einnahmequellen erschlossen. Jetzt müssen wir investieren, um das Erreichte langfristig abzusichern. Schalke kann sich im Gegensatz zum HSV momentan kein Jahr ohne außerordentliche Einkünfte leisten. Wir stehen in Konkurrenz zu sieben anderen Klubs, die genau dasselbe wollen wie wir, nämlich in die Champions League. Deshalb sind wir gezwungen zu handeln.

Sie scheinen bei Spielerkäufen eine hohe Trefferquote zu haben. Nennen Sie uns Ihr Geheimnis?

Das Wichtigste und Entscheidende ist: Ich muss keine Kompromisse machen. Mir schwatzt kein Vorstand einen Spieler auf oder redet ihn mir aus. Ich hole mit meinem Stab nur jene Spieler, von denen wir überzeugt sind, dass sie charakterlich und sportlich in das System passen, das wir spielen wollen. Meine Kollegen Bernd Hollerbach und Seppo Eichkorn und ich verfügen inzwischen über eine Vielzahl an Kontakten in zahlreiche in- und ausländische Ligen. Letztlich musst du immer auch ein bisschen Glück haben, damit am Ende wirklich alles ineinandergreift.

In Wolfsburg hat es anderthalb Jahre gedauert, bis die von Ihnen zusammengestellte Mannschaft auf Erfolgskurs ging. Sie wurde dann zur Überraschung aller auch gleich Meister. Wie viel Zeit geben Sie sich in Schalke?

Anderthalb Jahre sind ein guter Rahmen. Ein Umbruch erfordert stets Geduld, bis sich die meisten Automatismen eingespielt haben. Geduld ist in unserem Geschäft ein kostbares wie seltenes Gut. Das ist mir bewusst.

Mit Raúl haben Sie einen Weltstar geholt. Er ist 33. Real Madrid hat sich im Gegenzug mit Mesut Özil und Sami Khedira zwei junge deutsche Nationalspieler gekauft. Sehen Sie darin einen Trend?

Ich sehe den Trend, dass die Bundesliga immer attraktiver wird und dass Stars wie Ruud van Nistelrooy beim HSV oder Raúl den Weg zu einer höheren Akzeptanz der Bundesliga im Ausland ebnen. Es werden immer mehr interessante Spieler zu uns kommen, auch jüngere, weil wir vieles bieten können, was es anderswo nicht gibt oder nicht mehr gibt. Bei uns werden die Gehälter pünktlich bezahlt, das, höre ich von vielen Spielerberatern, ist in anderen Ländern längst nicht mehr der Fall. Die Verschuldung der Klubs nimmt dort zum Teil dramatische Ausmaße an. Die Bundesligavereine sind auch dank der Finanzaufsicht der Deutschen Fußball Liga weit weniger verschuldet. Hinzu kommt die hervorragende Infrastruktur in Deutschland, im ganzen Land und im Fußball. Unsere Stadien sind hochmodern. Der deutsche Fußball und die Bundesliga sind für die Zukunft gerüstet, besser als die meisten anderen Nationen. Beschleunigt würde die Entwicklung, wenn wir uns den dritten festen Champions-League-Startplatz erspielten.