Im Kollektiv liegt die Kraft

Abendblatt-Kolumnist Felix Magath erklärt, warum Deutschland jetzt der WM-Favorit ist und wie Spanien besiegt werden kann

Kompliment an Joachim Löw und seine Spieler: Solch eine Leistung wie gegen Argentinien habe ich von einer deutschen Nationalelf seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Da herrschten Ordnung, Disziplin und hohe Laufbereitschaft, jeder war für jeden da. Die Mannschaft hat als Mannschaft funktioniert, auch wenn Einzelne wie Schweinsteiger oder Müller besondere Beiträge beigesteuert haben. Bezeichnend war für mich die Vorstellung Podolskis: Ich habe ihn noch nie so diszipliniert und konzentriert spielen und vor allem nach hinten arbeiten gesehen. Mit dieser Einstellung steigert er seinen Wert für das Team erheblich.

Gewonnen hat dieses Spiel eindeutig die Defensive. Und alle haben dabei mitgemacht, was sich Trainer ja immer wünschen. Das Verhalten in der Rückwärtsbewegung war nahezu perfekt, das Laufpensum Schweinsteigers und Khediras bemerkenswert. In jeder Situation waren mindestens acht, meistens sogar zehn deutsche Feldspieler in der eigenen Hälfte präsent, haben den Argentiniern systematisch den Raum genommen und damit deren Spielaufbau erschwert. Ohne einen gewissen Freiraum bleiben auch Weltstars wie Messi, Higuain oder Tevez wirkungslos. Die deutsche Mannschaft hat sie im Kollektiv konsequent ihrer Stärken beraubt. Das war weltmeisterlich. Dass die Argentinier zu Beginn der zweiten Hälfte Chancen zum 1:1 hatten, widerspricht dem nicht. Auf diesem Niveau, in einem WM-Viertelfinale eines dreimaligen und zweimaligen Weltmeisters, kontrolliert nur in Ausnahmefällen ein Team das andere 90 Minuten lang.

Der frühe Führungstreffer hat der größten Qualität dieser deutschen Elf, Schnelligkeit und Zielstrebigkeit bei Kontern aus der Abwehr, direkter Zug zum Tor, natürlich in die Füße gespielt. Die Argentinier schienen mir nach dem 0:1 zudem verunsichert, ein wenig ratlos und weder mental noch taktisch auf diese Konstellation vorbereitet. Sie mögen sich vor der Begegnung zu sicher gefühlt haben, Maradona wird seinen Teil dazu beigetragen haben, möglicherweise auch das Freundschaftsspiel Anfang März in München, das unsere Mannschaft erschreckend chancenlos 0:1 gegen Argentinien verloren hatte.

Nach diesem 4:0 wird niemand mehr die deutsche Mannschaft unterschätzen, wir sind in der allgemeinen Wahrnehmung plötzlich der WM-Favorit, obwohl wir nur in den drei (von fünf) Spielen überzeugt haben, in denen uns ein schnelles Tor gelungen ist. Das macht das Halbfinale gegen Spanien nicht leichter. Auch wenn dem Europameister, der überragenden Elf der vergangenen drei Jahre, in Südafrika Geschlossenheit und Durchschlagskraft etwas abhandengekommen sind, bleibt das Team aufgrund seiner individuellen Klasse, seiner Erfahrung und seines Selbstbewusstseins jederzeit in der Lage, jeden Gegner auf der Welt zu besiegen. Zwar sucht Torres nach seiner Knieverletzung weiter seine EM-Form von 2008, dafür hat sich Villa noch einmal gesteigert. Gelingt es der deutschen Mannschaft, den bisherigen Toptorjäger dieser WM zu neutralisieren, wäre viel erreicht. Mit einem ähnlichen Defensivkonzept wie gegen Argentinien sollte dies zu schaffen sein. Dass Müller im Halbfinale ausfällt, halte ich bei allem Respekt vor seinen bisherigen herausragenden Leistungen für keine entscheidende Schwächung. Das deutsche Spiel definiert sich über die Mannschaftsleistung, über die Zusammenarbeit, die Einbindung von Müllers Vertreter sollte daher problemlos gelingen.