Lieber Titel als Schönheitspreis

In der Heimat werden die Niederlande für ihren Spielstil kritisiert. Doch für sie zählt auch gegen Kamerun nur der Erfolg

Johannesburg. Es war ein "Klassentreffen" der besonderen Art am Spielfeldrand des Rugbystadions der University of Witwatersrand. Die früheren Nationaltrainer Dick Advocaat und Leo Beenhakker hatten sich unter die Zuschauer gemischt, um sich einen Eindruck von der Stimmung im niederländischen Lager zu verschaffen. Während sich die Profis nach der Einheit auf den Weg zum Mannschaftsbus begaben, plauderte Bert van Marwijk mit seinen Vorgängern, die ihm schließlich die Hand schüttelten und ihm freundlich auf die Schulter klopften.

Nach ihrem Kurzbesuch in der Johannesburger Trainingsstätte waren sich Advocaat und Beenhakker einig: Bei dieser WM kann die "Elftal" alles erreichen. "Für mich besteht kein Zweifel daran, dass wir die Qualität haben, Weltmeister zu werden", sagte Advocaat, der künftig die russische Auswahl betreuen wird. Auch Beenhakker, technischer Direktor bei Feyenoord Rotterdam, zeigte sich zuversichtlich: "In unserer Geschichte haben wir häufig einen Schönheitspreis gewonnen. Es wird Zeit, dass es endlich einmal mehr wird."

Die Hoffnungen ruhen auf van Marwijk, dem Beenhakker ein makelloses Zeugnis ausstellte: "Ich denke, dass er die richtige Balance gefunden hat zwischen Ergebnis- und attraktivem Fußball. Er macht seine Sache richtig gut."

Trotz der beiden Siege gegen Dänemark (2:0) sowie Japan (1:0) und der damit verbundenen Qualifikation für das Achtelfinale hält sich die Begeisterung vor dem letzten Gruppenspiel heute (20.30 Uhr/RTL) gegen die bereits ausgeschiedenen Kameruner in der Heimat in Grenzen. In den vergangenen Tagen liefen auf der offiziellen Internetseite des Verbands unzählige E-Mails von Anhängern ein, die sich beschwerten über die bisher gezeigten Leistungen. Und auch die Medien gehen mit den Nationalkickern recht hart ins Gericht, was Trainer van Marwijk und den Profis ganz gewaltig auf die Nerven geht.

"Wir haben sicher nicht so attraktiv gespielt, wie man es von uns gewohnt ist. Aber bei einer WM ist es nicht einfach. Man muss auch hässliche Spiele erfolgreich gestalten", sagte van Marwijk und fügte kämpferisch hinzu: "Schließlich sind wir nach Südafrika gekommen, um den Titel mit nach Hause zu nehmen."

Allein dieses Ziel haben die Niederländer vor Augen, doch die herbe Kritik an ihren Vorstellungen nagt an ihnen. "Die Leute in Holland erwarten, dass wir nicht nur gewinnen, sondern dabei auch immer schön spielen und möglichst drei oder vier Tore schießen. Aber das geht so nicht", sagte Rafael van der Vaart, der seine Kollegen davor warnte, sich von der Stimmung beeindrucken zu lassen. "Die Leistungen waren nicht glanzvoll, aber in Ordnung. Vor allem die Organisation hat gestimmt. Wir haben im Turnierverlauf noch kein Gegentor und auch wenig Chancen zugelassen. Wir treten diszipliniert auf und wissen, dass es etwas zu bedeuten hat, auch schlechte Spiele zu gewinnen", so van der Vaart.

Der Profi von Real Madrid, zuvor Kapitän des Hamburger SV, blieb gegen Dänemark und Japan blass, ebenso wie Robin van Persie (Arsenal London) und Dirk Kuyt (FC Liverpool). Aus der so gepriesenen Angriffsriege erfüllte einzig Wesley Sneijder die hohen Ansprüche. Der Spielmacher vom italienischen Double-Gewinner und Champions-League-Sieger Inter Mailand wurde nach beiden Partien als "Man of the Match" ausgezeichnet. Im Duell mit den Japanern war ihm der entscheidende Treffer gelungen.

"Ich verstehe die Aufregung nicht", sagte Sneijder, er würde die aktuelle Situation genießen, und so sollten es auch die Kritiker sehen: "Es gibt große Nationen, die sehr gern unsere 'Probleme' hätten. Wir haben unseren besten Fußball längst noch nicht gezeigt, aber nach zwei Spielen sechs Punkte auf dem Konto. Das ist doch fantastisch." Während die Offensivabteilung - Sneijder ausgenommen - den Vorwürfen ausgesetzt ist, nicht das Potenzial abzurufen, werden die Defensivkräfte plötzlich lobend erwähnt. Ein ganz neues Gefühl für einen niederländischen Verteidiger. "Die Leute sollten sich damit abfinden, dass der Hurrastil ausgedient hat. Es geht darum, die Kontrolle über den Gegner zu haben. Das ist uns bisher gut gelungen", sagte Abwehrchef Joris Mathijsen vom HSV und bekräftigte: "Wir wollen nicht für unser Spiel bewundert werden, sondern erfolgreich sein. Nur das zählt."

Dieser Meinung schloss sich Mark van Bommel an. Der Kapitän des FC Bayern sagte, dass im weiteren Turnierverlauf jede Partie zu einem "Geduldspiel" werde, darauf müsse man sich einstellen: "Es wäre fatal, nach vorn zu stürmen und ins offene Messer zu laufen. Auf dem Niveau einer WM wird jeder Fehler bestraft", erklärte van Bommel, der sich einen Seitenhieb auf die deutsche Mannschaft nicht verkneifen konnte: "Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass der schöne Fußball am Ende nicht immer gewinnt."

Kamerun: Souleymanou - Mbia, Nkoulou, Bassong, Assou Ekotto - Makoun, Alexandre Song, Eyong, Mandjeck - Eto'o, Choupo-Moting.

Niederlande: Stekelenburg - van der Wiel, Heitinga, Mathijsen, van Bronckhorst - van Bommel, de Jong - Kuyt, Sneijder, van der Vaart - van Persie.

Schiedsrichter: Pozo (Chile).