Die Schweiz feiert "Sankt Gottmar"

Nach dem sensationellen Sieg seiner Low-Budget-Belegschaft über Turnierfavorit Spanien tüftelt Ottmar Hitzfeld schon am nächsten Coup

Berlin. Selbst die mediale Heiligsprechung mochte nichts ändern an Ottmar Hitzfelds bilanzierender Nüchternheit. Während sie in der Schweizer Wahlheimat den Trainer als "Sankt Gottmar" huldigten, machte sich der Umjubelte daran, die Ereignisse recht gelassen einzuordnen: "Die Trainer sind nur Nebensache. Die Spieler können die Sensation schaffen."

Es mag Kalkül sein, dass der 61 Jahre alte Trainer das 1:0 seiner Elf gegen den Turnierfavoriten Spanien öffentlich nicht überbordend feiern mochte, obwohl das Turnier in Südafrika damit die erste wirkliche Sensation erfahren hatte. Hitzfeld weiß nur allzu gut, wie es sich verhält mit Halbwertszeiten von vermeintlichen Großtaten in der Branche, und deswegen richtete er den Blick schon auf die nächste Aufgabe: das Spiel am Montag in Port Elizabeth gegen Chile. "Das", sagte er, "wird viel schwerer als gegen die Spanier."

Immerhin intern aber bekannte sich Hitzfeld zu seinem Coup. Den etwas glücklichen, aber keinesfalls unverdienten Erfolg gegen das Starensemble um Fernando Torres und David Villa wertete er als "einfach genial" - womit dann doch geklärt sein dürfte, welcher Kopf sich tatsächlich verbarg hinter der "Sternstunde im Schweizer Fußball" ("Basler Zeitung") respektive des "magisch anmutenden Meisterstücks" ("Neue Zürcher Zeitung"). Zumindest geschichtlich, das war dem einstigen Lehramtsstudenten für Mathematik und Sport umgehend klar, aber hat er im Duell mit dem Europameister schier Unmögliches geschafft. "Das ist ein historischer Sieg, wir haben in 105 Jahren nicht gegen Spanien gewonnen", rechnete Hitzfeld vor. Zugleich hatten die Spanier in den 53 Spielen zuvor nur einmal verloren, 2009 im Halbfinale des Confed-Cups gegen die USA (0:2). Nicht erst seit dem Sieg von Durban fragen sich etliche Beobachter verwundert, was dieser Hitzfeld an sich hat, dass die Eidgenossen jäh zu Höhenflügen ansetzen. Vor zwei Jahren hatte der Trainer die Auswahl von Jakob Kuhn übernommen, nachdem die Schweizer bei der EM im eigenen Land in der Gruppenphase gescheitert waren. Hitzfeld legte mit einem 1:2 gegen Luxemburg einen blamablen Start hin, um danach aber souverän die WM-Qualifikation zu meistern. Viele Schweizer werteten das angesichts der spielerischen Möglichkeiten bereits als Sensation. Nun also folgte Teil zwei des Spektakels.

Zwar sah sich Hitzfelds Team einer spielerischen Übermacht der Spanier ausgesetzt, die auf 24:8 Torschüsse, 13:3 Ecken und 63:37 Prozent Ballbesitz kamen, aber das entscheidende Tor ging eben auf das Konto seiner Mannschaft: Der 23 Jahre alte Gelson Fernandes (AS Saint-Étienne) stocherte in der 52. Spielminute den Ball nach einer dynamischen Einzelleistung des Leverkuseners Eren Derdiyok über die Linie. "Er ist ein sehr engagierter Spieler, so einen hat man gerne", sagte Hitzfeld über den defensiven Mittelfeldspieler, der von den Kapverdischen Inseln stammt.

Fernandes ist ein gutes Beispiel für das feine Gespür des Trainers. Eigentlich wäre er gar nicht aufgelaufen, wenn sich nicht Valon Behrami (West Ham United) am Oberschenkel verletzt hätte. Pirmin Schwegler (Eintracht Frankfurt) oder Hakan Yakin (FC Luzern) wären auch als Ersatzleute infrage gekommen, doch Hitzfeld machte erst ein (Schweizer) Bankgeheimnis aus der Aufstellung, um sich dann für den Torschützen Fernandes zu entscheiden.

Auch beim zweiten Matchwinner erwies sich Hitzfeld als ausgebufft. Für den maladen Kapitän Alexander Frei (Verstauchung des rechten Sprunggelenks) brachte er Derdiyok, der unermüdlich rackerte, das Tor vorbereitete und nach einem Schuss an den Pfosten völlig entkräftet in der 79. Minute ausgewechselt wurde. "Als Einheit kann man auch gegen so eine großen Gegner Erfolg haben", meinte der 22-Jährige ungewohnt abgeklärt.

Vielleicht hat er sich den Duktus aber auch nur beim Trainer abgeschaut, der die Seinen zu Disziplin, Sachlichkeit und Ordnung auf dem Spielfeld anhält. Und der auch gern mal den Vorrechner mimt. Obwohl die Schweizer bis zum Mittwoch 15 Niederlagen und nur drei Unentschieden gegen Spanien verzeichnet hatten, sagte er vor dem Spiel zu Derdiyok und Co.: "Von der Wahrscheinlichkeit her rückt mit jedem weiteren Spiel der Zeitpunkt näher, dass wir gewinnen." Man darf gespannt sein, wie die Rechnung gegen Chile ausfällt. Von drei Duellen verloren die Schweizer nur eins.