Walter Frosch

Das Leben, ein Zweikampf

Grätschen, am Ball bleiben, niemals aufgeben: So kannte man Walter Frosch als Fußballer des FC St. Pauli. Und so hat er nach mehreren Krankheiten und 111 Tagen im Koma seinen schwersten Gegner besiegt. Porträt eines Unbeugsamen von Jan Haarmeyer.

Walter Frosch sitzt im Wohnzimmer in seiner Wohnung in Niendorf auf der Couch. Er hat einen Trainingsanzug an und Badelatschen an den Füßen. Er ist schmal und versinkt ein bisschen in dem grünen Möbel. Unter dem hellgrünen Sweatshirt klebt eine Magensonde, über die er dreimal am Tag mit jeweils einem 700-Gramm-Beutel "Fresubin Energy" künstlich ernährt wird. Die Trachealkanüle am Hals, die gewährleistet, dass nichts Falsches von der Speise- in die Luftröhre gelangt, hat einen roten Fleck. Wenn er spricht, muss er dort draufdrücken, damit man seine Worte auch hört. Auf den ersten Blick würde man vielleicht von einem Häufchen Elend sprechen. Wie geht's, Froschi? Er drückt auf den Knopf: "Mir geht's gut." Was gibt es Weihnachten zu essen? Wieder ein Druck auf die Stelle am Hals. "Gänsekeule", schnarrt er. Seine Augen lachen sich schlapp.

Früher dauerten die Spiele des Walter Frosch 90 Minuten, und oft ging er als Sieger vom Platz. Meistens hatte der "Grätschenkönig", der aufgrund seiner Schnelligkeit durchaus auch körperlos spielen konnte, dann vom Schiedsrichter wegen seiner überharten Gangart eine Gelbe Karte erhalten. Knapp 20 waren es einmal in einer Saison, weswegen der Deutsche Fußball-Bund (DFB) anschließend die Spielsperre nach fünf "Gelben" eingeführt hat. Und es hält sich hartnäckig die Geschichte, dass Herr Frosch einmal sogar schon vorm Spiel in der Kabine vom Schiri die Karte gezeigt bekommen hat. Ein Mann sieht Gelb, Froschi war der Inbegriff des nie aufgebenden Fußballers.

Das Spiel seines Lebens aber schien die St.-Pauli-Legende vor genau einem Jahr verloren zu haben, als nach einer schweren Lungenkrankheit und einer Blutvergiftung sämtliche Organe nacheinander versagten und er auf der Intensivstation im AK Harburg ins künstliche Koma versetzt wurde. Als es in diesem Spiel plötzlich um Leben und Tod ging - und als sich Froschi in die Verlängerung kämpfte.

Früher sollte er mal bei Bayern München spielen. Kein Geringerer als Weltmeister Fritz Walter hatte dem FC Bayern den jungen Verteidiger des SV Alsenborn empfohlen, obwohl der gelernte Schornsteinfeger schon beim 1. FC Kaiserslautern unterschrieben hatte. "Das regeln wir schon", sagte Bayern- und Beckenbauer-Manager Robert Schwan zu dem 23-jährigen Talent aus der Pfalz, das schon mit 16 Jahren per DFB-Sondergenehmigung in der Amateur-Oberliga spielen durfte. Also unterschrieb Frosch auch noch einen Vertrag bei den Bayern. Als er an einem der ersten Trainingstage nicht mit dem linken Fuß flankte, tobte Bayern-Coach Udo Lattek. "Warum flankst du nicht mit links?" Frosch: "Weil die anderen das auch nicht machen." Lattek: "Wenn du keine Lust hast, dann geh duschen." Frosch: "Mach ich."

Nach einer Ohrfeige für Bayern-Profi Jupp Kapellmann und weiterem Hickhack mit dem DFB wegen zweier unterschriebener Profi-Verträge landete der schmächtige, aber zähe Defensivkönner wieder in Kaiserslautern. Als DFB-Trainer Jupp Derwall den gebürtigen Ludwigshafener dann in die deutsche B-Elf einlud, konterte er: "Ein Walter Frosch spielt nur in der A-Mannschaft - oder in der Weltauswahl."

So einer fällt nicht beim ersten Gegenwind um.

Den deutschen Nationalspieler Erwin Kremers, damals einer der schnellsten Bundesliga-Profis, hat Frosch kurze Zeit später bei einem Heimspiel auf dem gefürchteten, engen Betzenberg in den ersten Minuten "dreimal über die Bande gehauen, damit da Feierabend war". Der flinke Linksaußen von Schalke 04 wurde nach 18 Minuten ausgewechselt. Dabei war Walter in der Nacht zuvor bis drei Uhr morgens mit Freunden unterwegs gewesen, als sie auf die Idee kamen, zu sechst noch einen 400-Meter-Lauf am Klubhaus zu machen. Wetteinsatz: zehn Liter Bier. Froschi hat allen 100 Meter Vorsprung gegeben - und gewonnen. Als der damalige FCK-Trainer Erich Ribbeck ("Herr Frosch, Sie könnten viel höher spielen, wenn Sie solider leben würden") ihn acht Stunden später vorm Spiel anschaute und die roten Augen sah, sagte Froschi nur: "Bindehautentzündung."

So einer taugt auf Dauer wohl eher nicht für den Profifußball. Oder er wechselt nach 43 Bundesligaspielen zu den Kiezkickern vom FC St. Pauli, mit denen er im Sommer 1977 in die Bundesliga aufstieg. Trotz Lizenzentzugs im Jahre 1979 blieb er am Millerntor und erlangte innerhalb von sechs Jahren Kultstatus. Lange Haare, Schnauzer, eisenharter Zweikämpfer, Kettenraucher, Kneipengänger, des Öfteren kurz vorm Spiel noch eine Kippe und ein Kaltgetränk am Tresen, die Nähe zum Rotlicht - das passte. Genau wie sein letzter Auftritt im Trikot vor zwei Jahren beim "Tag der Legenden", als er vor laufender Kamera eine Schachtel Marlboro zum Schienbeinschützer in seinen Stutzen umfunktionierte.

Man muss solche Geschichten kennen, um annähernd zu begreifen, warum Walter Frosch noch lebt. Warum er sich nach 111 Tagen im künstlichen Koma seit März dieses Jahres wieder ins Leben zurückkämpft. Noch einmal ganz von vorne begonnen hat. Wieder laufen lernt, wieder schlucken lernt, wieder sprechen lernt. Warum aus dem Lebenskünstler, der einst 40 000 Mark in die Erfindung von Kaffee in Aufgussbeuteln investierte, immer noch kein Lebensmüder geworden ist.

Er hätte ja allen Grund dazu, denn für sein Leben auf der Überholspur hat er schon mehrmals die Quittung bekommen. Die Gelbe Karte von ganz oben sozusagen, obwohl Walter Frosch nicht an eine übergeordnete Instanz, eine Art Oberschiedsrichter, glaubt, die alles lenkt. "Das habe ich schon alleine geschafft", sagt er. Natürlich mithilfe der Kunst von zahlreichen hochkarätigen Ärzten.

Sein Aufbäumen gegen die drohende Niederlage außerhalb des grünen Rasens begann 1996, als bei ihm ein Tonsillenkarzinom diagnostiziert wurde. Der bösartige Tumor im Gaumenbereich wurde, zusammen mit Teilen des Zungenrandes, in einer siebeneinhalbstündigen Operation entfernt. Frosch hatte den arglistigen Gegner besiegt und sagte später: "Ich habe im Krankenhaus viele gesehen, denen es viel schlechter ging als mir. Und viel trauriger ist es, wenn Kinder an Krebs erkranken."

Nur zwei Jahre später folgte die nächste große OP: Aufgrund der zahlreichen Bestrahlungen musste zur Stabilisierung der angegriffenen Knochen eine Platte im Halswirbelbereich eingesetzt werden, was das einfache Drehen des Kopfes fortan nicht mehr zuließ. Im September 2007 wurde bei Frosch, inzwischen Klubwirt beim SC Victoria am Lokstedter Steindamm, ein Knoten an den Stimmbändern entfernt - er war gutartig. Schon nach der ersten Krebs-OP hatte er keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt, ab sofort verzichtete er nun auch auf die Glimmstängel. 60 waren es pro Tag.

Schritt für Schritt also veränderte Walter Frosch, der seine aktive Laufbahn bei Altona 93 beendete und danach die legendäre Kneipe "Frosch" im Falkenried betrieb, seine Einstellung. Der Körper war sein großes Kapital gewesen, und das hatte er ziemlich leichtfertig verspielt.

Aber an seinen Grundsätzen hielt er eisern fest. Er blieb einer mit Ecken und Kanten und kann wohl auch deshalb mit Teilen der jungen Fußballer-Generation, mit "all diesen Experten", die alle die gleichen Autos fahren, die gleichen Frisuren und die gleichen Klamotten tragen, nicht allzu viel anfangen. "Alle frisch gestylt - und bei Windstärke 4 fallen sie um", hat er einmal gesagt. Überhaupt kein Vergleich sei das zu seiner aktiven Zeit. "Wenn du früher zum Trainer gesagt hast, du hast Kopfschmerzen, hat der gesagt: 'Geh ans Kopfballpendel, dann gehen die weg.' Und heute? Da schickt er dich zur Kernspintomografie ..."

Ja, früher, da ist Walter Frosch die rechte Außenlinie rauf- und runtergesprintet, heute schafft er zu Fuß 200 Meter, bevor er außer Atem ist. Und dann schiebt ihn sein Kumpel Ralph Winkler im Rollstuhl über den Tibarg. Eine Handvoll Freunde, zu denen auch sein Bruder Lasse und Ex-St.-Pauli-Profi Dieter Schiller zählen, ist ganz nah bei ihm. Lebensgefährtin Gaby pflegt ihn rund um die Uhr. "Sensationell", sagt Froschi.

Sie waren da, als vor einem Jahr ein Loch in der Lunge entdeckt wurde. Als er bis zu einem halben Liter Blut spuckte und auf 48 Kilo abmagerte. Als ihm ein Teil seines Lungenlappens entfernt wurde und sein Blut vergiftet war. Als auf der Intensivstation kaum noch Hoffnung bestand, weil kein Antibiotikum anschlug. Als er aus dem künstlichen Koma aufwachte und man ihm später bei der Reha in einem anderen Krankenhaus sagte, dass das mit dem Sprechen nichts mehr werde und er wohl ein Pflegefall bleibe. Als er das nicht wahrhaben wollte, sich einen weiteren Experten-Rat einholte und dann zur Behandlung zu Professor Tamas Hacki in die auf Stimm-, Sprech- und Schluckstörungen spezialisierte Reha-Klinik nach Bad Gögging kam.

Richtige Fortschritte, erzählen die Freunde, macht er, seit er wieder zu Hause in den eigenen vier Wänden ist. Im Wohnzimmer stehen vier Adventskerzen, im Fenster hängt ein Stofftannenbaum, gerade waren sein Bruder und seine Mutter (84) zu Besuch.

Froschi wiegt inzwischen wieder 60 Kilogramm, er geht zweimal in der Woche zur Reha ins Epi-Zentrum von HSV-Masseur Uwe Eplinius. Macht leichte Übungen an einigen Geräten und hat neulich erstmals einen Ball mit der Innenseite über 20 Meter gepasst. Ist anfangs anderthalb Minuten auf dem Fahrrad gefahren und schafft heute vier. Mit einer Logopädin macht er dreimal in der Woche Schluck- und Sprechübungen und kann mittlerweile mehrsilbige Wörter wie "Mutter", die er anfangs einzeln zusammengesetzt hat, im Zusammenhang aussprechen.

Hat er in den letzten Monaten mal daran gedacht, aufzugeben? Er drückt wieder auf den Knopf: "Niemals."

Morgen wird er 59 Jahre alt, und das Telefon wird nicht stillstehen. So viele wollen dem St.-Pauli-Urgestein gratulieren und wissen, wie es ihm geht. "Ich will irgendwann wieder Fußball spielen und werde über 80 Jahre alt", sagt er. Das mag erst einmal unglaublich klingen, ist es aber keineswegs für einen, der weiß, wie man Berge versetzt. Der früher eher weniger zum Vorbild taugte und heute genau das für viele, die ähnliche Schicksalsschläge erleiden, sein kann. Der Menschenfreund und Mutmacher geworden ist.

Und egal, was das Leben noch mit ihm vorhat - Walter Frosch ist auf jeden Fall gewappnet. Einem Zweikampf ist er schließlich noch nie aus dem Weg gegangen. Und nur wenige wissen so gut wie er, dass der nächste Gegner immer der schwerste ist.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.