Nationalmannschaft

Das neue Deutschland - viele Kulturen, mehr Spielkultur

Mesut Özil begeisterte beim 2:0 gegen Südafrika. Morgen stehen neun weitere Profis mit Migrationshintergrund im Aufgebot.

Köln. Es ist eine - fast - typisch deutsche Idylle. Auf dem Grill brutzeln Shish Khebab und Würstchen einträchtig nebeneinander, auf der Terrasse trinken Männer ein kühles Bier, eine Frau stellt Kartoffelsalat auf das Büfett. Ein türkischer Mann kommt mit seiner Kopftuch tragenden Frau durch die Gartenpforte, eine dunkelhäutige Frau lacht auf einer Gartenschaukel, aus dem Stimmengewirr sind einige polnische Ausdrücke zu erahnen. Da ruft eine Frau auf die Terrasse: "Schnell, kommt, das Spiel fängt an!"

Die Gemeinschaft versammelt sich vor dem Fernseher, als die U-21-Auswahl die Nationalhymne singt. Aus dem Hintergrund fragt eine Stimme: "Was haben diese Frauen und Männer gemeinsam? "Ihre Kinder spielen in der deutschen Nationalmannschaft. DFB - más integracion."

Für den Werbespot, der gerade wieder im Rahmen der Länderspiele kostenlos vom ZDF ausgestrahlt wird, musste der deutsche Fußballbund keine Schauspieler engagieren. Stefan und Bärbel Mertesacker, Maria-Theresia Metzelder oder Beatrice Kemper-Asamoah stellten sich für den guten Zweck zur Verfügung.

Das Interessante an diesem 30-Sekunden-Film ist jedoch nicht nur, dass er von "Sommermärchen-Macher" Sönke Wortmanns Firma "Little Shark Entertainment" produziert wurde. Dass es diesen Beitrag gibt, verdankt der DFB vielmehr der Initiative der Mannschaft, die den Verband drängte, offensiv das Integrationspotenzial des Fußballs zu bewerben. "Wir haben dann ganz bewusst auch Eltern von U-21-Spielern und der Frauen dazugenommen", sagt DFB-Manager Oliver Bierhoff, der das Projekt mit Uli Voigt (DFB-Direktor elektronische Medien) anschob. "Schließlich betrifft dieses Thema den gesamten Bereich."

Es hätte allerdings keines Werbespots bedurft, um festzustellen, wie sehr die Quote von Nationalspielern mit Migrationshintergrund in der jüngsten Vergangenheit zugenommen hat. Von den 23 Kickern im Kader für das WM-Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan am Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF live) haben zehn ausländische Wurzeln. Sami Khedira, Sohn eines tunesischen Vaters und einer deutschen Mutter, der gegen Südafrika seine Premiere feiern durfte, ist der jüngste "Neuzugang" dieser Art. Der Profi vom VfB Stuttgart hatte die U-21-Auswahl als Kapitän erst zum EM-Titel in Schweden geführt und gilt wie der Deutschtürke Mesut Özil, der einen so glänzenden Auftritt hingelegt hatte, als einer der Hoffnungsträger für die Zukunft - nicht nur im sportlichen Bereich, sondern auch für die Integration von Zuwanderern in der Gesellschaft. "Die Auftritte der Jungs geben unserer Arbeit einen unheimlichen Schub", freut sich Gül Keskinler, die Integrationsbeauftragte des DFB, und beschreibt, wie stolz auch die türkischen Medien über Özils Glanzauftritt berichteten.

"Wichtig ist aber auch, wie ein Mesut sich gibt. Die Fußballer haben mit ihrer Vorbildfunktion eine enorm wichtige Rolle, sie sind Botschafter für die Jugend." Keskinler weist darauf hin, dass es genauso seismografisch wahrgenommen werde, wenn DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger alle Europameister der U 21 umarme: "Das signalisiert, dass sie nicht nur als Leistungsträger, sondern als Menschen willkommen sind."

Mit dem Werdegang der in Polen geborenen Fußballer Podolski oder Klose haben diese nachwachsenden Talente allerdings wenig gemeinsam. Khedira oder auch Gomez (der Vater ist Spanier) sind Musterbeispiele dafür, wie die nach dem schmählichen Aus bei der Europameisterschaft 2000 in den Niederlanden und Belgien begonnene Neuorientierung beim DFB greift. 2002 rief der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder das Talentförderprogramm ins Leben, das auch Khedira und Gomez genossen. Die Kinder, die damals elf Jahre alt waren, sind heute 18. Längst hat der deutsche Verband die Defizite beispielsweise im Vergleich zu den Franzosen wettgemacht, was die Juniorentitel der U 21, der U 19 und der U 17 eindrucksvoll bewiesen.

Deshalb ist es kein Zufall, dass sich immer mehr Talente für das Trikot mit dem Adler auf der Brust entscheiden. Sie entwickeln und wachsen in den Strukturen des DFB auf. Die WM in Deutschland trug ebenfalls zur Identitätsentwicklung bei Menschen mit Migrationshintergrund - in Deutschland 15 Millionen - bei.

Dabei legt der DFB Wert darauf, weder mit Versprechungen oder mit Druck zu arbeiten. "Wir akzeptieren jederzeit die Entscheidung der Eltern", betont Mediendirektor Harald Stenger. So war der Verband beim Dortmunder Nuri Sahin chancenlos, der sich für die Türkei entschied. Dass die Quote der "deutsch-deutschen" Spieler in allen Auswahlmannschaften zurückgeht, ist eine zwangsläufige Entwicklung. Etwa ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Ballungsgebieten in Deutschland gehören zur zugewanderten Gesellschaft. "Fußball ist Sportart Nummer eins, und die Jungen erhalten eine schnellere Anerkennung", sagt Gül Keskinler. Joachim Löws Team ist das Zugpferd.

Parallel dazu wird auch an der Basis weiter für Integration geworben. Keskinler und ihre in gleicher Angelegenheit Beauftragten sind in allen 21 Landesverbänden tätig. Mit einem Integrationspreis, den der DFB zusammen mit Sponsor Mercedes-Benz jedes Jahr vergibt, wird zudem soziales Engagement im Sport geehrt. Ganz klar: Auch in den nächsten Jahren wird es viele Özils geben.