Polen schraubt die Fähnchen ab

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Simon Pausch

Nach dem frühen Aus des Co-Gastgebers droht der EM ein jähes Stimmungstief - Nationaltrainer Smuda vor dem Rücktritt

Warschau. Schon ihr Outfit verriet alles. Als die polnischen Nationalspieler 90 Minuten nach dem Schlusspfiff der Partie gegen Tschechien aus ihrer Kabine kamen, trugen sie schwarze Anzüge, dunkelblaue Hemden und schwarze Krawatten. Viele von ihnen hatten vorsichtshalber ihre Kopfhörer übergestreift, bevor sie an den Journalisten vorbeimussten. In Kombination mit ihren geröteten Augen und den steinernen Mienen sendeten sie ein Signal aus, das deutlicher nicht sein konnte: Trauerfall, bitte nicht ansprechen!

So einfach kamen die Teilzeit-Nationalhelden natürlich nicht davon. Nachdem zwei Wochen lang jeder ihrer Schritte live in die polnischen Wohnzimmer übertragen worden war, sie von Dutzenden Werbeplakaten gestrahlt hatten und in jeder Fernsehshow über ihre Blessuren und Frisuren diskutiert worden war, kannten die Kameras auch in ihrer dunkelsten Stunde bei diesem Turnier kein Erbarmen.

Manche - wie der Bremer Sebastian Boenisch - sprinteten regelrecht daran vorbei in Richtung Mannschaftsbus. Nur einige wenige brachten den Mut auf, sich den Fragen nach der größten Enttäuschung in Polens Fußballgeschichte zu stellen. Robert Lewandowski zum Beispiel. Der Stürmer von Borussia Dortmund wirkte besonders deprimiert. "Ich weiß auch nicht, woran es gelegen hat. Ich habe mich sehr allein gefühlt. Das Spiel war nicht einfach für mich", sagte er, und nach jedem Halbsatz entfuhr ihm ein tiefer Seufzer. Er war nach seinem Treffer im Auftaktspiel auf dem besten Weg, einer der Superstars dieses Turniers zu werden. Nun muss er sich die großen Partien vom heimischen Sofa aus ansehen.

Das 0:1 gegen Tschechien steckte voller großer und kleiner Dramen, voller privater und nationaler Trauerspiele. Die Bilder von Lewandowskis Enttäuschung, vom Schock des großen Patrioten Jakub Blaszczykowski, der nach dem Schlusspfiff wie vom Blitz getroffen in sich zusammensackte, vom fassungslosen Lukasz Piszczek, der auf dem Platz in Tränen ausbrach, werden sich einbrennen ins Gedächtnis.

Im Affekt bauten viele Polen noch auf dem Stadionparkplatz in Breslau die polnischen Fähnchen von ihren Autos ab. Diejenigen, die nicht mehr fahren mussten, versuchten mit Hochdruck, ihren Ärger in Bier und Wodka zu ertränken. Frust und Enttäuschung vermengten sich mit Wut und Trauer. Doch die größte Herausforderung steht ihnen erst noch bevor. Ein Turnier zu einem Freudenfest zu machen ist einfach, wenn die eigene Mannschaft den Traum am Leben hält. Wenn er geplatzt ist, feiert es sich deutlich schwieriger.

Wie kompliziert das sein kann, zeigte die Europameisterschaft vor vier Jahren. Die beiden Gastgeber Schweiz und Österreich scheiterten ebenfalls in der Vorrunde - stimmungsvolle Ausreißer nach oben gab es danach mit Ausnahme des Endspiels in Wien nicht mehr. Allerdings herrschte in den beiden Alpenstaaten schon vor dem Turnierstart ein deutlich kühleres Euphorieklima als in Polen, dessen Einwohner diesen Sommer seit Jahren herbeigesehnt hatten und vor Stolz beinahe platzten, als die EM endlich losging. Inwieweit sie ihre gute Laune nach dem "schockierenden Erlebnis" (Eugen Polanski) konservieren können, werden erst die nächsten Tage zeigen.

Doch ein neuerlicher Rückschlag droht bereits am Dienstag: Da könnte auch der zweite Gastgeber des Turniers frühzeitig ausscheiden, wenn die Ukraine gegen England mit Wayne Rooney antreten muss. Anders als die Mannschaft von Oleg Blochin, die in eine starke Gruppe mit Gegnern wie Frankreich und England gelost wurden, können Blaszczykowski und Co. die Schuld an ihrem Scheitern nicht bei der Konkurrenz suchen. In Tschechien und Griechenland zogen die beiden Teams in das Viertelfinale ein, die nach dem ersten Spieltag schon als die schwächsten des Turniers abgestempelt worden waren.

Bis zur zweiten Halbzeit der Partie gegen Tschechien glaubte niemand an ein Ausscheiden. Doch dann geschah das, was der Elf von Franciszek Smuda in allen drei Vorrundenspielen passiert ist: Sie brach komplett ein.

"Es sind da einige Parallelen zu erkennen", gab der Nationaltrainer anschließend zu: "Sie waren nicht so gut, wie sie hätten sein können." Die demonstrative Distanz, die der 63-Jährige zu seinen Schützlingen aufbaute, gipfelte in einer Rücktrittsankündigung: "Mein Vertrag galt nur bis zu dieser Europameisterschaft. Ich stelle mich dem, was nun kommt."