Nationalmannschaft

11.000 Polen feiern Deutschland - Wiese geht k.o.

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Kai Schiller

Das DFB-Team wurde begeistert in Danzig empfangen. Nur Torhüter Tim Wiese erwischte beim öffentlichen Training keinen guten Start.

Danzig. Noch vor dem Abflug nach Danzig meldete sich der Kapitän zu Wort. "Am meisten würde es mich freuen, wenn ich Sie auf dem Rückflug nach dem erfolgreichen Endspiel wieder begrüßen könnte", ließ Peter Haenzel seine prominente Fracht wissen, ehe die lediglich mit 83 von 362 Plätzen gefüllte Boeing 747-8 Brandenburg den Frankfurter Flughafen verließ. Kurz nach den gut gemeinten Worten wurde Sauerkraut und Klößchen serviert, als Nachtisch gab es ein Ständchen für Geburtstagskind Lukas Podolski, der beim Flug ins Heimatland seinen 27. Ehrentag feiern durfte. Im Gepäck hatte Bundestrainer Joachim Löw, der am Vormittag mit der Bahn aus Freiburg nach Frankfurt gereist war, neben zwölf Trikotsätzen und jede Menge weiterer guter Wünsche auch ein klar formuliertes Ziel dabei: den EM-Titel.

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Knapp anderthalb Stunden später durfte sich die DFB-Delegation immerhin schon mal über einen wahrlich europameisterlichen Empfang am Lech-Walesa-Flughafen freuen. Nachdem der Jumbo um 15.06 Uhr gelandet war, hießen mehrere Hundert Schaulustige die deutsche Auswahl willkommen. "Das war ein toller Empfang", zeigte sich DFB-Manager Oliver Bierhoff beeindruckt, "man merkt, dass sich die Leute so richtig auf uns freuen." Mehr als ein kurzes Winken ihrer Stars bekamen die Fußballinteressierten am Flughafen aber nicht zu sehen, da bereits am ersten Tag in Polen der enge Terminplan zur Eile drang. Bierhoff: "Das Projekt Europameisterschaft hat nun wirklich begonnen."

Vom Flughafen aus ging es zunächst im eskortierten Turnierbus, auf dem in großen Buchstaben "Von Spiel zu Spiel zum großen Ziel" geschrieben steht, zu einem kurzen Zwischenstopp ins Teamquartier Dwor Oliwski, wo Löws Mannschaft von den Spalier stehenden Hotelangestellten mit wedelnden Deutschlandfähnchen begrüßt wurde. Nach Erdbeerkuchen, der zu Podolskis Geburtstag gereicht wurde, ging es sofort weiter ins nahe gelegene Stadion von Lechia Danzig, wo das Team von 11 000 Zuschauern mit höflichem Applaus empfangen wurde. Bereits im Vorfeld waren 4000 Karten für die einzige öffentliche Trainingseinheit der DFB-Auswahl während der EM an Schulen und Kinderheime in Danzig verteilt worden. Und die dankbaren Anhänger schienen sehr wohl ihr Privileg zu genießen. Schließlich hatte Deutschland als eines von nur zwei Ländern bei der EM vor vier Jahren in Österreich und in der Schweiz auf die von der Uefa empfohlene öffentliche Trainingseinheit verzichtet.

Während Kabarettist Steffen Möller, der in Polen als einer der bekanntesten Deutschen gilt, die 23 Nationalspieler der Reihe nach vorstellte, teilte Löw seine Mannschaft in drei Gruppen zum Warmmachen ein. Auffällig: Die weißen Trikots der Deutschen waren vorne mit dem Facebook-Slogan "Gefällt mir" und hinten mit den Worten "Danke Polen" bedruckt. Mit dabei war auch erstmals wieder Bastian Schweinsteiger, der seine Wadenprobleme offenbar größtenteils auskuriert hat. Der Münchner hatte das Wochenende mit seiner Freundin auf der italienischen Ferieninsel Capri verbracht, dabei jedoch die mit Löw abgesprochenen drei Trainingseinheiten pro Tag absolviert.

Nach einer halben Stunde, die überwiegend von Löws Fitnesstrainern geleitet wurde, durften sich die Zuschauer über das erste Trainingsspielchen der DFB-Auswahl freuen. Und es dauerte nicht mal eine Minute, ehe Mario Gomez nach einem Stockfehler Tim Wieses das Premierentor in Polen erzielte. Für Wiese war es ein Fehler mit Folgen. Der Neu-Hoffenheimer musste sich minutenlang von den Mannschaftsärzten behandeln lassen, ehe er Torwarttrainer Andreas Köpke signalisierte, dass die Einheit für ihn beendet sei. Richtig los ging es dagegen für Lokalmatador Podolski, dem die Zuschauer während des Trainings ein zweites Geburtstagsständchen auf Polnisch sangen.

Nach insgesamt 68 Minuten und fünf Toren war die erste EM-Einheit in Danzig vorbei. Schnell wurden noch 300 Bälle ins Publikum geschossen, dann waren Deutschlands Elitefußballer auch schon wieder verschwunden. Bei den heutigen Trainingseinheiten auf dem hoteleigenen Platz müssen Löw und Co. dann etwas weniger Rummel befürchten. Das Nachmittagstraining ist zumindest teilweise für die kaum noch zu zählenden Medienvertreter geöffnet, beim Vormittagstraining wurden vorsorglich sämtliche Gäste für unerwünscht erklärt. Von der Bildfläche sei man damit aber nicht verschwunden, sagte Bierhoff, ein paar Tage sei man ja hoffentlich noch da.

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Abendblatt-Redakteur Kai Schiller schreibt täglich aus Polen einen Brief an Hamburg www.abendblatt.de/schillersbriefe