Löws Angst vor dem Knacks

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Im Pokalfinale leisteten sich die Nationalspieler des FC Bayern, die Deutschland zum EM-Titel führen sollen, katastrophale Fehler

Porto Cervo/Berlin. Die guten Nachrichten vorab: Mit Joachim Löw ist am Sonntagmittag der Oberaufseher der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit einem Privatjet aus Berlin im Trainingslager auf Sardinien eingetroffen und hat seinen Kommandoposten übernommen. Heute soll die DFB-Gruppe mit Miroslav Klose weitere prominente Verstärkung erhalten, am Dienstag folgen die fünf Dortmunder.

Weniger sorgenvoll dürfte Löw gestern registriert haben, dass neben Schalkes Benedikt Höwedes, der mit Wadenproblemen nun schon zwei Tage pausiert, auch Lukas Podolski aussetzte. Die offizielle Diagnose lautete: muskuläre Probleme. Womöglich sollte der nach dem Abstieg noch sichtlich geknickte Kölner mit seiner Familie auch einfach mal abschalten, zumal der Nachmittag sowieso trainingsfrei war. Wesentlich mehr Gedanken wird sich Löw um eine Abordnung machen, auf die er noch bis zum 25. Mai verzichten muss: den achtköpfigen Bayern-Block. Nachdem die Münchner schon in der Meisterschaft chancenlos waren und nun auch im Pokalfinale gegen den BVB phasenweise vorgeführt wurden, bleibt nun nur noch das Champions-League-Finale gegen Chelsea London am Sonnabend in München. Es gilt, ein Trauma zu vermeiden, das Bayer Leverkusen 2002 erlebte, als im Kampf um das Tripel jeweils nur Platz zwei erreicht wurde und Klaus Toppmöllers Team nur der Spitzname "Vizekusen" blieb.

"Ich bin mir sicher, dass die Bayern eine Riesenreaktion zeigen und die Saison mit einem Titel abschließen", war Löw verzweifelt um Optimismus bemüht, doch der Bundestrainer sah auch die große Gefahr: "Wenn sie aber alles verlieren sollten, dann glaube ich schon, dass einige Spieler einen Knacks bekommen." Die Bayern-Spieler dann in kürzester Zeit wieder mental aufzurichten, die zudem täglich durch die BVB-Profis an die Schmach der jüngsten Vergangenheit erinnert werden, wäre selbst für Löw eine schwer zu lösende Aufgabe. Die verbalen Scharmützel, die sich beispielsweise der noch längst nicht fitte Bastian Schweinsteiger und der wirkungslose Mario Gomez mit Mats Hummels und Marcel Schmelzer im Berliner Olympiastadion lieferten, sollten keine nachhaltige Wirkung haben. Aber ist das auch so, wenn die Bayern in der Champions League kurz vor dem "Triumph dahoam" scheitern?

Auch Löw hofft deshalb inständig, dass sich der deutsche Rekordmeister den europäischen Titel sichert. Welch ein Druck auf den Bayern-Profis lasten wird, machten die Worte von Karl-Heinz Rummenigge deutlich, der sich seine Verlierer bereits beim nächtlichen Bankett zur Brust nahm: "Das 5:2 war nicht Zufall, das war nicht Pech, sondern eine Blamage. Jedes Tor war wie eine Watschn", sagte der Vorstandschef und forderte: "Nur wenn wir bereit sind, uns kritisch zu hinterfragen, haben wir eine Chance, zumindest mit dem einen, wichtigsten Titel dazustehen. Wir müssen korrigieren, was wir uns da eingebrockt haben."

Die positive Erkenntnis des Pokalfinales aus DFB-Sicht: Ähnlich wie 2006, als die Nationalelf 1:4 in Italien unterging, kann Löw die Schwächen analysieren und ansprechen. Wie das amateurhafte Abwehrverhalten von Jerome Boateng - das Grätschen hatte ihm Löw schon vor Jahren verboten -, die Aussetzer von Holger Badstuber oder die Schwächen im Aufbauspiel bei Toni Kroos oder Thomas Müller. Sogar Torwart Manuel Neuer, der erstmals bei den Bayern fünf Tore kassierte, zeigte Nerven und patzte. Gestern wollte sich die sportliche Leitung im sonnigen, aber windigen Quartier zusammensetzen: "Jogi wird uns mitteilen, wo die Schrauben angezogen werden müssen", sagte Co-Trainer Hansi Flick. Denn die Geschichte von 2002 soll sich nicht wiederholen. Damals wurde der DFB bei der WM in Japan und Südkorea, genau wie "Vizekusen", Zweiter.

( (lx) )