Der Knöchel der Nation

Nach Kevin-Prince Boatengs brutalem Foul droht Michael Ballack eine längere Zwangspause, im schlimmsten Fall sogar das WM-Aus

Sciacca. In Sciacca, der 40 000 direkt am Meer gelegenen Kleinstadt, tanzte gefühlt die ganze Insel auf den Straßen. Weil sich im Februar eine Tankstelle abgesenkt hatte, musste die 110. Ausgabe des Karnevals auf Mai verschoben werden. Italiener sind eben flexibel. Bis zu 15 Meter hohe Mottowagen zwängten sich durch die engsten Gassen und sorgten für eine sizilianische Loveparade-Atmosphäre.

In der zehn Kilometer entfernten Hotelanlage Verdura Golf & Spa Resort interessierte sich niemand im Kreis der deutschen Fußball-Nationalmannschaft für das lustige Treiben, jegliche Partystimmung war nach der Knöchelverletzung Michael Ballacks verflogen.

Kurz vor der zweiten Trainingseinheit am Sonnabend hatte Joachim Löw erfahren, dass sein Kapitän beim englischen Pokalfinale zwischen Chelsea und Portsmouth (1:0) in der 38. Minute vom gestreckten Bein eines Gegenspielers übel am rechten Fußgelenk getroffen worden war. Über die Schwere der Blessur wird erst heute eine Kernspintomographie Aufschluss geben, da die Schwellung abklingen muss.

Die Tatsache, dass dem DFB-Kapitän bei einer schweren Bänderverletzung sogar das das WM-Aus droht, ist schlimm genug. Dass der Übeltäter ausgerechnet Kevin-Prince Boateng war, verleiht der Geschichte zusätzliche Brisanz. Der Halbbruder Jerome Boatengs trifft im abschließenden Gruppenspiel am 23. Juni mit Ghana auf die DFB-Auswahl und schien mit dem Foul an Ballack seinem Lebensroman "Kevin-Prince gegen Deutschland" ein weiteres Kapitel hinzugefügt zu haben.

Die Spielberechtigung für Ghana, der Heimat seines Vaters, besorgte sich Kevin-Prince erst, nachdem er im deutschen Dress keine Zukunft mehr sah. Auch Löw erinnerte sich, dass der 23-Jährige im Mai 2009 das Trainingslager der deutschen U-21-Junioren vor der EM in Schweden "wegen der einen oder anderen Disziplinlosigkeit" verlassen musste. Damals durfte der Mannschaftsrat entscheiden, wer noch aus dem 24 Mann starken Kader gestrichen werden sollte. Es traf Boateng, weil dieser angeblich häufiger zu spät zu Besprechungen gekommen war und man ihn für unzuverlässig hielt.

Sein Image des Bad Boys, der teure Autos und eine große Sprüche bevorzugt, hatte er zu diesem Zeitpunkt schon weg. Von Tottenham in der vorletzten Saison an Borussia Dortmund verliehen, leistete sich Kevin-Prince Boateng zwei brutale Fouls. Einmal traf er Wolfsburgs Makoto Hasebe im Gesicht, dann soll er Miroslav Klose im Spiel mit Absicht auf die Hand getreten haben. Zu seinem Image, eher zu einer Straßengang zu passen als zu einem funktionierendem Team, passt auch der nie aufgeklärte Vorwurf, im März 2009 mit Patrick Ebert in Berlin um die Häuser gezogen und Autos beschädigt zu haben. Das Verhältnis zwischen den Brüdern - Jerome wuchs behütet bei der Mutter in Charlottenburg, Kevin-Prince im Problembezirk Wedding auf - soll merklich abgekühlt sein.

"Ich will niemandem Absicht unterstellen, aber es dürfte keine zwei Meinungen gaben, dass der Schiedsrichter das Foul mit Rot hätte ahnden müssen, Boateng ging ohne Chance auf den Ball in den Zweikampf", verhüllte Löw seine private Bewertung kaum, dass es ein gezielter Anschlag auf die Gesundheit des Spielers und eben nicht eine unglückliche Attacke war.

Ballack, der schon vor dem Foul immer wieder mit Boateng aneinander geriet, wurde da schon konkreter. "Es sah schon nach Absicht aus", urteilte er nach Ansicht der TV-Aufnahmen. Doch für ihn zählen jetzt nur die direkten Konsequenzen. Der eigentlich für 10.30 Uhr geplante Flug nach Sizilien wurde auf den Nachmittag verschoben, damit sich der 33-Jährige untersuchen lassen kann. Klar ist nach einer ersten Röntgenaufnahme nur, dass im dick geschwollenen Knöchel nichts gebrochen ist. Eventuell reist er zur Behandlung weiter nach München zu Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfart.

Auch wenn sich die Verletzung nicht als so gravierend herausstellt und zum Beispiel nur die Sehnen gezerrt sind, so wird Ballack sicher mehrere Tage pausieren müssen, womit das "Feintuning" der Mannschaft empfindlich gestört wird. Schließlich wird die deutsche Mannschaft nur dann eine Erfolgschance haben, wenn die Organisation perfekt funktioniert und mannschaftstaktische Abläufe automatisiert sind. Tröstend ist nur, dass Ballacks Vorbereitung nicht zum ersten Mal behindert wird. 2002 machte ihm eine Mittelfußverletzung zu schaffen, 2006 hielt seine störrische Wade die Nation in Atem.