Formel 1

Red Bull entschuldigt sich bei Ricciardo für Monaco-Panne

Auch Vettel und Rosberg lecken ihre Wunden. Freude dagegen bei Hamilton und RTL. Italienische Presse erhöht den Druck auf Ferrari.

Monte Carlo. Der frühere Weltmeister-Rennstall Red Bull Racing hat sich bei seinem Piloten Daniel Ricciardo für den peinlichen Boxenstopp-Fehler im Rahmen des Großen Preises von Monaco entschuldigt. Der Australier hatte fast 14 Sekunden auf seine neuen Reifen warten müssen und wurde so um den Sieg gebracht, den stattdessen Weltmeister Lewis Hamilton (England) im Mercedes einfuhr.

"Wir als Team müssen uns bei Daniel entschuldigen, auch wenn es nicht zu entschuldigen ist", sagte Teamchef Christian Horner: "Wir haben es nicht geschafft, ihn zu unterstützen."

Ricciardo hatte schon nach dem Rennen kein Geheimnis aus seiner massiven Enttäuschung gemacht. "Ich kam an die Box, und alle liefen herum wie kopflose Hühner", sagte der 26-Jährige: "Ich wurde hereingerufen, also hätten sie bereit sein müssen. Aber die Reifen waren nicht da."

Horner begründete den Fehler mit schlechter Kommunikation und dem einzigartigen, engen Aufbau der Boxen in Monaco. "Einige Reifen liegen in der Garage, einige hinter der Garage", sagte der Engländer. Die Entscheidung, eine härtere Reifenmischung zu wählen, sei kurzfristig gefallen. "Wir hatten aber noch etwa 30 Sekunden Zeit, an einem normalen Arbeitstag wäre das kein Problem gewesen", sagte Horner.

Durch den Zeitverlust kam Ricciardo knapp hinter Hamilton zurück auf die Strecke. Andernfalls wäre ihm der Sieg wohl kaum zu nehmen gewesen, da auf dem Kurs in Monaco Überholmanöver nur schwer möglich sind und der Red-Bull-Pilot auch schneller unterwegs war als sein Konkurrent.

Vettel sucht nicht nach Ausreden

Der ebenfalls gefrustete Sebastian Vettel suchte indes erst gar nicht nach Ausreden. "Ich hätte einen besseren Job machen können, das ist mein Fehler. Wir haben eine Chance verpasst", sagte der viermalige Formel-1-Weltmeister. Vettel ärgerte sich nach seinem vierten Platz in Monaco maßlos, dass er es im Fürstentum trotz seines starken Ferraris nicht mindestens auf das Podest geschafft hatte.

"Ich werde sicher von keiner Brücke springen, aber das muss ich mir vorwerfen", meinte der 28-Jährige. Weil er früh im Rennen nicht am langsameren Williams-Piloten Felipe Massa vorbeikam, steckte er im Verkehr fest. In den engen Straßen des Fürstentums war es anschließend unmöglich, weiter nach vorne zu kommen, das Podest außer Reichweite. Vettel: "Ich muss mich entschuldigen. Das Team hat einen fantastischen Job gemacht, das Auto war schnell."

Nach insgesamt sechs Rennen wollte der Heppenheimer von einem verkorksten Saisonstart zwar nichts wissen, titelreif präsentiert sich die Scuderia aber nicht. "Es gibt keinen Grund zur Panik. Ich denke nicht, dass etwas mit der Pace des Autos nicht stimmt, sie ist da. Aber wir haben hier und da Probleme", betonte der 42-malige Grand-Prix-Gewinner, der seit September 2015 auf einen Sieg wartet.

Ferrari gelang es in dieser Saison noch nicht, ein Wochenende perfekt durchzuziehen. Im Qualifying oder Rennen gab es immer wieder Aussetzer, am Sonntag musste außerdem Kimi Räikkönen nach einem unnötigen Crash das Rennen vorzeitig beenden. "Deswegen kann man schon sagen, dass wir nicht immer Erfolg hatten, aber genauso muss man respektieren, dass es viele gute Gegner gibt", sagte Vettel.

Mit 60 Punkten ist der Hesse nur Fünfter der WM-Wertung, der Rückstand auf Spitzenreiter Nico Rosberg (Mercedes/106) vor dem Grand Prix am 12. Juni in Montréal/Kanada beträchtlich. Selbst Teamkollege Kimi Räikkönen (61) liegt noch knapp vor ihm. "Ja, wir hätten besser sein können", gab Vettel zu: "Wenn ich in Bahrain nicht den Motor zerlegt hätte, wären wir da zum Beispiel auch auf dem Podium gewesen."

Italiener erhöhen den Druck auf Ferrari

Die italienische Presse erhöht allerdings längst den Druck und sieht die Versäumnisse nicht bei Vettel. Der Deutsche übernehme "Verantwortung, die er nicht tragen muss. Er kämpft mit einem Auto, das keine Leaderfähigkeiten hat", schreibt die Gazzetta dello Sport: "Ferrari muss Vettel endlich unterstützen."

Der jedoch attestiert seinem Team insgesamt einen "sehr, sehr guten Job". Ohnehin sieht Vettel lieber das große Ganze - und Ferraris Ziel ist klar: Branchenführer Mercedes soll langfristig attackiert werden. "Wir wollen das gesamte Projekt wieder ganz nach oben bringen", sagte Vettel.

Allerdings wird die Konkurrenz immer größer, auch Red Bull Racing mit Barcelona-Sieger Max Verstappen und dem Monaco-Zweiten Daniel Ricciardo ist wieder mindestens auf Augenhöhe. "Die Saison ist noch sehr lang, und es ist nicht in der DNA von Ferrari aufzugeben", sagte Teamchef Maurizio Arrivabene: "Wir werden an unseren Schwächen arbeiten."

Im Vorjahr konnte Vettel drei Rennen gewinnen, doch 2016 ist die Situation eine andere. Es sei "nicht fair", beide Jahre zu vergleichen, meinte der ehemalige Red-Bull-Pilot: "2015 waren wir im Niemandsland mit einem großen Abstand nach vorne und hinten. Dieses Jahr sind die Abstände kleiner und wir sind näher dran."

Nach Kanada reisen die Silberpfeile um den erstarkten Weltmeister und Monaco-Gewinner Hamilton nun aber trotzdem erneut als klarer Favorit. Der Brite konnte in Montréal bereits viermal gewinnen, Vettel beunruhigt das aber nicht: "Man muss uns Zeit geben. Wir sind aber auch selbst die ersten, die uns unter Druck setzen."

Rosberg lenkt sich bei den Eltern ab

Nico Rosberg versuchte derweil im Appartement seiner Eltern mit Meerblick, den Frust erst mal zu vergessen. Abschalten mit der Familie, "auf andere Gedanken kommen nach so einem Tag“, erzählte er in seiner Videobotschaft vom Balkon hoch über Monte Carlo. Dass er sich das Prädikat Teamplayer an einem Tag, "an dem alles eine Katastrophe“ war, verdient hatte, wird ihm im erbitterten Duell mit seinem Teamkollegen Hamilton wenig nützen. Denn der Titelverteidiger und Dreifach-Champion demonstrierte auf der Strecke zur rechten Zeit gegenüber den wiedererstarkten Red Bulls und auch im Nachklang gegenüber Rosberg: Ich bin wieder da.

Als sein deutscher Widersacher im Motorhome des gemeinsamen Arbeitgebers sachlich und analytisch den internationalen Pressevertretern seinen siebten Platz und die Richtigkeit der Stallorder zu seinen Ungunsten erklärte, stand Hamilton nur zwei Meter entfernt. Ungewöhnlich. Normalerweise kommt der eine erst, nachdem der andere fertig ist. Diesmal nicht.

Hamilton, sein selbst entworfenes lila Base-Cap auf dem Kopf, trug bereits zivil, Jeansjacke mit einem Symbol am Rücken. Er trank mal einen Schluck Wasser und tippte auf seinem Handy, während Rosberg betonte, dass er sich trotz der Enttäuschung über die eigene Platzierung teilweise für das Team freuen könne, weil Mercedes das Rennen gewonnen hat.

Rosberg bewundernwert stoisch

Ob er sich auch für Hamilton freuen könne? "Ich denke mal, ich respektiere ihn sehr, er hat es verdient, heute zu gewinnen, das war's.“ Auf den aufmunternden Schulterklaps von Hamilton bei der Mikro-Übergabe hätte Rosberg vermutlich auch verzichten können. „Nico Rosberg war bewundernswert stoisch und ehrlich in seiner Niederlage. Aber in Wahrheit war er in dem Maße trostlos, wie Hamilton glänzend war“, schrieb der britische „Telegraph“.

Auf 24 Punkte schmolz der Vorsprung von Rosberg (106) auf Hamilton (82). Das war aber nur eine Seite des Sieges beim Klassiker in Monte Carlo. Erst dreimal gelang es einem Fahrer in den vergangenen zehn Jahren von einem anderen Platz als der Pole zu gewinnen - vor einem Jahr war es Rosberg, weil Mercedes Hamilton durch eine falsche Taktik des Sieges beraubt hatte, 2008 und 2016 war es Hamilton.

Er profitierte dabei vom Pech Ricciardos. Ansonsten zeigte zumindest der Klassiker mit seinen eigenen Gesetzen: Red Bull ist nah herangekommen und macht Ferrari mit Sebastian Vettel die Verfolgerrolle streitig.

Große Erleichterung bei Mercedes

Bei Mercedes fiel schließlich von einigen eine Last ab. "Es ist eine große Erleichterung, dass wir diesen Sieg mit ihm geschafft haben nach dieser üblen Pechsträhne“, betonte Teamchef Toto Wolff. Die vergangenen Wochen, in denen Hamilton in China und Russland unter anderem in der Qualifikation von einem defekten Hybridsystem ausgebremst worden war, hätten den Briten gestärkt - und auch ihre Beziehung, meinte Wolff. „Wir hatten viele Diskussion und schwere Momente. Wir brauchten diesen Sieg, er brauchte diesen Sieg.“

Diesen 44. in seiner Karriere. „Das ist so eine spezielle Zahl für mich und meine Familie, ich kann nicht glauben, dass ich jetzt 44 Siege geschafft habe in der Formel 1“, sagte Hamilton. „Ich will das jetzt genießen, weil das nur einmal passiert.“ Sieben Grand-Prix-Erfolge fehlen Hamilton noch, dann zieht er mit dem viermaligen Weltmeister Alain Prost gleich. Und nun kommt Kanada. Dort gewann Hamilton bereits viermal. Und Rosberg noch nie.

Beste RTL-Quote seit drei Jahren

Unterdessen darf RTL frohlocken - denn die Formel 1 erfreut sich bei den TV-Zuschauern momentan wieder zunehmender Beliebtheit. Der turbulente Große Preis von Monaco brachte dem übertragenden Sender die stärkste Quote seit drei Jahren ein. Im Durchschnitt verfolgten 5,81 Millionen Zuschauer, wie Hamilton zu seinem ersten Erfolg seit sieben Monaten fuhr. Das entspricht einem Marktanteil von 34,8 Prozent.

Mehr Zuschauer schalteten zuletzt im Mai 2013 ebenfalls beim Monaco-Grand-Prix ein, damals sahen 7,45 Millionen den Erfolg von Mercedes-Fahrer Nico Rosberg. Der bis Sonntag beste Wert in dieser Saison wurde beim vergangenen Rennen in Barcelona (4,58 Mio.) aufgestellt und nun um 1,23 Millionen übertroffen.