Basketball

Der Abgang von Calles und die Folgen für die Hamburg Towers

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Rupert Fabig und Rainer Grünberg
„Ich bin wahnsinnig stolz darauf, was wir in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam erreicht haben“, sagt Pedrio Calles (38).

„Ich bin wahnsinnig stolz darauf, was wir in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam erreicht haben“, sagt Pedrio Calles (38).

Foto: LeonieHorky / WITTERS

Am Freitag starten die Wilhelmsburger gegen Bonn in die Play-offs. Parallel sucht Sportchef Willoughby nach einem neuen Trainer.

Hamburg. Als Marvin Willoughby am Dienstagmittag etwas umständlich im VIP-Raum der Wilhelmsburger edel-optics.de Arena Platz nahm, verriet seine ernste Miene, dass die Nachricht, die Pedro Calles ein paar Momente später verkünden sollte, dem Sportdirektor und Geschäftsführer der Hamburg Towers längst die Laune verdorben hatte.

Was seit Tagen spekuliert wurde, bestätigte der Spanier jetzt: Der Cheftrainer des Basketball-Bundesligaclubs wird seinen am 30. Juni auslaufenden Zweijahresvertrag nicht verlängern. Der 38-Jährige sucht nach zehn erfolgreichen und lehrreichen Jahren in Deutschland in seinem Heimatland eine neue Herausforderung in der Eliteliga ACB, die als beste und wirtschaftlich stärkste Europas gilt. Die Erstligaclubs aus Gran Canaria (derzeit Tabellenfünfter), Saragossa (13.) und Andorra (17.) sollen mögliche Interessenten sein. Eine Entscheidung ist bisher nicht gefallen.

Basketball: Calles formte die Towers zu einem Topteam

Vor dem letzten Spiel der Bundesliga-Punktrunde am vergangenen Sonntagabend in Bamberg (67:77) hatte Calles die Mannschaft von seinem Schritt unterrichtet, der bei den meisten Profis neben Gleichmut auf Verständnis stieß. Zuvor hatte er Willoughby (44), Geschäftsführer Jan Fischer (41) und Mehrheitsgesellschafter Tomislav Karajica (45) informiert, die allesamt weit betroffener reagierten, war der penible Spanier doch für den rasanten sportlichen Aufstieg der Towers vom Abstiegs- zum Play-off-Kandidaten und EuroCup-Teilnehmer maßgeblich mitverantwortlich.

„Ich wollte vor den Play-offs Klarheit schaffen“, sagte Calles. „Unser Job ist in diesem Jahr schließlich nicht erledigt. Ich möchte, dass wir uns nun voll und ganz auf das Viertelfinale gegen Bonn konzentrieren.“ In der Best-of-5-Serie ist das erste Spiel am Freitag (19 Uhr/MagentaSport) beim Tabellenzweiten angesetzt, das zweite folgt am Sonntag ebenfalls in Bonn, das dritte findet am 20. Mai im Inselpark statt wie auch ein mögliches viertes. Sollte es dann 2:2 nach Siegen stehen, würde die Entscheidung am 25. Mai wieder in Bonn fallen.

Kandidatenliste der Towers gefüllt mit prominenten Namen

Die Suche nach einem Nachfolger hatten die Towers schon in den vergangenen Wochen intensiviert, weil plötzlich die Gespräche mit Calles über die von Willough­by erhoffte Vertragsverlängerung stockten. Topkandidaten für dessen Nachfolge sind momentan Henrik Rödl (53), Bundestrainer von 2017 bis 2021, sowie Martin Schiller (40), Sohn eines Österreichers und einer Britin, der in Aumühle bei Hamburg aufwuchs und von 2005 bis 2007 den Regionalligaclub TSG Bergedorf trainierte.

Beide Coaches sind derzeit vertragslos. Rödls Arbeitgeber Turk Telekom Ankara gab am Montag die Trennung von ihm bekannt, nachdem der Club die Play-offs als Tabellenelfter verpasst hatte. Auf diesem Platz hatte Rödl den Verein Mitte Dezember übernommen. Schiller wiederum, von 2015 bis 2019 Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft, davon zwei Jahre Rödls Assistent, wartet nach seinem Rausschmiss im Oktober 2021 beim litauischen Topclub und EuroLeague-Teilnehmer Zalgiris Kaunas auf attraktive Angebote. An einem Engagement des Belgiers Roel Moors (BG Göttingen), dessen Verpflichtung in verschiedenen Foren als perfekt gemeldet wurde, hatten die Towers nie Interesse.

Wird ein ehemaliger Bundestrainer neuer Towers-Coach?

Rödl und Schiller erfüllen das Anforderungsprofil der Towers, beide haben auf hohem Niveau gearbeitet, soziale Kompetenz bewiesen, vor allem gezeigt, dass sie junge Spieler entwickeln können. Mit beiden Trainern hat Willoughby Kontakt aufgenommen. Rödl gilt als Förderer des Towers-Spielmachers Justus Hollatz (21), den er 2021 in die Nationalmannschaft holt und über den er jüngst sagte, es gebe für ihn kein Leistungslimit, „er kann alles erreichen“. Würde Rödl neuer Towers-Trainer, stiege wohl die Hoffnung, Hollatz zumindest noch eine Saison in Hamburg halten zu können.

Willoughby schätzt Rödl, mit dem er 2001/2002 in der Nationalmannschaft zusammenspielte, auch menschlich, empörte sich über die Art und Weise, wie dieser im vergangenen Jahr seinen Job als Bundestrainer verlor, obwohl er die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele in Tokio ohne NBA-Star Dennis Schröder schaffte. Ob Rödl und Schiller auch ebenso gute Kaderplaner wie Calles sind, sie Spieler wie den zuvor wenig bekannten estnischen Center Maik Kotsar entdecken können, das zu beurteilen wird eine der Hauptaufgaben Willoughbys bei der Trainerkür werden.

Ungeachtet der Trainersuche läuft bei den Towers die Vorbereitung auf die Play-off-Serie gegen Bonn. Dass die Hamburger zum zweiten Mal in Folge die K.-o.-Runde der Bundesliga erreichten, ordnet Willoughby als „absoluten Erfolg“ ein: „Unser Umfeld darf den Realitätssinn nicht verlieren. Angesichts unseres Budgets und unserer Strukturen ist es keine Selbstverständlichkeit, jedes Jahr die Play-offs zu erreichen.“

Mit 19:15 Siegen schlossen die Hamburger die Punktrunde zwar mit zwei Erfolgen weniger ab als im Vorjahr, die Zusatzbelastung des EuroCups und stärker gewordene nationale Konkurrenz wären dafür zwei sportliche Erklärungen. Und im Gegensatz zur vergangenen Spielzeit, als das Viertelfinale gegen den späteren Meister Alba Berlin nach drei klaren Niederlagen schnell beendet war, ist die Serie gegen Bonn deutlich ausgeglichener.

Neben Calles verlässt ein weiterer Trainer die Towers

Calles hat sein Team bereits gewohnt gewissenhaft auf die anstehende Aufgabe taktisch und emotional eingestellt. Dienstag wurde und Mittwoch wird intensiv trainiert, am Donnerstag steht die Busreise nach Bonn an. Die Co-Trainer Benka Barloschky (34) und Miguel Zapata (42) sezieren unterdessen seit der vergangenen Woche den Kontrahenten im Videostudium. „Bonn spielt einen ähnlichen Stil wie wir. Wir wissen also, was uns erwartet“, sagt Aufbauspieler Hollatz. In der Punktrunde gewannen beide Teams jeweils ihr Auswärtsspiel.

Auch Zapata wird die Towers verlassen, seinem Landsmann Calles wohl nach Spanien folgen. Dass er in dieser Saison nur in der Bundesliga und nicht auch im EuroCup Calles assistierte, lag offenbar an vertraglichen Unklarheiten. Zapata forderte für sein Engagement im EuroCup mehr Geld, die Towers lehnten dies ab. Die Folge: Er musste zu Hause bleiben. Jetzt kann er auch gehen.

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