HSV Handball

„Ich hatte Angst, dass es mein letztes Spiel sein würde“

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Philipp Bauer warf in dieser Saison bislang 37 Tore in 19 Spielen für den HSV Hamburg.

Philipp Bauer warf in dieser Saison bislang 37 Tore in 19 Spielen für den HSV Hamburg.

Foto: WITTERS

Der Hamburger Handballprofi Philipp Bauer, spricht nach seiner dritten Gehirnerschütterung über Ängste und Lehren – und warnt andere.

Hamburg.  Die Angst kam, als er im Krankenhaus in den Computertomografen geschoben wurde. Als er sein volles Bewusstsein wiedererlangt hatte, das quälend lange 45 Minuten ausgesetzt hatte, nachdem ihm der 196 Zentimeter große und 97 Kilogramm schwere Kroate Ivan Srsen beim Handball-Bundesligaspiel des HSV Hamburg in Wetzlar am 20. Februar im Zweikampf auf den Kopf gefallen war.

„In dem Moment, als mir klar wurde, was passiert war, da dachte ich schon, dass es mein letztes Spiel in dieser Saison gewesen sein könnte“, sagt Philipp Bauer, der sogar noch Schlimmeres befürchten musste. Weil er wegen einer genetisch bedingten Gerinnungsstörung ein Medikament zur Regulation des Blutflusses einnehmen muss, drohte sogar eine Hirnblutung, die im schlimmsten Fall irreparable Schäden hätte hinterlassen können.

HSV Handball: Bauer erlitt schon mehrere Kopfverletzungen

Wie reflektiert und aufgeräumt der 25 Jahre alte Rückraumspieler des HSVH im neuen Abendblatt-Podcast „Auszeit HSVH“ über seinen Unfall sprechen kann, überrascht und beeindruckt gleichermaßen. Nun könnte man Bauer eine gewisse Routine im Umgang mit Gehirnerschütterungen zubilligen, schließlich war der Knock-out in Nordhessen bereits seine dritte schwere Kopfverletzung binnen zwei Jahren.

Aber natürlich ist jeder neue Fall anders gelagert als vorangegangene, und gerade weil die Tücke bei Gehirnerschütterungen darin liegt, dass die nächste die sein kann, die eine Karriere beendet und sogar zu Dauerschädigungen wie der chronischen traumatischen Enzephalopathie (CTE) führt, ist besondere Vorsicht geboten.

Philipp Bauer ist sich Gefahren bewusst

Philipp Bauer, das wird in dem gut 50-minütigen Gespräch klar, ist ein Mensch, dem diese Folgen durchaus bewusst sind. „Natürlich weiß ich um die Gefahren wiederholter Gehirnerschütterungen. Aber zum Glück sieht man an den Aufnahmen meines Hirns, dass keine Beeinträchtigungen geblieben sind“, sagt er. Die Erstbehandlung in der Halle, von der er nur noch Bruchstücke erinnert, sei ebenso exzellent gewesen wie die Versorgung im Wetzlarer Klinikum.

Und dank der Folgeuntersuchungen und der Betreuung im BG Klinikum Boberg habe er anhand eines festgelegten Protokolls den Wiedereinstieg in die körperliche Belastung diesmal so gut steuern können, dass er am Montag dieser Woche ins Mannschaftstraining zurückkehren konnte und am Donnerstag (19.05 Uhr, Sporthalle Hamburg) zum Heimspiel gegen HC Erlangen im Kader von Cheftrainer Torsten Jansen stehen wird.

„Insgesamt hat die Genesung gut fünf Wochen gedauert"

Das sei nach der zweiten Gehirnerschütterung, die er im März 2021 bei einem Auswärtsspiel in Dormagen erlitten hatte, noch anders gewesen. „Das war damals sehr komisch. Ich habe nach der Verletzung weitergespielt. Erst nach dem Spiel ist mir beim Blick auf das Handy schwindelig geworden, aber ich habe das mit der Belastung erklärt und damit, dass ich zu wenig getrunken hatte“, sagt er. Bei der Rückfahrt im Teambus seien ihm die Musik besonders laut und die Lichter besonders hell vorgekommen, doch erst zu Hause, als er um 2 Uhr nachts noch etwas essen wollte, sei die für Gehirnerschütterungen übliche Übelkeit mit Erbrechen aufgetreten.

Ein Verlauf, der bei Kopftraumata nicht untypisch ist, der Bauer jedoch dazu verleitete, zu früh in die Belastung zurückzukehren. Erst als ihm auf dem Fahrradergometer erneut schlecht wurde, zog er die Reißleine. „Insgesamt hat die Genesung gut fünf Wochen gedauert, und ich habe sie durch die zu frühe Belastung selbst beeinträchtigt“, sagt er – und warnt deshalb vor falschem Ehrgeiz. „Kuriert euch richtig aus, denn es hilft niemandem, wenn ihr zu früh startet. Es ist euer Kopf und euer Körper“, sagt er.

Sportpsychologische Beratung half Bauer

Damit zu hadern, dass es ihn nun bereits zum dritten Mal getroffen hat, fiele Philipp Bauer nicht ein. „Es ist einfach Pech“, sagt er, „auch wenn meine Mutter mich gefragt hat, warum es mir so häufig passiert.“ Seine Spielweise umzustellen, um Kollisionen eher aus dem Weg gehen zu können, sei ebenfalls kein Thema. „Ich glaube, je mehr man grübelt, desto anfälliger wird man, und die Gefahr, dass man sich durch das Vermeidungsverhalten verletzt, wächst“, sagt er. Die Gespräche mit den behandelnden Ärzten hätten ihm ebenso gutgetan wie die sportpsychologische Beratung, die geholfen habe, mit seiner Situation umzugehen. „Die Bestätigung, dass der Leistungsstand der Norm entspricht und es keine Beeinträchtigungen gibt, ist sehr wichtig für mich.“

Bei den ersten Tests im BG Klinikum Boberg stellte sich heraus, dass Philipp Bauer Probleme mit der Reaktionsschnelligkeit hatte und für seine Altersgruppe auffällig langsam war. Folgetests zeigten dann eine signifikante Verbesserung. Auch deshalb plädiert der gebürtige Ludwigshafener dafür, die jährliche Gesundheitsprüfung um die sogenannte Baseline-Untersuchung zu erweitern, in der die Basiswerte ermittelt werden, anhand derer die Gehirnleistung im gesunden Zustand beurteilt werden kann. „Ich denke, dass das sehr sinnvoll ist, um bei einer Gehirnerschütterung Vergleichswerte zu haben“, sagt er.

HSV Handball: Bauers Vertrag in Hamburg läuft aus

Im Sommer wird Philipp Bauer diese Untersuchung bei einem anderen Verein machen müssen, sein Vertrag in Hamburg läuft aus. Aber dass der Jurastudent in der Lage und willens ist, seine Karriere fortzusetzen, ist nach den bangen Stunden im Februar die beste Nachricht. In der Rückrunde will er nun Vollgas geben, um mit dem HSVH den Klassenerhalt zu sichern, ohne Angst und mit großem Vertrauen in seinen Körper.

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