Golf Club Falkenstein

Warum es eine Golferin von Hamburg nach Florida zieht

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Andreas Hardt
Leonie Wulfers ist deutsche Meisterin der Altersklasse 18.

Leonie Wulfers ist deutsche Meisterin der Altersklasse 18.

Foto: STEBL/: Deutscher Golf Verband

Viele Hamburger spielen an US-Colleges oder wechseln wie Leonie Wulfers dorthin. Der Verband will sich einschalten.

Hamburg. Erst an diesem Mittwoch darf Leonie Wulfers unterschreiben, ihre Zukunft in den USA absichern. Vorher war das noch streng verboten, auch wenn man sich mündlich bereits seit dem Sommer einig war. Nach ihrem Abitur 2022 also wird die 18 Jahre alte Golferin vom Hamburger Golf-Club Falkenstein (HGC) für vier Jahre nach Florida ziehen, an die Golfküste. „Ich habe mich für die Florida Gulf Coast University entschieden“, erzählt sie, „die bieten einen Studiengang in PGA Golf Management an, der einem Golf-Betriebswirt in Deutschland entspricht.“

Leonie, die an diesem Dienstag zur Wahl als „Hamburger Sporttalent 2021“ steht, wird damit ein weiteres Hamburger Golftalent, das nach dem Abitur sein sportliches Glück mit einem Stipendium in den USA sucht. Sie alle träumen davon, es als Profi auf die Tour zu schaffen. Derzeit sind schon Viktoria Hund, Christin Eisenbeiß und Miriam Emmert in den USA. Von den talentierten Jungs sind Tiger Christensen und Maximilian Schichtel im vergangenen Sommer über den großen Teich gezogen, Anton Albers ist im dritten Jahr dort. „Dieser Trend hat deutlich zugenommen“, sagt Jens Weißhaupt, der Landestrainer Jungen im Hamburger Golfverband (HGV).

Vom Hamburger Golf Club Falkenstein nach an die Golf-Universität in Florida

Deswegen sind professionelle Agenten im Spiel. Gibt man bei einer Internet-Suchmaschine „College“, „Golf“ und „Agentur“ ein, ploppen sofort Dutzende Vermittler auf, die Colleges und Spieler zueinander zu bringen versprechen und dafür gutes Geld im höheren vierstelligen Bereich nur für eine erste Kontaktanbahnung kassieren – meist von den Eltern. „Ich hatte Angebote von ungefähr 20 Universitäten“, erzählt Leonie Wulfers. Als aktuelle deutsche Meisterin bei den Juniorinnen war sie gefragt. Tiger Christensen spielt für das wohl beste Collegeteam in den USA, das der Oklahoma State University.

Anton Albers ist bei einer kleineren Universität in Little Rock (Arkansas) aktiv, allerdings sehr erfolgreich. Viktoria Hund ist in Charleston – „und wird dort super betreut“. Das berichtet Hamburgs Landestrainerin Esther Poburski, die über Telefonate und Videos engen Kontakt zu „ihren“ Mädels hält und auch bei Leonie Wulfers’ Entscheidung eingebunden war: „Wir hatten viele Meetings und Gespräche. Sie wird es gut treffen.“

Die Verbindung zwischen Spitzensport und akademischer Ausbildung ist im US-Collegesystem völlig anders als hierzulande. Die Unis konkurrieren mit ihren Sportteams auf nationaler Ebene. Im Football und Basketball ist es am auffälligsten, Zehntausende Fans bei großen Spielen sind keine Seltenheit. Aber auch in anderen Sportarten, wie eben Golf, sind die Sportförderung und die Möglichkeiten am Campus exzellent. „Die Spiele der Colleges laufen auch im TV auf dem Golfchannel“, weiß Weißhaupt, „das System ist riesig, und es hängt unheimlich viel Geld darin.“

Bei den Agenturen gibt es auch „schwarze Schafe“

Der Konkurrenzkampf der Colleges führt dazu, dass die Amerikaner längst auf andere Kontinente schauen. Bei den „British Boys“, dem wohl bedeutendsten Juniorenturnier der Welt, tummeln sich Coaches aus praktisch jeder US-Uni und scouten. „Die Trainer und Agenten kommen zu großen Turnieren überall in Europa“, erzählt Leonie Wulfers von ihren eigenen Erfahrungen. Der Vorlauf zwischen Beobachtung, Kontakt und schließlich Einigung mit einer Schule kann schon mal zwei Jahre dauern. Die 17 Jahre alte Emilie von Finckenstein prüft bereits ihre Optionen. Agenten sind dafür notwendig, weil es den Coaches und Schulen verboten ist, direkt Kontakt zu den Sportlern aufzunehmen.

Bei den Agenturen kann man sich als Spieler auch direkt bewerben. Persönliche Daten hochladen, Videos vom eigenen Schwung und Putt. „Die Schulen schauen nicht so sehr aufs Handicap, sie wollen Spieler, die konstant über drei, vier Runden spielen“, erklärt Weißhaupt. „Sie suchen Spieler, die schon Ergebnisse erzielen, aber noch in manchen Bereichen Verbesserungspotenzial haben.“ Wenn man das dann konsequent angeht, folgt eine weitere Steigerung.

Unterschiedliche Stipendien stehen zur Auswahl

Nicht jeder Spieler bekommt ein komplettes Förderprogramm finanziert. „Es gibt unterschiedliche Stipendien-Kategorien, je nach Leistungsstärke und Perspektive“, erklärt Weißhaupt. Das kann vom Vollstipendium an einer Top-Uni bis zu einem Taschengeld an einer weniger bekannten Schule gehen. „Es gibt auch Schulen, deren Golfplatz alles andere als top gepflegt ist.“ Wenn man nicht aufpasst, dann landet man für teuer Geld irgendwo in der amerikanischen Provinz des Mittleren Westens, umgeben von Weizenfeldern und sonst nichts. Alles schon vorgekommen.

„Es gibt bei den Vermittlern teilweise einen undurchschaubaren Wildwuchs“, sagt Weißhaupt. „Es ist ganz schwierig für die Familien zu unterscheiden, welche Agentur seriös arbeitet und welche nicht.“ Der HGV plant deshalb, mit einer Agentur fest zusammenzuarbeiten, von der er überzeugt ist. „Wir können den Eltern dann guten Gewissens empfehlen, mit denen in Kontakt zu treten“, sagt HGV-Geschäftsführer Dominikus Schmidt, der gerade dabei ist zu sondieren, welche Agentur für eine Zusammenarbeit infrage kommt.

Denn der HGV möchte die Zusammenarbeit mit seinen Jugendlichen auch nach dem Sprung ins College fortsetzen. Beide Landestrainer halten regelmäßig Kontakt, die Spieler und Spielerinnen fliegen auch in den Semesterferien ein, um für den Verband oder ihre Clubs zu spielen. Leonie Wulfers jedenfalls hat genau das vor, sie wird regelmäßig weiterhin für den HGC antreten: „Wir sind schließlich ein super Team.“

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