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Sexualisierte Gewalt: Das läuft falsch im deutschen Boxsport

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Björn Jensen
Die frühere Boxweltmeisterin Regina Halmich.

Die frühere Boxweltmeisterin Regina Halmich.

Foto: Nicole Kubelka / picture alliance / Geisler-Fotopress

Regina Halmich und Sarah Scheurich über Machtmissbrauch, Drohungen und fehlende Veränderungsbereitschaft im Boxsport.

Sie zählt zu den Menschen im deutschen Boxen, die am meisten polarisieren. Sarah Scheurich, Mittelgewichtlerin vom BC Gifhorn, hat in den vergangenen Monaten ihre Kämpfe vor allem abseits des Rings ausgetragen. Für großes Aufsehen sorgte ein von der 28-Jährigen initiierter offener Brief, in dem sie Funktionären und leitenden Trainern des Deutschen Boxsport-Verbands (DBV), aber auch politischen Institutionen wie dem Sportausschuss des Bundestags Versagen im Kampf gegen sexualisierte Gewalt und die Einschränkung von Meinungsfreiheit vorwirft. Dieser Brief hat auch Regina Halmich (44) aufgewühlt. Im Doppel-Interview mit Sarah Scheurich bezieht die frühere Fliegengewichtsweltmeisterin und Pionierin des deutschen Frauenboxens Stellung.

Frau Halmich, warum ist gerade jetzt die Zeit gekommen, dass Sie in dieser Diskussion Ihre Stimme erheben?

Regina Halmich: Es geht nicht um meine Stimme, sondern generell darum, dass Frauen, die Diskriminierung oder gar sexualisierte Gewalt erleiden, eine Stimme bekommen. Es muss möglich sein, dass Frauen selbst in einer Männerdomäne wie dem Boxen angstfrei und ohne Einschränkungen ihrem Sport nachgehen und über das, was sie daran hindert, offen sprechen können. Ich werde oft von jungen Frauen angesprochen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, die mich bitten, ob ich ihnen helfen kann, ernst oder zumindest einmal wahrgenommen zu werden. Das kann ich nicht ignorieren, deshalb will ich zu dieser Diskussion beitragen.

Vielleicht gilt es zunächst einmal grundsätzlich zu klären, wo in der Thematik der sexualisierten Gewalt die Grenze liegt, die nicht überschritten werden sollte.

Sarah Scheurich: Diese Grenze ist sehr schwierig zu ziehen, weil die Unterscheidung dazwischen, wann etwas ein Flirt zwischen guten Bekannten einer Trainingsgruppe ist und wann ein Übergriff, oft fließend ist. Meiner Ansicht nach ist all das, was mit dem Körper einer Frau zu tun hat und nicht unmittelbar mit dem Sport in Verbindung steht, nicht zulässig. Dass man zum Beispiel auf sein Gewicht reduziert und damit aufgezogen wird, schafft die Voraussetzung dafür, dass schlimmere Dinge geschehen.

Frau Halmich, Sie haben als eine der ersten Frauen im Hamburger Universum-Stall vieles erlebt, was heute als übergriffig gilt: Auf den Hintern klatschen, den Vorhang wegziehen, während Sie duschten. Wie beurteilen Sie diese Dinge heute?

Halmich: Nicht anders als damals. Die Jungs waren wie kleine Kinder, die haben Grenzen ausgetestet. Aber sie haben damit aufgehört, wenn ich klar gesagt habe, dass die Grenze erreicht war. Außerdem wusste ich, dass der damalige Universum-Chef Klaus-Peter Kohl immer hinter mir stand und sexualisierte Gewalt nicht geduldet hätte. Genau darum geht es. Man muss klar unterscheiden, ob es ein spaßig gemeinter Grenzübertritt ist oder ob es beharrliche Anzüglichkeiten oder sogar Übergriffe sind. Ein Nein muss ein Nein bleiben, das muss die klare Botschaft sein. Deshalb ermutige ich alle Frauen, den Mund aufzumachen und niemals zu schweigen, wenn ihnen Dinge widerfahren, die falsch sind.

Frau Scheurich, genau das tun Sie seit Jahren, haben aber das Gefühl, nicht gehört zu werden. Warum ist das so?

Scheurich: Weil es leider im deutschen Verband keine Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Führung sowie Athletinnen und Athleten gibt. Wir haben ein eher frauenfeindliches Umfeld, aber es gibt niemanden, mit dem man darüber vertrauensvoll sprechen kann. Wir haben eine Frauenbeauftragte, die auf E-Mails nicht antwortet und der man nicht vertrauen kann, weil sie seit Jahren mit dem Führungszirkel gemeinsame Sache macht. Da ist es kaum möglich, ernst genommen zu werden. Im Gegenteil: Wenn ich meine Meinung gesagt habe, wurden Sanktionen angedroht.

Zum Beispiel?

Scheurich: 2018 haben einige Athletinnen und ich, ausgelöst durch einen Vorfall sexualisierter Gewalt, die Initiative „Coach don’t touch me“ gegründet, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Schon damals sagte mir ein Trainer, dass ich riskieren würde, aus der Sportfördergruppe der Bundeswehr rauszufliegen, wenn ich damit weitermachen würde. Ich wollte mit der Aktion bewirken, dass wir gemeinsam den Verband verändern, neue Strukturen schaffen. Stattdessen herrscht Angst vor Konsequenzen, wenn man seine Meinung sagt. Ich konnte mir das nicht vorstellen, dass so etwas in Deutschland möglich ist. Aber jetzt, da ich aus dem Bundeskader gestrichen wurde, sehe ich leider, dass es stimmte.

Mehrere hochrangige Funktionäre im DBV versichern, dass Ihr Ausschluss rein sportliche Gründe hat. Kann das nicht vielleicht stimmen?

Scheurich: Es ist eine Frechheit, das zu behaupten. Ich gehöre zu den wenigen deutschen Boxerinnen, die international Medaillen gewonnen haben. Meine Einschätzung ist, dass meine Leistungsfähigkeit derzeit so gut ist wie noch nie. Ich bin überzeugt, dass mein Ausschluss überhaupt keine Leistungsgründe hat.

Sie haben selbst öffentlich gemacht, dass Sie unter psychischen Problemen leiden, wegen denen Sie auch klinisch behandelt wurden. Glauben Sie, dass diese Erkrankung dazu führt, dass man Sie nicht ernst nimmt oder Ihnen Glaubwürdigkeit abspricht?

Scheurich: Ich höre immer wieder, dass hinter vorgehaltener Hand behauptet wird, ich sei nicht zurechnungsfähig, und ich halte das nicht nur für eine Frechheit mir gegenüber, sondern auch für gefährlich für die Gesellschaft. Ich habe in der Klinik sehr viel über mich gelernt und darüber, was mir guttut und was nicht. Ich bin mir nun noch sicherer, dass es wichtig ist, auf jeden Menschen individuell einzugehen, um aus jedem oder jeder das Optimum herauszuholen. Dass das gegen mich verwendet wird, ist falsch und lässt mich auch seelisch leiden.

Halmich: Das Zeichen, das davon ausgeht, ist doch, dass sich Menschen mit psychischen Erkrankungen noch mehr zurückziehen und gar nicht mehr trauen, sich zu öffnen. Diese Karte wird leider oft gespielt, um psychisch Kranke zu diskreditieren, und das ist unfair. Aber psychische Erkrankungen sind, genauso wie sexualisierte Gewalt, ein sehr unbeliebtes Thema, weil die damit zusammenhängenden Probleme oft so schwer nachzuweisen sind. Das ist eine absolute Grauzone.

Warum reagiert der Verband Ihrer Meinung nach mit derart drastischen persönlichen Konsequenzen, aber nicht auf das, was Sie eigentlich anprangern?

Scheurich: Weil es der einfachste Weg ist, dieses Thema nicht anzugehen. Ich gebe zu, dass ich selbst nicht erwartet hätte, dass es so schwierig sein würde, diesen Kampf auszutragen. Ich weiß von einigen Athletinnen, die überhaupt nichts mehr sagen, aus Angst, dass es ihnen so ergeht wie mir. Das ist doch schlimm! Ich vermisse die Fairness und die Transparenz, für die Sport doch eigentlich stehen sollte, und bin enttäuscht von allen Institutionen. Nicht-Handeln wird gern mit der Autonomie des Sports begründet. Aber alle, die den Leistungssport finanzieren, sind doch dafür verantwortlich, dass Steuergelder ordnungsgemäß verwendet werden. Da kann man doch nicht stillhalten, wenn solche Vorwürfe vorgebracht werden.

Tatsächlich ist der Vorwurf der sexualisierten Gewalt im Boxen mehrfach in den vergangenen Jahren von Gerichten verfolgt worden, meist werden die Ermittlungen aber eingestellt, auch weil es oft Widersprüche gibt, die kaum aufzulösen sind. Wenn Sie nun immer wieder gegen Mauern laufen, warum tun Sie sich diesen Kampf überhaupt an?

Scheurich: Weil ich überzeugt davon bin, dass ich überhaupt nur eine Chance habe, gehört zu werden, wenn ich eine aktive und möglichst erfolgreiche Athletin bin. Es ist ein ekelhaftes Gefühl, nicht zu wissen, wie es weitergeht. Aber wenn ich nicht weiterkämpfe, muss ich mit dem Boxen sofort aufhören. Ich möchte aber selbst darüber entscheiden, wann das passiert, und mich nicht von Funktionären dazu drängen lassen, meinen Traum aufzugeben. Mir ist in den vergangenen Monaten klar geworden, wie wichtig mir der Sport ist. Mein persönliches Glück kann ich aber nur erlangen, wenn ich auch frei meine Meinung äußern kann. Deshalb geht das eine nur in Verbindung mit dem anderen.

Wäre es für Sie denkbar, als Trainerin oder Funktionärin im Verband Einfluss zu nehmen, wenn man Sie als Sportlerin nicht mehr will?

Scheurich: Unter den aktuellen Bedingungen ist das für mich nicht denkbar. Solange es immer noch Trainer im DBV gibt, die offen sagen, dass sie Frauenboxen scheiße finden und niemals Frauen trainieren würden, kann ich in so einem System nicht arbeiten. Solange ich als Frau nicht mit dem gleichen Respekt behandelt werde wie die Männer, besteht keine Augenhöhe.

Frau Halmich, was muss sich tun, damit sich die Lage verändert? Braucht es mehr Frauen in Leitungsfunktion? Sogar eine Frauenquote im deutschen Boxen?

Halmich: Ich bin keine Anhängerin einer Quote, aber wenn sich freiwillig nichts rührt, muss man auch darüber nachdenken. Grundsätzlich ist Boxen eine Männerdomäne, daran wird sich auch nie etwas ändern. Aber der Stellenwert des Frauenboxens ist, vor allem international, derart gewachsen, dass es nicht tolerabel ist, wenn es bis heute im Verband Trainer gibt, die das Frauenboxen ablehnen. Ich möchte aber betonen, dass es auch im Boxen viele Männer gibt, die vertrauensvoll mit Frauen arbeiten. Für mich ist deshalb das Geschlecht von Führungspersonen nicht entscheidend, sondern der Charakter.

Scheurich: Keine Frage, auch ich habe viele tolle Männer im Boxen kennengelernt, erfahre immer wieder auch Unterstützung. Respekt ist der wichtigste Aspekt. Ich wünsche mir neutrale Personen, an die sich jeder und jede vertrauensvoll wenden kann. Es muss mehr Transparenz her, Athletinnen und Athleten müssen auf Augenhöhe mit Trainern und Funktionären agieren können und nachvollziehbare Kriterien für eingeforderte Leistung aufgezeigt bekommen. Es braucht aber schon mehr Frauen in höheren Positionen, als Trainerinnen oder in Leitungsfunktionen, damit eine Ausgewogenheit herrscht und sich alle ihre Bezugspersonen frei wählen können.

Frau Halmich, wäre das nicht eine Aufgabe für Sie? Oder was wünschen Sie sich für das deutsche Boxen?

Halmich: Generell wünsche ich mir eine Verjüngung im Verband. Das Umdenken muss in den Köpfen stattfinden, nicht auf Papier. Es muss klare Regeln und Grenzen geben, damit die Gleichstellung von Frauen und Männern vollzogen wird. Ich verlange mehr Einfühlungsvermögen und eine Abkehr von dem Glauben, dass Frauen schwieriger zu betreuen sind als Männer. Ich habe selbst oft erfahren, dass es andersherum war, dass die Jungs diejenigen waren, die sich schlecht behandelt fühlten. Deshalb gilt, unabhängig vom Geschlecht, dass Leistungssportler ein Umfeld brauchen, das sie ernst nimmt und auffängt. Neutralität darf nicht nur ein Lippenbekenntnis sein, sondern muss gelebt werden. Was mich angeht: Ich denke nicht, dass ich die Geduld und das diplomatische Geschick hätte, mich in der Sportpolitik zu behaupten.

Frau Scheurich, wenn auch dieses Interview nicht dazu führt, dass Ihre Anliegen Gehör finden, was tun Sie dann? Immerhin gibt es das Angebot, dass Sie bis Jahresende Ihre vollen Bezüge als Sportsoldatin erhalten und danach drei Jahre Übergangsfrist bekommen, um sich umzuorientieren.

Scheurich: Ich werde in diesem Jahr zur deutschen Meisterschaft antreten, und wenn ich den Titel hole, sehe ich keinen Grund dafür, dass man meinen Kaderausschluss aufrechterhält. Ich möchte im Boxen bleiben, denn es ist ein so attraktiver Sport, nur zeigen wir das gerade nach außerhalb nicht. Ich möchte die Werte des Boxens wie Fairness, Disziplin und Gemeinsinn gern leben und weitertragen. Dafür werde ich weiterhin als aktive Boxerin kämpfen, im Ring und auch außerhalb des Rings.

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