Frauen im Sport

Wie die Welt des Hamburger Sports weiblicher wird

| Lesedauer: 6 Minuten
Iris Mydlach
  Will mit „The League“ Frauen aus der Sportwelt vernetzen: Stephanie Gonçalves Norberto.

  Will mit „The League“ Frauen aus der Sportwelt vernetzen: Stephanie Gonçalves Norberto.

Foto: Stefan Kraupner

Sie sind jung, vernetzt, und ambitioniert: In der Metropolregion sprießen die Initiativen derzeit wie Pilze aus dem Boden.

Hamburg.  Die kleinen quadratischen Sticker sind über die Biertische verstreut, und wenn das Licht der Handydisplays sie streift, schillern sie in den schönsten Farben, regenbogenbunt.Es sind die Aufkleber, die Stephanie Gonçalves Norberto mitgebracht hat. Die 31-Jährige ist Gründerin der Initiative „The League“, eine Plattform für Frauen und nicht binäre Personen, die in der Sportbranche tätig sind.

St.-Pauli-Mitarbeiterin gründet "The League"

So wie Stephanie Gonçalves Norberto selbst: Hauptberuflich ist sie Pädagogische Leiterin des Nachwuchsleistungszentrums des FC St. Pauli, „The League“ hat sie in ihrer Freizeit gegründet, im Mai 2020, mitten in der Pandemie. Der Name steht auch auf den Aufklebern. Und obwohl seitdem schon eine Menge passiert ist, findet an diesem Abend das erste Netzwerktreffen im echten Leben statt – unter 3G-Bedingungen, live und in Farbe. Die Biertische vor der Weinbar am Millerntorstadion füllen sich rasch.

„Ich gehöre zu den vier Prozent Frauen in einer Leitungsposition in der Fußballbranche“, schreibt Stephanie Gonçalves Norberto auf der Internetseite ihrer Initiative. Da aber Veränderung nur dann entsteht, wenn man aufhört, darüber zu lamentieren, hat die junge Frau ihrer Vision einen eigenen Raum gegeben – in denen sich die treffen und vernetzen können, die sich mit der aktuellen Situation genauso wenig anfreunden wollen wie sie.

Acht Themen-Veranstaltungen haben bisher stattgefunden

Acht sogenannte „Matches“ haben seitdem stattgefunden, Veranstaltungen, bei denen es um jeweils ein konkretes Thema geht, die Spannbreite ist dabei enorm: von „Sexismus in der Sportbranche“ bis hin zu „Führung im Sportbusiness“. Die Speakerinnen kommen aus den unterschiedlichsten Sportarten und Ebenen, ein Mix aus alten Bekannten und frischen Gesichtern, von denen man selbst noch nie gehört hat. Und das Netzwerk wächst, beständig. „Das ist natürlich wirklich schön zu sehen“, sagt Gonçalves Norberto, „das geht ja inzwischen bis hin zu Freundschaften, die entstanden sind, weil es eine Herzensangelegenheit ist, die wir gemeinsam haben.“ In Kürze wird Ann-Kristin Brandt, Kommunikationsmanagerin des Basketball-Bundesligisten Hamburg Towers, die gemeinnützige Initiative verstärken.

„The League“ steht stellvertretend für eine Bewegung vor allem junger Frauen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Welt des Sports bunter zu machen und mit Themen zu bereichern, die bislang nicht wirklich auf der Tagesordnung stehen – weil die eben doch in den meisten Fällen noch immer von Männern gemacht wird. Die unterschiedlichsten Initiativen sprießen aus dem Boden – Hamburg scheint ein guter Nährboden zu sein. Nicht nur, aber auch wegen Stephanie Gonçalves Norberto.

Ehemalige HSV-Vorstandsfrau Kraus als Vorbild

Dass mit Katja Kraus (50) eine der einflussreichsten Strateginnen in Sachen Frauenförderung im Profisport in Hamburg sitzt, ist für viele Grund und Anreiz, selbst aktiv zu werden. „Ein System wird nicht von denjenigen verändert, deren Macht es stützt“, lautet einer der Kernsätze der ehemaligen HSV-Vorständin.

Lina Soffner (28) und Laura Elbers (26) wiederum haben sich schon während ihres Studiums an der Leuphania Universität Lüneburg mit der Frage beschäftigt, wie man die Chancengleichheit von Frauen im Sport verbessern kann – denn auch hier gibt es ein eklatantes Gefälle: Während 93 Prozent des weltweiten Sponsoringvolumens in den Männersport fließt, bleibt für die Frauen nur der mickrige Rest. Bei ihren Recherchen fiel den beiden Frauen auf, dass es tatsächlich keine Plattform gibt, auf der weibliche Sportler aktiv um Sponsoren werben und anders herum Unternehmen nach möglichen Kandidatinnen für ein Sponsoringprojekt suchen können.

Vor einigen Wochen, am 14. September, ist genau diese Sponsoring-Plattform live gegangen: Sie trägt den Namen „Equalchamps“, die ersten Profile weiblicher Sportler und Teams sind auf der Homepage zu sehen. Aus einem Uni-Projekt ist innerhalb kürzester Zeit eine GmbH geworden, im Sommer haben Soffner und Elbers ihre Masterarbeit im Fach Management & Entrepreneurship abgegeben, seitdem kümmern sie sich Vollzeit um ihr Unternehmen. „Wir haben eine ganz klare Vision“, erzählt Lina Soffner im Gespräch, ihre Stimme klingt hell und doch bestimmt. „Wir wollen, dass Frauen ihre Träume als Sportlerinnen genauso verwirklichen können wie Männer.“

Um ihnen das zu ermöglichen, gibt es auf der Plattform ein Chattool, mit dem potenzielle Sponsoren direkt Kontakt aufnehmen können. „Irgendwann später soll das mal ein Algorithmus übernehmen, der dann gleich bestimmte Vorschläge unterbreitet, wo es halt besonders gut zusammenpassen könnte“, erklärt Soffner. Ganz so weit ist es allerdings noch nicht.

Hamburger Unternehmerin arbeitet mit Sportfive zusammen

Die Hamburger Unternehmerin Johanna Mühlbeyer setzt mit ihrer Initiative direkt bei den Organisationen der Sportbranche an: Wer sich diverser aufstellen möchte, kann sich von der 32-Jährigen beraten lassen. Im März hat sich die Betriebswirtin mit Equalate Sports selbstständig gemacht, zu ihren Kunden gehören große Agenturen wie Sportfive. „Ich möchte Perspektivwechsel ermöglichen, genauso aber auch konkret durch Workshops oder Beratung gemeinsam Handlungsschritte für mehr Diversität in der eigenen Organisation entwickeln“, sagt Mühlbeyer. „Man kann ja viel über Veränderungen reden, aber am Ende bekommen wir sie nur hin, wenn wir ins Machen kommen.“

Ein Motto, das auch für sie selbst gilt. Im Equalate-Podcast diskutiert sie alle zwei Wochen mit Gästen darüber, wie Veränderung angeschoben werden kann, egal von welchem Geschlecht. „Der Dialog muss mit allen stattfinden – mit Männern und mit Frauen. Nur so kann Veränderung nachhaltig umgesetzt werden“, sagt Mühlbeyer.

Die Veranstalter der Sportbusiness-Messe Spobis wies sie via LinkedIn kürzlich darauf hin, dass Namensschilder mit Clip für Frauen wenig geeignet seien: „Tipp: Denkt bitte über Bänder beim Namensschild nach. Frauen haben in der Regel kein Sakko / Brusttasche, wo man es befestigen kann.“ So offensichtlich, und im Grund so einfach.

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