Golfen

Ryder Cup: Die ultimative Nervenprobe

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Andreas Hardt
Padraig Harrington über den Ryder Cup: „Die Stimmung unter den Jungs ist großartig" (Archivbild).

Padraig Harrington über den Ryder Cup: „Die Stimmung unter den Jungs ist großartig" (Archivbild).

Foto: picture alliance / empics | Anthony Behar

Europas Team reist als Titelverteidiger von 2018 zum Kontinentalvergleich nach Wisconsin – die USA setzen auf „junge Wilde“.

Hamburg/Haven. Padraig Harrington (50) fuhr in einer schwarzen Limousine am Clubhaus der Golfanlage „Whistling Straits“ in Haven (Wisconsin) vor. Er wurde bereits von Steve Stricker (54) erwartet. Der Ire hatte wertvolle Fracht dabei, die er vorsichtig aus dem Wagen holte und seinem US-amerikanischen Gegenüber schon mal zeigte: nur gucken, nicht anfassen.

Die Trophäe für das siegreiche Ryder-Cup-Team möchte der Kapitän der europäischen Mannschaft schließlich am Sonntag zurückhaben. In diesem Moment war das größte und emotionalste Golfsportereignis dieser Welt gefühlt schon eröffnet. Am Donnerstag gibt es die offizielle Eröffnungsfeier, von Freitag an stehen sich die Teams aus den USA und Europa auf dem Platz gegenüber (Sky live).

Golfen: Europa braucht 14 Punkte zur Titelverteidigung

Seit 1927 wird der Kontinentalvergleich ausgetragen, bis 1979 allerdings nur mit Spielern aus England und Irland. Erst seit 1979 tritt ganz Europa gegen die Amerikaner an. Seitdem haben sich die sportlichen Kräfteverhältnisse gedreht – der Bedeutung des Events kam das zugute. Ganze 235,7 Millionen Euro hatte der Umsatz vor drei Jahren in Frankreich betragen. Wie hoch der Gewinn durch Merchandising, TV-Gelder und Werbevermarktung ist, darüber lässt sich seriös nicht spekulieren.

Die Spieler erhalten davon nichts. Die 24 sonst hoch bezahlten Profis treten nur aus Spaß und für die Ehre an. Freitag und Sonnabend spielen sie zunächst in je vier Zweierteams in vier Vierern und dann am Sonntag alle Spieler in zwölf Einzeln. Matchplay, Team gegen Team, Mann gegen Mann. Die ultimative Nervenprobe. 14 der 28 Punkte benötigt Europa, um den Titel zu verteidigen, 14,5 die US-Amerikaner, um die goldene Statue zurückzuholen.

Ausgelassene Atmosphäre beim Ryder-Cup

Das alles findet in einer Atmosphäre statt, wie es sie sonst auf Golfplätzen nicht gibt. Lautstarke Fangruppen mit Schals, Kostümen und Bier. Bis zu 40.000 Fans sind zugelassen, gigantische Tribünen umschließen schon den ersten Abschlag. „USA, USA“-Rufe werden jeden Erfolg der eigenen Spieler oder Fehler der Europäer begleiten. Die Atmosphäre könnte in der bei manchen noch herrschenden „America-first-Stimmung“ durchaus nationalistisch werden.

Andererseits gibt es nirgends im Sport einen derart guten Zusammenhalt eines europäischen Teams. Spanier feuern Engländer an, Iren jubeln mit Norwegern. Das „Wir-Gefühl“ funktioniert, der „Alte Kontinent“ lebt beim Ryder Cup eine europäische Einheit vor, von der Politiker nur träumen können.

„Die Stimmung unter den Jungs ist großartig"

„Die Stimmung unter den Jungs ist großartig, der Platz und die Anlagen sind fantastisch“, sagte Harrington nach einem ersten Eindruck, „wir sind gut vorbereitet, können es kaum erwarten zu starten.“ Harrington hat ein Team mit viel Erfahrung beisammen, diverse Spieler haben den Cup schon geholt.

Spieler wie der Engländer Ian Poulter (45), der wegen seiner Ryder-Cup-Bilanz von 14 Siegen aus 22 Matches in sieben Cups ebenso wie der Spanier Sergio Garcia (41) mit einer Wildcard ins Team geholt wurde, wissen, wie es geht. „Ian beflügelt sich selbst, seine Spielpartner und das Team“, weiß Harrington.

Zahlreiche „junge Wilde“ im Team der USA

Bei den USA stehen dagegen zahlreiche „junge Wilde“ im Team, die auf der Tour für Furore sorgen. Trotzdem bleiben Zweifel. Zu oft waren interne Konflikte entscheidend für die Niederlagen. Diesmal ist bekannt, dass Topspieler wie Brooks Koepka (31) und Bryson DeChambeau (28) sich nicht ausstehen können. Das wird interessant. „Wir sind durchschnittlich fünf Jahre jünger und haben weniger Erfahrung“, meint Stricker, „das hat aber auch den Vorteil, dass meine Jungs noch keine schlechten Erfahrungen gemacht haben.“ Davon gab es für die USA reichlich. Neun der vergangenen zwölf Cups gingen an Europa. Bei der letzten Austragung 2018 in Paris wurden die USA 10,5:17,5 deklassiert.

Besonders traumatisch für die Amerikaner war 2012 das „Wunder von Medina“, als Europa in den Einzeln sensationell einen 6:10-Rückstand aufholen konnte. Martin Kaymer (36) sorgte dabei im Match gegen Stricker für den entscheidenden Punkt. Sein Siegesput auf der 18 läuft immer noch in jeder Ryder-Cup-Highlightshow.

Deutschlands bester Golfer als Vizekapitän dabei

Kaymer ist in diesem Jahr „nur“ als einer der Vizekapitäne von Harrington dabei. Sportlich konnte er sich nicht qualifizieren. „Ich wäre sehr gerne als Spieler am Start“, sagte Deutschlands bester Golfer, „aber auch so fühle ich mich sehr geehrt. Ich bin einer, der mit den Jungs spricht, mehr über persönliche und mentale Dinge“, definiert er seine Rolle.

Und Kaymer kennt den Platz. 2010 gewann er in Whistling Straits seinen ersten Majortitel, die PGA-Championship. 1012 Bunker hat Kursdesigner Pete Dye an der Küste des Lake Michigan in die Landschaft gegraben. Es ist ein Platz, der an die windanfälligen Linksplätze in Schottland und Irland erinnert. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir hier etwas mitnehmen können“, sagte Harrington. Und dachte natürlich an die goldene Trophäe, die er abgeben musste.

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