Rothenbaum

Die Beachvolleyball-Revolution in Hamburg

| Lesedauer: 5 Minuten
Björn Jensen und Rainer Grünberg
Julius Thole (l.) und Clemens Wickler gewannen alle drei Spielabschnitte der ersten nationalen Runde und qualifizierten sich fürs Viertelfinale.

Julius Thole (l.) und Clemens Wickler gewannen alle drei Spielabschnitte der ersten nationalen Runde und qualifizierten sich fürs Viertelfinale.

Foto: Witters

Neue Formate, neue Welt-Tour, neue Spielerkombinationen – King of the Court startet am Hamburger Rothenbaum.

Hamburg. Der Rhythmus, bei dem jeder mitmuss, gibt seit Donnerstagnachmittag um 14.20 Uhr den Takt im Tennisstadion am Rothenbaum an. Beachvolleyballerinnen und Beachvolleyballer ermitteln hier bis zum Sonntagabend ihren King und ihre Queen of the Court, Musik untermalt ununterbrochen Baggern, Blocken und Pritschen. Jeweils fünf Teams kämpfen in ihren Pools in drei 15-minütigen Dauerschleifen ums Weiterkommen, zwei stehen jeweils auf dem Feld. Nur wer punktet, darf bleiben, das andere muss in die Rotation. Pro Runde scheidet das Paar mit den wenigsten Punkten aus.

Das Format klingt kompliziert, ist es wohl auch, und es scheint vor allem gewöhnungsbedürftig. Unter den rund 3000 Zuschauern kam nur selten bis gar nicht die aus Hamburg bekannte ausgelassene Beachvolleyballstimmung auf. Immerhin schlugen sich mit den Vizeweltmeistern Julius Thole/Clemens Wickler (Eimsbütteler TV) und Victoria Bieneck/Isabel Schneider (HSV) die Lokalmatadoren ins Viertelfinale am Freitag (10.45 bis 14.20 Uhr).

Beachvolleyballwelt befindet sich im grundlegenden Wandel

Fehlen werden dagegen zum Start der internationalen Konkurrenz (14.30 bis 18.05 Uhr) die norwegischen Olympiasieger und Europameister Anders Mol/Christian Sörum, die Olympiadritten Cherif Younousse/Ahmed Tijan (Katar) – und die Hamburgerin Margareta Kozuch. Sie zogen ihre Zusagen am Donnerstag zurück. Begründung von allen: körperliche und mentale Erschöpfung. Kozuch (34), ehemalige Partnerin Laura Ludwigs (35), wird in diesem Jahr gar nicht mehr in den Sand gehen, versprach ihren Fans aber: „Ich komme wieder!“

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Ob der King of the Court nächstes Jahr nach Hamburg zurückkehrt, bleibt abzuwarten. Die Beachvolleyballwelt befindet sich im grundlegenden Wandel, der Weltverband FIVB plant gerade eine neue Weltserie für die traditionelle olympische Variante mit zwei Teams auf dem Feld. 2022 soll es drei Turnierkategorien geben, zuletzt waren es fünf.

Superliga mit den jeweils 16 weltbesten Duos bei Frauen und Männern

Die erste ist dabei eine Art geschlossene Superliga mit den jeweils 16 weltbesten Duos bei Frauen und Männern, ohne Qualifikation. Preisgeld pro Turnier: 300.000 US-Dollar. In der zweiten Gruppe dürfen jeweils 24 Paare ans Netz, dazu kommen bis zu acht Qualifikanten. Preisgeld: 150.000 Dollar. In Sektion drei stehen noch 10.000 Dollar auf dem Spiel, auch hier dürfen pro Turnier 24 Teams plus Qualifikanten teilnehmen. Ob und in welcher Art Austausch zwischen den Turnierserien vorgesehen ist, ob es Auf- und Abstiege innerhalb einer Saison gibt, ist bisher nicht entschieden.

17 Veranstalter haben laut FIVB bereits Interesse an der Organisation eines Events der ersten und zweiten Kategorie hinterlegt. Hamburg zögert noch, Sportsenator Andy Grote (SPD) hat jedoch wiederholt betont, nächstes Jahr ein Topturnier im klassischen Beachvolleyballformat am Rothenbaum ausrichten zu wollen. Sollten der Deutsche Volleyball Verband (DVV) und seine Vermarktungsagentur DVS andere Pläne haben, scheint Grote gewillt, Verhandlungen auch mit privaten Agenturen aufzunehmen.

Der Hamburger Frank Mackerodt hinterließ auf diesem Feld jahrzehntelang Spuren im Sand, nach Stress mit DVV und DVS hatte er sich 2020 beruflich umorientiert. Fest steht jedoch, dass die Stadt ein Premiumturnier wieder mit einem namhaften Betrag unterstützen würde – für den King/Queen of the Court sind es in dieses Jahr 500.000 Euro plus 50.000 Euro für Hygienemaßnahmen.

Neuaufstellung nach den Olympischen Spielen in Tokio

Niclas Hildebrand, DVV-Sportdirektor Beachvolleyball, beurteilt die weltweite Turnierentwicklung aus Verbandssicht zurückhaltend: „Nach den Olympischen Spielen in Tokio stellen wir uns sportlich neu auf, mit Thole/Wickler hätten wir derzeit nur ein Team, das in der höchsten Kategorie mitspielen dürfte.“

Bis Ende September wollen Hildebrand (41) und „Head of Beachvolleyball“ Jürgen Wagner (65) Teams und Trainer für den Olympiazyklus bis Paris 2024 benennen. Jeweils drei Paare bei Frauen und Männern sollen am Bundesstützpunkt am Dulsberger Alten Teichweg konzentriert werden, gesetzt sind bisher allein Thole (24)/Wickler (26). Für Blocker Nils Ehlers (27/HSV) wird ein Abwehrspieler gesucht wie auch für Toptalent Philipp Huster (19), der gerade von Berlin nach Hamburg umgezogen ist. Kandidaten sind Lukas Pfretzscher (21) und Sven Winter (23).

Schwierige Lage bei den Frauen

Schwieriger erscheint die Lage bei den Frauen. Hier steht ein größerer Umbruch an. Laura Ludwig hat noch nicht entschieden, ob sie mit oder ohne Unterbrechung bis Paris weiterspielen will – und wenn ja, mit wem. Svenja Müller (20) wäre dann eine Kandidatin. Bei den deutschen Meisterschaften in Timmendorf (2.–5. September) will Ludwig mit Leonie Körtzinger (24/ETV) antreten. Auch für die Olympiateilnehmerinnen Karla Borger (32)/Julia Sude (33) bleibt das Karriereende eine Option, für das HSV-Duo Bieneck/Schneider ebenfalls.

Neu zu besetzten sind zudem drei Bundestrainerstellen. Helke Claasen, Alexander Prietzel und Fabian Tobias haben Verträge über das Jahresende hinaus, bei Martin Olejnak, Imornefe Bowes und Eric Koreng laufen sie jetzt aus. Olejnak hat Angebote von anderen Verbänden, unter anderem aus Österreich, Ludwigs Lebenspartner Bowes vom schottischen. „Uns muss klar sein, wollen wir in Paris um Medaillen mitspielen, müssen sich Teams und Trainer 360 von 365 Tagen auf Beachvolleyball konzen­trieren“, sagt Hildebrand. „Die Luft an der Weltspitze wird immer dünner.“

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