Bremen steigt ab

Matthäus: "Werder darf sich aufs Derby mit dem HSV freuen"

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Zweitklassig: Im Saisonfinale gegen Gladbach zeigte Werder Bremen eine unterirdische Leistung.

Zweitklassig: Im Saisonfinale gegen Gladbach zeigte Werder Bremen eine unterirdische Leistung.

Foto: Imago/Nordphoto

Ex-Meister muss zum zweiten Mal nach 1980 runter. Wie Thomas Schaaf, Frank Baumann und andere auf den Bremer Abstieg reagieren.

Bremen. Auch Interimstrainer Thomas Schaaf konnte nichts mehr ausrichten: Werder Bremen steigt nach 1980 zum zweiten Mal in seiner Vereingeschichte aus der Fußball-Bundesliga ab. Die Norddeutschen gingen am letzten Spieltag im heimischen Weserstadion mit 2:4 (0:1) gegen Borussia Mönchengladbach unter und rutschten durch einen späten 1:0 (0:0)-Sieg des 1. FC Köln im Parallelspiel gegen Schalke 04 auf den direkten Abstiegsplatz 17 ab.

Bremen kommt in der Endabrechnung auf 31 Punkte, Köln auf 33 Punkte. Die Rheinländer erhalten als Tabellen-16. nun zwei Extraspiele in der Relegation mit dem Dritten der Zweiten Bundesliga. Es geht gegen den VfL Bochum, Holstein Kiel oder die SpVgg Greuther Fürth. Gerettet hat sich indes Arminia Bielefeld (35 Punkte) durch einen 2:0 (0:0)-Sieg beim VfB Stuttgart. Schwacher Trost für Bremen: Im Unterhaus warten immerhin insgesamt vier Nordderbys mit den Hamburger Rivalen HSV und FC St. Pauli.

Thomas Schaaf: "Es hat halt nicht funktioniert"

"Es ist ein sehr, sehr trauriger Tag für die ganze Stadt", sagte Bremens Kapitän Niklas Moisander in einer ersten Reaktion auf Sky. "Es tut uns so leid für die Fans. Es ist schwierig, Worte zu finden." Eigentlich hätte die Mannschaft auch nach dem aussichtslosen Rückstand weiter an sich geglaubt. "Wir hatten nicht aufgegeben, aber nicht gut genug gespielt, um zu gewinnen", so Moisander.

Und Ein-Spiele-Trainer Schaaf sagte in der ersten Enttäuschung: "Wir brauchen jetzt nicht über morgen, übermorgen oder sonst etwas reden. Wir sind mit dem heute hier genug beschäftigt, das haut uns genug die Beine weg."

Er habe versucht, nach der Übernahme von Florian Kohfeldt noch einmal eine Wende herbeizuführen, aber: "Es hat halt nicht funktioniert. Das ärgert uns alle und mich am meisten", bekannte Schaaf. "Ich hatte natürlich gehofft, dass ich noch so viel mitgeben kann, dass sich etwas tut. Dass es dann so nach hinten abgeht, ist dann eben so."

Werder Bremen: Früher Schock durch Stindl

Im Spiel gegen Gladbach brachte schon der erste echte Angriff einen schweren Rückschlag für Werder (3.). Lars Stindl vollendete eine Kombination der Gäste zum Führungstreffer, die Bremer verhielten sich dabei viel zu passiv. Kurz nach dem Wechsel erhöhte Marcus Thuram auf 2:0 für die Borussia (52.), bevor auch noch Rami Bensebaini (58.) und Florian Neuhaus (67.) gegen nun desolate Hausherren nachlegten. Milot Rashica (81.) nach Videobeweis und Niclas Füllkrug (83.) gelangen die Ehrentore für die Norddeutschen.

Der Nachmittag der Entscheidung begann mit einem großen Fanauflauf am Weserstadion. Rund 1500 Anhänger der Grün-Weißen stimmten Gesänge an und zündeten teilweise Pyrotechnik, als der Mannschaftsbus vor dem Duell vorfuhr. Die Stadt hüllte sich unter dem Motto „Wir schaafen das“ in grün-weiß.

Werder: Selke vergibt große Ausgleichschance

Schaaf, Doublesieger von 2004, hoffte, dass die große Unterstützung seiner Mannschaft noch einmal einen Schub verleiht. Nach der Trennung von Kohfeldt am vergangenen Sonntag hatte die Club-Ikone gefordert, aus der Anspannung Kraft zu schöpfen.

Nach dem Schock des frühen Rückstandes erkannte der 60-Jährige 2934 Tage nach seinem bis dato letzten Spiel als Werder-Coach kämpferische Elemente seines Teams, aber die Borussia wirkte deutlich strukturierter.

Gladbach-Trainer Marco Rose, der zur neuen Saison zu Borussia Dortmund wechselt und am Niederrhein von Adi Hütter ersetzt wird, sah in der 19. Minute seine Mannschaft erstmals in Gefahr. Davie Selke hätte nach perfekter Vorarbeit von Josh Sargent treffen müssen, doch der Angreifer scheiterte völlig freistehend aus kurzer Distanz am starke Yann Sommer im Gladbach-Tor.

Werder von 100 Mitarbeitern angefeuert

Werder war jetzt etwas besser drin und legte in seiner Rautenformation, die Schaaf wie in erfolgreicheren Zeiten gewählt hatte, durchaus den Vorwärtsgang ein. Präziser blieben aber die Gladbacher, die durch den auffälligen Stefan Lainer per Kopf die Chance zum 2:0 besaßen (40.). Jiri Pavlenka im Werder-Tor reagierte stark.

Angefeuert von 100 Club-Mitarbeitern kamen die Gastgeber mit frischem Elan aus der Kabine, doch der erneute schnelle Gegentreffer war ein echter Wirkungstreffer. Und Werder, nun völlig neben der Spur, blieb schnell nur noch die Hoffnung auf Patzer der Konkurrenz. Dies zerschlug sich, und so muss der Verein nun auf die Hoffnung auf den direkten Wiederaufstieg umschwenken.

"Wir müssen uns so aufstellen, dass wir mit den Rahmenbedingungen in der Lage sind, direkt wieder aufzusteigen", sagte Sportchef Frank Baumann bei Sky. Er selbst wolle diese Mission mit anpacken, es sei längst zweigleisig geplant worden.

"Heute ist erstmal die brutale Enttäuschung da. Jeder, der hier arbeitet und mit Werder fiebert, ist es eine große Trauer und ein Stückweit Wut", sagte Baumann. "Das muss man mal erstmal sacken lassen, trotzdem müssen wir auch schnelle Entscheidungen treffen, ab morgen beginnen die Planungen für die neue Saison in der Zweiten Liga. Wir müssen einen Trainer suchen, im Kader wird sich viel tun."

Werder Bremen: Baumann will weitermachen

Er werde sich dieser Verantwortung stellen, betonte Baumann: "Ich bin keiner, der vor schwierigen Situationen wegläuft. Ich packe es ab morgen mit an." Und weiter: "Ich will die Schuld definitiv nicht woanders hinschieben, auch wenn Spieler und viele andere drumherum an so einem Abstieg beteiligt sind."

Er habe die "Gesamtverantwortung für die Rahmenbedingungen", sagte Baumann. "Und die waren dieses Jahr leider nur bis zum 24. Spieltag so, dass wir gut unterwegs waren, in der Liga zu bleiben mit soliden Leistungen. Aber was in den letzten zehn Spieltagen passiert ist, dass wir da nur einen Punkt holen, war so nicht zu erwarten", sagte der 45 Jahre alte Ex-Profi.

"Das wird schwierig für Werder Bremen, wieder zurückzukommen", urteilte Experte Lothar Matthäus, der bei Sky ebenso schwarz sah wie sein Kollege Dietmar Hamann. "Sie können sich aufs Derby freuen gegen den HSV, aber das hätten sie sicher lieber in der ersten Liga gehabt. Ich glaube nicht, dass sie eine schelle Wiederkehr schaffen."

( sid/HA )

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