Fußball

Es gibt ein Leben nach St. Pauli – in Antwerpen

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Andreas Hardt
Roger Stilz (43) ist gebürtiger Schweizer und war vor seiner Tätigkeit bei St. Pauli auch Co-Trainer beim HSV und 1. FC Nürnberg.

Roger Stilz (43) ist gebürtiger Schweizer und war vor seiner Tätigkeit bei St. Pauli auch Co-Trainer beim HSV und 1. FC Nürnberg.

Foto: LORENZO VICENCIO

Roger Stilz war fünf Jahre für St. Paulis Nachwuchs verantwortlich. Jetzt spricht er über seine Aufgabe in Belgien.

Hamburg.  Wie war es denn so, das jüngste Spiel vom FC St. Pauli? Roger Stilz ist sehr interessiert, möchte eine Einschätzung hören. Auf der mehr als fünfstündigen Autofahrt vom Kurzausflug zur Familie in Hamburg zurück nach Antwerpen ist auch mal Zeit für solche Gespräche. „Meine Bindung zu dem Club ist nach wie vor intensiv“, erzählt der 43-Jährige. „Nicht zuletzt sind doch einige Spieler in den fast fünf Jahren durch meine, beziehungsweise NLZ-Hände gegangen.“

Seit Juni 2016 war er als Leiter des Nachwuchs-Leistungszentrums (NLZ) für die Ausbildung der kommenden Profis beim FC St. Pauli verantwortlich. Mit einigem Erfolg: Finn Ole Becker, Luis Coordes, Jannes Wieckhoff, Christian Viet und Igor Matanovic gehören aktuell zum Profikader, weitere sind verliehen oder gehen anderswo dem Beruf als Fußballer nach.

Roger Stilz: Der nächste Schritt für den Ex-Profi

Das NLZ ist in Sachen Ausstattung, Trainingslehre, pädagogische Begleitung eine Topadresse unter den deutschen Nachwuchsschmieden. Umso überraschender kam für Außenstehende Stilz’ plötzlicher Abgang.

„Am 4. Januar bin ich mit Sack und Pack nach Antwerpen“, erinnert er sich an den Aufbruch in ein neues (Berufs-)leben. „Sportief directeur“ ist der Schweizer jetzt beim belgischen Erstligisten Waasland-Beveren – Sportchef also, Manager, wie man will. Jedenfalls verantwortlich für Kader, Spieler, sportliche Ausrichtung bei einem höchst abstiegsgefährdeten Verein aus Flandern, mit kaum erstligatauglichen Strukturen. Eine Mammutaufgabe.

Belgiens Ligafußball werde oft unterschätzt in Deutschland

Für den Ex-Profi, der die höchste Trainerlizenz besitzt und auch als Co-Trainer in der Bundesliga tätig war, ist dies der nächste Schritt. „Ich suche immer Herausforderungen, deshalb war die Lust auf den Job groß“, erklärt Stilz. „Ich habe immer gedacht, wenn ich St. Pauli verlasse, dann eben nur für eine neue Geschichte im Ausland.“

Belgiens Ligafußball werde oft unterschätzt in Deutschland. „Für mich ist das die beste Liga nach den großen fünf“, sagt er. Physisch, zweikampforientiert, immer offenes Visier. „Die Spieler, die sich hier durchsetzen, haben das Rüstzeug für England, Deutschland, Spanien, Italien oder Frankreich.“ Nicht zufällig belegt Belgiens Nationalteam Platz eins in der Fifa-Weltrangliste.

Der Anruf aus Belgien kam im Spätherbst

Irgendwann im Spätherbst kam der Anruf, ob er sich die Aufgabe vorstellen könne. Waasland-Beveren gehört seit September 2020 zu 97 Prozent der US-amerikanischen Sportinvestorengruppe Bolt Football Holding, einem großen Player auf dem internationalen Sport-Entertainment-Markt. Er hat auch Anteile am Premier-League-Club Crystal Pa­lace, am NBA-Team Philadelphia 76ers sowie an zwei NHL-Eishockeyteams. Im März sind die Amerikaner zudem mit
45 ­Prozent in die Betreibergesellschaft des FC Augsburg eingestiegen.

„Die Investoren sind auf mich aufmerksam geworden, wir haben etwa sechs Wochen im Rekrutierungsprozess gesprochen“, erinnert sich Stilz. „Für mich ist das ganze Paket sehr spannend. Es ist ein internationales Projekt, es geht in erster Linie natürlich um Beveren, aber im zweiten Schritt auch um ein umfassenderes Ziel. Hierbei ein Element sein zu können, finde ich spannend.“

Im Sommer soll die Familie aus Hamburg nachkommen

Zunächst aber gilt es, den Abstieg zu verhindern. Schon in der vergangenen Saison war der Club sportlich abgestiegen, blieb aber am „grünen Tisch“ wegen des coronabedingten Saisonabbruchs in der Liga. Jetzt gelang es erst am letzten Spieltag, auf den vorletzten Platz zu klettern und die Relegation zu erreichen. Im ersten Match gab es jetzt ein 1:1 beim RFC Seraing, wobei der Ausgleich für die Gastgeber erst in der dritten Minute der Nachspielzeit fiel. Das Rückspiel findet am kommenden Sonnabend statt.

„Dieses erste Vierteljahr hatte es in sich“, erzählt Stilz, „es gab einen großen, heterogenen Kader, der ursprünglich für die Zweite Liga geplant war, eine Wintertransferperiode unter Corona-Bedingungen, viele englische Wochen, sportliche Nackenschläge durch knappe Niederlagen.“ Die Wochen waren und sind intensiv und hart ­ohne Familie in der Nähe.

Die Familie kommt im Sommer nac

Frau und Kind sollen im Sommer nach Antwerpen nachkommen. „Die Stadt gefällt mir sehr gut, wieder eine große Hafenstadt, sehr offene, internationale Leute“, sagt Roger Stilz, „es ist schön hier, ein bisschen wie Hamburg mit französischem Flair.“

Für den Sportdirektoren-Job fühlte er sich durch die Tätigkeit bei St. Pauli sehr gut vorbereitet: „Als NLZ-Leiter muss man auch zeitgemäße Strukturen schaffen, Kader planen, mit Beratern und Eltern sprechen. Es ist sehr ähnlich – nur halt im Nachwuchsbereich.“ Gerne haben sie ihn nicht gehen lassen beim FC St. Pauli. Aber die Entscheidung respektiert, wofür Stilz dankbar ist. „Ich kann nachvollziehen, dass Roger die Chance ergreifen möchte, als Sportlicher Leiter agieren zu können“, sagte Sportchef Andreas Bornemann.

Vom Millerntor geht man ja niemals so ganz

Nach dem Relegationsrückspiel soll Stilz sich daran machen, die Strukturen in Beveren zu professionalisieren, das Konzept dafür hat er schon im Schreibtisch. „Der Verein hat da noch Luft nach oben“, räumt er ein. „Wir brauchen eine professionellere Denkweise, mehr Stabilität und eine eigene Identität und Arbeitskultur.“ Und ja – vielleicht kann der FC St. Pauli genau dafür ein Vorbild sein. Vom Millerntor geht man ja niemals so ganz.

Andreas Rettig (58), bis September 2019 kaufmännischer Geschäftsführer und zweimal Interims-Sportchef des FC St. Pauli, wird vom 1. Juni an Geschäftsführer beim Drittliga-Achten Viktoria Köln. Seit seinem Abschied von St. Pauli lebt er wieder mit seiner Frau in der Domstadt.