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E-Sport: Hamburger Mustafa Cankal ist Weltspitze

| Lesedauer: 8 Minuten
Iris Mydlach
Seit vorigem Sommer steht Mustafa Cankal (20) beim FC St. Pauli unter Vertrag – dem Verein, für den er schon als Kind im Nachwuchsleistungszentrum kickte.

Seit vorigem Sommer steht Mustafa Cankal (20) beim FC St. Pauli unter Vertrag – dem Verein, für den er schon als Kind im Nachwuchsleistungszentrum kickte.

Foto: FC St. Pauli Vermarktungs GmbH & Co. KG

Er hat es als eSportler in die Weltspitze geschafft: Mit dem FC St. Pauli steht Mustafa Cankal nun sogar im Finale der Virtual Bundesliga.

Hamburg. Der Tag, an dem sich Mustafa Cankal wie der glücklichste Mensch der Welt gefühlt hat, ist gar nicht so lange her. Es war der 9. Januar 2021, spät am Abend, als sich der damals 19-Jährige zum ersten Mal in seinem Leben für ein internationales Turnier, den ersten FUT Champions Cup des Jahres im Videospiel Fifa 21 qualifiziert hatte, und wenn man sich die Situation bildlich vorstellen möchte, ist das gar nicht so schwer: Cankal, oder „xMusti19“, wie sein Nickname im Spiel ist, saß zu Hause in seinem Zimmer, Eltern und Schwester nebenan. Cankal lacht. „Ich hätte niemals gedacht, als ich angefangen habe mit Fifa, dass ich eines Tages damit Geld verdienen kann.“

Es gibt viele gute Geschichten zu erzählen aus der Welt des eSports, aber die von Mustafa Cankal gehört derzeit sicherlich zu den besten. Sie handelt von einem Jungen, der in Altona geboren und aufgewachsen ist und um alles in der Welt Fußballer werden wollte – beim FC St. Pauli, „den ich immer schon liebe“, sagt Cankal.

Und sie geht damit weiter, dass dieser Junge seit dem 1. Juli 2020 nun tatsächlich Profi bei den Kiezkickern geworden ist – nicht auf dem Rasen, aber an der Konsole, wo er im Moment jede Menge Erfolge sammelt. „Es könnte besser nicht laufen“, sagt Cankal.

E-Sport: Hamburger Mustafa Cankal ist Weltspitze

Fünf Jahre war Cankal alt, als er zum FC St. Pauli kam. „Fußball war mir immer wichtig, ich habe immer an Fußball gedacht, auch in der Schule“, erzählt er. Seine Stimme klingt noch ein wenig müde, am Abend vorher hat er bis spät in die Nacht ein Turnier bestritten. „Als ich 14 war, hatten wir sogar den Aufstieg in die Landesliga geschafft. Aber beim zweiten Training in der Vorbereitungsphase ist mein Kreuzband gerissen.“ Sich von seinem großen Traum zu verabschieden, ist Cankal nicht leichtgefallen.

Mit 16 Jahren beendete er die Schule und begann eine zweijährige Ausbildung als Kaufmann im Einzelhandel. Immer mal wieder spielte er Fifa mit seinen Freunden, nach Feierabend oder am Wochenende. „Aber dann habe ich angefangen, die Cups zu schauen, die großen Turniere in Atlanta, Paris, Bukarest. Da war mein Ziel, mich auch mal für so ein Spiel zu qualifizieren. Ich habe angefangen, richtig hart zu trainieren, um irgendwann ganz oben zu stehen.“

Tja, und tatsächlich: Da steht er nun. Mal, wie neulich, auf Platz eins der xBox-Weltrangliste in Fifa 21. Oder er gewinnt gleich einen ganzen „Qualifier“ in der Turnierserie des FUT Champions Cup, wie Anfang März. Am heutigen Sonnabend hat Cankal die Chance, diesen Titel beim FUT-Cup Nummer vier zu verteidigen. Fünf gibt es insgesamt.

Rasante Karriere an die Weltspitze

Cankal kann es selbst manchmal nicht glauben, wie rasant sich seine Karriere in den vergangenen sechs Monaten entwickelt hat. Die meisten eSportler verbringen unzählige Stunden, meist Jahre allein vor ihrer Konsole und schaffen es am Ende doch nicht in die Weltspitze. Cankal brauchte insgesamt knapp ein Jahr. Woran es bei ihm gelegen hat? Womöglich daran, dass er als Fußballer auf der Sechserposition gespielt hat und schon damals die Übersicht trainierte. Aber darüber hinaus? „Arbeite ich wirklich hart“, sagt er.

„In der Gamersprache nennen wir das ,grinden‘. Jeden Tag Spiele gegen gute Gegner machen, dann das ganze Match noch einmal ansehen, die Fehler analysieren – und wieder von vorn.“ Ein mühsamer Prozess ist das, für den man gemacht sein muss. Weil es ja auch immer darum geht, die Ruhe zu bewahren, wenn man im letzten Moment auf nicht nachvollziehbare Weise ein sicher geglaubtes Spiel verliert. Fifa eben.

Über den Kurznachrichtendienst Twitter war Christian Oberlies, Koordinator Gaming & eSports beim FC St. Pauli, im vergangenen Jahr auf das Nachwuchstalent aufmerksam geworden. Im Sommer 2020 wurde Cankal schließlich verpflichtet, seitdem verstärkt xMusti19 das Team, das seit Herbst 2019 in der Virtual Bundesliga (VBL) antritt und es vor vier Tagen sogar ins Finalturnier der 2018 ins Leben gerufenen VBL Club Championship geschafft hat.

„Ich bin seit meinem Wechsel zu St. Pauli selbstbewusst"

Neben den eKiezkickern haben sich auch die eSports-Abteilungen vom 1. FC Köln, dem 1. FC Heidenheim, Borussia Mönchengladbach, RB Leipzig (mit dem ehemaligen HSV-Profi und Hamburger Umut Gültekin), TSG 1899 Hoffenheim, VfL Bochum sowie VfL Wolfsburg qualifiziert. Das Fifa-Team des HSV hatte es als Tabellenachter der Division Nord-West nicht in die Qualifikationsrunde geschafft. St. Pauli konnte als Tabellendritter teilnehmen – und setzte sich durch. Am 27. und 28. März wird das Finale ausgetragen (siehe Infokasten).

„Wir können das holen! Wir sind stark genug, wir trainieren hart“, sagt Mustafa Cankal. „Ich bin seit meinem Wechsel zu St. Pauli selbstbewusst, alles erreichen zu können.“ Es sind starke Worte, und man nimmt sie ihm ab. Wenige Wochen ist es her, dass Cankal Michael „MegaBit“ Bittner von Werder Bremen besiegte, den deutschen Einzelmeister (2019) und zweifachen deutschen Clubmeister (2019 und 2020). Durch die deutsche Fifa-Szene ging ein Raunen. Bei Cankals Debüt in der Virtual Bundesliga hatte er noch mit 1:5 gegen Bittner verloren.

Wenn man Cankal nach dem Geheimnis seines Erfolgs fragt, muss er nicht lange nachdenken. Maximal drei Stunden am Tag verbringe er vor der Konsole, ansonsten habe er Kopfschmerzen. Aber in diesen drei Stunden heißt es dann auch: volle Konzentration, keine Ablenkung. Vor dem dritten FUT-Qualifier im März, den er ziemlich beeindruckend gewann, sei er spazieren gegangen. Das werde er heute auch tun.

  • Die virtuelle Liga
    Die Virtual Bundesliga (VBL) wurde 2012 von der Deutschen Fußball Liga (DFL) als Einzelspieler-Wettbewerb ins Leben gerufen und 2018 mit der Gründung der VBL Club Championship erweitert, in der Clubs der Bundesliga und 2. Bundesliga im Videospiel Fifa gegeneinander antreten, um den deutschen Clubmeister im eFootball auszuspielen.
  • Die genauen Ansetzungen für das Finale am 27. und 28. März sowie die dann endgültigen Clubkader stehen noch nicht fest.
  • Gezeigt werden die Spiele unter anderem auf den Kanälen der qualifizierten Teams – bei St. Pauli auf dem Twitch-Kanal des Teams unter twitch.tv/fcsp.

Seine Eltern seien stolz und voller Anerkennung

Seine Eltern haben seinen Schritt im vergangenen Sommer nicht sofort bejubelt. „Die waren eher skeptisch“, erzählt Cankal. „Deshalb habe ich ihnen gesagt. Hört zu, wir schauen ein Jahr lang, wie es läuft, und wenn es nicht läuft, dann überlege ich neu.“ Und nun? Kommen die Erfolge Schlag auf Schlag.

Seine Eltern seien stolz und voller Anerkennung. Die man im Übrigen auch hören kann. „Den dritten FUT Champions Cup habe ich in meinem Zimmer gespielt, und bei jedem Tor, das ich geschossen habe, konnte ich das Geschrei meiner Eltern und meiner Schwester aus dem Wohnzimmer hören.“ Am Ende gewann er das gesamte Turnier – und ein beachtliches Preisgeld.

Aber das, was wirklich zählt, waren die Jubelschreie von nebenan, sagt Cankal. „Die haben sich so gefreut.“

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