Weihnachten 2020

Boris Herrmann: Heiligabend auf der anderen Seite der Welt

Lesedauer: 8 Minuten
Weltumsegler Boris Herrmann verbringt den Heiligen Abend während der Vendée Globe alleine.

Weltumsegler Boris Herrmann verbringt den Heiligen Abend während der Vendée Globe alleine.

Nicht nur der Weltumsegler erlebt in diesem Jahr ein ganz anderes Weihnachtsfest - vier Sportler erzählen.

Hamburg. Rund um die Feiertage dürfen viele Sportler normalerweise entspannen, zu ihren Lieben reisen. Doch auch für sie fällt Weihnachten 2020 ganz anders aus. Segler Boris Herrmann, Hockey-Nationalspielerin Janne Müller-Wieland, St. Paulis Profi Sebastian Ohlsson und Jordan Swing erzählen ihre ganz eigene Geschichte.

Herrmanns Weihnachten im Südpazifik

Sein Heiligabend geht schon zu Ende, wenn er in Deutschland beginnt: Solo-Weltumsegler Boris Herrmann feiert Weihnachten im Südpazifik – allein auf weiter See. Nahe des 55. Breitengrades Süd kämpft der 39-Jährige auf seiner Rennyacht „Seaexplorer – Yacht Club de Monaco“ in hartnäckiger Flaute um seinen starken vierten Platz in der laufenden neunten Auflage der Vendée Globe. Herrmanns Navigationszentrale unter Deck – der einzige Lebensraum, den er seit 46 Tagen hat – ist romantisch geschmückt: An einer Lichterkette erinnern mit Wäscheklammern festgesteckte Familienfotos an den Hamburger Heimathafen, Ehefrau Birte, die sechs Monate alte Tochter Marie-Louise und Familienhund Lilli.

Auf dem Bordrechner mit seinem bunten Display sorgt ein Teelicht für warmen Kerzenschein. Wenn zu Hause Frau und Kind bei den Eltern in Kiel an diesem Heiligabend aufwachen, genießt Boris Herrmann im Südpazifik vielleicht gerade sein Heiligabend-Menü. Dafür hat er sich den französischen Eintopf-Klassiker Cassoulet aus dem Proviant gewählt. Gegessen wird allerdings wie sonst auch: aus der Tüte. Mit heißem Wasser aufgegossen und angerührt wird die zuvor gefriergetrocknete Mahlzeit zu Herrmanns Festtagsschmaus.

„Grundsätzlich ist Heiligabend hier draußen für uns ein Segeltag wie jeder andere“, sagt Herrmann, „aber ich freue mich sehr über Sprachnachrichten und liebe Grüße von Familie und Freunden. Dann weiß ich, dass sie an mich denken und fühle mich weniger alleine.“ Unerwarteten Besuch hatte Herrmann schon am Dienstag, als zwei Tümmler neugierig um die 18 Meter lange Rennyacht herumschwammen: „Es waren die ersten großen Meeressäuger, die ich seit dem Start gesehen habe.“ Später trieb noch eine riesige Qualle vorbei. Die Stimmung tief unten im Südmeer beschrieb Herrmann als atmosphärisch: „Ich sehe bleierne goldene Farben auf der wabernden See. Es ist schön. Das Wasser ist wie ein glatter Spiegel, in dem sich der Mond als weißer Punkt zu sehen ist, während die Sonne im Dunst am Horizont versinkt.“ Rund 15.000 Kilometer entfernt vom Zuhause macht der Stille Ozean seinem Namen mit einem hartnäckigen Hochdruckgebiet aber auch für Herrmanns Geschmack zu viel Ehre. Die Heilige Nacht wird hier tatsächlich zur stillen Nacht. Das Führungstrio und seine von Herrmann angeführte Verfolgergruppe wird zum Fest von einer lästigen Flaute geprüft.

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Während Spitzenreiter Yannick Bestaven und möglicherweise auch Charlie Dalin und Thomas Ruyant der Antizyklone entkommen könnten, haben die Jäger zu Weihnachten Sorgen, in Flautenlöchern hängenzubleiben. „Mein Schreckensszenario ist, dass ich hier einparke und die anderen vorbeifahren.“ Birte Herrmann ließ es sich nicht nehmen, im Abendblatt ihrem Mann spezielle Weihnachtsgrüße zu schicken: „Ich wünsche Boris sein eigenes fröhliches Weihnachtsfest. Ich hoffe, dass er am Weihnachtstag durch viele Grüße besonders spürt, wie sehr wir alle ‚mit ihm‘ segeln und gefühlt bei ihm sind. Wir sind ihm emotional nah, auch wenn uns viele Seemeilen trennen.“ Die Distanz wird bis zum Wiedersehen zwischen Mitte und Ende Januar ab Kap Hoorn schnell schmelzen. Die legendäre Landmarke wird die Flotte erst 2021 passieren. Boris Herrmann kann den letzten Meilenstein seines Abenteuers vor dem Schlusssprint kaum erwarten: „Das wird das größte Fest meiner Reise!“

Das Warten auf das Christkind

Die Frage, ob es das Christkind gibt, hat in der Familie Müller-Wieland in diesem Jahr eine besondere Bedeutung. Schließlich ist Roda (30), das jüngste von drei Geschwistern, schwanger, erwartet ihr erstes Kind. Stichtag für die Geburt ist der 25. Dezember. „Aber wir hoffen alle, dass es entweder ein paar Tage früher oder etwas später passiert, damit Roda nicht Weihnachten im Krankenhaus verbringen muss“, sagt Janne Müller-Wieland. Die Spielführerin der Hockey-Nationalmannschaft, die im Sommer 2019 als vierte Deutsche die Schallmauer von 300 Länderspielen durchbrach, wird zum ersten Mal Tante.

Heiligabend ist für die Schwestern, die viele Jahre gemeinsam für den Uhlenhorster HC in der Bundesliga spielten, und ihren Bruder Johannes (36) seit jeher der wichtigste Familientag des Jahres, der traditionell in Sasel verbracht wird, wo die Eltern Anja und Horst, der Präsident im UHC ist, leben. Die 34-Jährige pendelt angesichts ihrer Beziehung mit der früheren britischen Nationalspielerin Sarah Thomas seit vielen Monaten zwischen Hamburg und London.

Die Weihnachtstage verbringt das Paar allerdings getrennt. „In Großbritannien wird ja erst am Morgen des 25. Dezember gefeiert, das kriegen wir irgendwie nicht unter einen Hut“, sagt sie. Bis zum 4. Januar will Janne Müller-Wieland, die freiberuflich als Gründerin und Beraterin internetbasierter Start-up-Unternehmen wie Unthink und seit Oktober als „Technology in Sports Ambassador“ für Intel arbeitet, in Hamburg bleiben und hier mit den Olympiakandidatinnen für Tokio 2021 trainieren; sogar noch am Morgen des 24. Dezember ist eine Konditionseinheit geplant. Dass das übliche Weihnachtsprogramm – so viele Freundinnen und Bekannte wie möglich abklappern – in diesem Jahr ausfällt oder maximal virtuell abgehandelt werden kann, stört sie wenig. „Das Olympiajahr ist so vollgepackt mit Terminen, da bin ich froh, dass ich über den Jahreswechsel mal runterfahren kann“, sagt sie.

Schwedische Weihnacht in Hamburg

Den Profis des FC St. Pauli ist dringend angeraten worden, in Hamburg zu bleiben. Vor allem Reisen ins Ausland absolut sind tabu. Das trifft auch Außenverteidiger Sebastian Ohlsson. „Ich bleibe über die Feiertage in Hamburg, das geht in diesem seltsamen Jahr leider nicht anders. Es wird ein sehr anderes Fest werden als normalerweise“, sagt der 27 Jahre alte Schwede. Ein bisschen Heimat aber werden sich seine Freundin Emma, die im Februar ihr erstes Kind erwartet, und er aber doch bewahren.

„Wir werden gemeinsam das Beste daraus machen und schwedisches Essen kochen. Aber meine Familie und Freunde werden mir natürlich fehlen“, sagt der aus Göteborg stammende Ohlsson. Gerade einmal vier trainingsfreie Tage hat Cheftrainer Timo Schultz seinen Spielern gewährt, schon am 26. Dezember erwartet er sie wieder auf dem Rasen im Leistungszentrum an der Kollaustraße.

Swings Sehnsucht nach dem Truthahn

Es hätte alles so schön sein können. Eigentlich wollte der US-Amerikaner Jordan Swing mit seinen Eltern über die Weihnachtsmärkte in Hamburg bummeln. Doch die Corona-Pandemie hat den Plänen des Forwards der Towers einen Strich durch die Rechnung gemacht. „In diesem Jahr wird es wegen Corona mehr ein digitales Fest werden“, sagt der 29-Jährige, der mit seiner Frau Carlee in Hamburg feiern wird. Mit seinen Eltern sowie den Geschwistern wird sich Swing per Video zusammenschalten.

Das amerikanische Weihnacht am 25. Dezember verbringt Swing mit Teamkollegen in Wilhelmsburg. Trainer Pedro Calles (37) hat dem Team nur für den 24. Dezember frei gegeben. Swing klingt ein wenig wehmütig, wenn er an die pompösen Weihnachtsfeste in den USA denkt. Im Hause Swing wird nämlich vor allem kulinarisch richtig aufgetischt. „Bei uns gab es alles. Von Truthahn bis hin zu Makkaroni mit Käse. Meine Mutter hat sich immer wieder selbst übertroffen“, schwärmt Swing.