Trotz Corona

Alpiner Skiweltcup startet: Wintersport auf dünnem Eis

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Thomas Häberlein und Manuel Schwarz
Stefan Luitz (28/Bolsterlang) führt das siebenköpfige deutsche Riesenslalomaufgebot in Sölden an

Stefan Luitz (28/Bolsterlang) führt das siebenköpfige deutsche Riesenslalomaufgebot in Sölden an

Foto: Stephan Jansen / dpa

Im österreichischen Sölden startet der Alpine Skiweltcup an diesem Wochenende. Coronavirus wird für Verbände zur Existenzfrage.

München/Sölden.  Die Reise ins Ungewisse beginnt zumindest an einem bekannten Ort. Das österreichische Sölden ist wie in jedem Jahr Schauplatz der ersten Weltcuprennen der alpinen Skisaison – und doch wird an diesem Wochenende alles anders sein. Im vielleicht doch nicht mehr so ewigen Eis des Tiroler Rettenbachgletschers findet ein Lackmustest statt: In Zeiten von Corona und drohender Absagen steht nicht weniger als die Zukunft des gesamten Wintersports auf dem Spiel.

Strenge Hygieneregeln, abgeschirmte Teilnehmerbereiche, keine Zuschauer, viele Tests und eindringliche Appelle an die Beteiligten: Mit umfangreichen Anti-Corona-Plänen sollen der Pandemie-Winter und der Saisonhöhepunkt bei der WM im Februar im italienischen Cortina d’Ampezzo gerettet werden. „Wir haben eine Mission: Wir müssen Rennen fahren. Heuer geht es ums Überleben“, verkündete FIS-Rennchef Markus Waldner. Um die Sponsoren-, Werbe- und TV-Einnahmen zu sichern, wurde fast alles dem Infektionsschutz untergeordnet.

Doch wie dünn das Eis ist, auf dem sich der Tross bewegen will, zeigte sich vor den ersten Riesenslalomrennen Sonnabend (Frauen) und Sonntag (Männer/jeweils 12.45 Uhr/ZDF) in Sölden. Am Freitag teilte die Alpinmannschaft der Schweden mit: Einer unserer Trainer ist positiv getestet worden. Für den Mann wurde vor Ort sofort eine Quarantäne angeordnet. Zwei weitere Nationen hatten ebenfalls positive Testergebnisse.

„Die Fokussierung muss darauf liegen, dass überhaupt etwas stattfinden kann."

Derzeit geht es weniger um Siege, Punkte und Kristallkugeln. „Die Fokussierung muss darauf liegen, dass überhaupt etwas stattfinden kann. Wenn wir nicht präsent sind, gehen 80 Prozent der Verbände pleite. Dann ist der Wintersport tot“, sagt Wolfgang Maier, Alpinchef des Deutschen Skiverbandes (DSV). Daher seien internationale wie nationale Verbände erst mal geradezu „davon getrieben, dass etwas stattfinden kann“. Der Beginn der Pandemie hatte die Wintersportler im März noch mehrheitlich um ihre Saisonfinals gebracht.

Für den DSV heißt die Rechnung: Finden gar keine Weltcupwettbewerbe statt, fehlen dem Verband 93 Prozent seiner Einnahmen. Nur sieben Prozent des Etats in Höhe von fast 37 Millionen Euro sind durch öffentliche Gelder gedeckt. Für den DSV ist es daher überlebenswichtig, dass seine zehn Weltcups bei den Alpinen und Nordischen Sportarten stattfinden.

Sölden ist der erste Ort, der die Corona-Richtlinien des Internationalen Skiverbandes (FIS) ebenso umsetzen muss wie gleichzeitig die Vorgaben lokaler, regionaler und nationaler Behörden. „Es wird ein Testlauf werden“, sagt Maier. Er erwartet eine Antwort auf die Frage, „ob und wie wir danach in eine Weltcupsaison starten können“. So richtig los geht es dann im Dezember. Logistisch ist es eine Mammutaufgabe. Das gilt allein schon für die verpflichtenden Corona-Tests, die nicht älter als 72 Stunden sein dürfen. Sportler und Betreuer reisen permanent umher, passieren Ländergrenzen. Der DSV rechnet mit Testkosten in Höhe von 1,2 Millionen Euro.

Rennkalender wurde verändert

Die FIS hat die Rennkalender verändert. Die Rennen in Sölden wurden um eine Woche vorverlegt, um dem touristischen Skilauf aus dem Weg zu gehen. Die Nordamerika-Events wurden gestrichen, Frauen und Männer sowie Speed- und Technik-Wettbewerbe sollen weitgehend getrennt voneinander bleiben. Die Idee ist, dass es möglichst wenig Überschneidungen bei den Sportlern gibt, um das Infektionsrisiko zu minimieren. „Für die Athleten, die um Disziplin- und Gesamtwertungen mitfahren, wird das oberste Gebot sein, gesund zu bleiben“, sagt Viktoria Rebensburg, „denn mit einem positiven Test droht man zwei Wochen auszufallen und kann in der Zeit keine Punkte einfahren.“

Die 31 Jahre alte Olympiasiegerin von 2010 ist als deutsche Frontfrau im Sommer vom aktiven Skirennsport zurückgetreten. Ab sofort seien andere gefordert, sagt Rebensburg. Für Felix Neureuther, der 2018 zurückgetreten ist, hinterlässt „die Vicky sehr große Fußstapfen, da wird in der nächsten Zeit sicher keine reintreten“. Bei den Männer ruhen die Slalomhoffnungen auf Stefan Luitz (28/Bolsterlang), Weltspitze ist allein Thomas Dreßen (26/Mittenwald).

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