Rasensport

Willkommen bei den Krocketfreaks in Quickborn

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Krocket ist ein ideales Spiel für ältere Menschen. Hier bereiten sich Peter Ockelmann,  Angelica Reith und Jürgen Jencquel (v. l.) auf das Turnier am Wochenende vor.

Krocket ist ein ideales Spiel für ältere Menschen. Hier bereiten sich Peter Ockelmann, Angelica Reith und Jürgen Jencquel (v. l.) auf das Turnier am Wochenende vor.

Foto: Marcelo Hernandez

An diesem Freitag beginnt die deutsche Meisterschaft in einer Sportart, die selbst im anglophilen Norden ein Randdasein fristet.

Hamburg. Die rote Kugel liegt ideal. Mittig, etwa zweieinhalb Meter vom Tor entfernt. Da jetzt durchzuspielen, das wäre ein Leichtes. Dumm nur, dass nun erst einmal der Gegner mit seiner schwarzen Kugel dran ist. Konzentration, der „Mallet“ genannte Schläger pendelt zwischen den Beinen, dann ein „klock“ und dann ein „klack“.

Rot ist entfernt, einfach weggeschossen, Schwarz liegt nun besser. „Richtiges Krocket hat mit dem Kinder- und Gartenspiel aus dem Spielzeugladen nicht viel zu tun“, sagt Jörn Vinnen (53), der Präsident und Gründer des Deutschen Krocket Bundes (DKB), „es ist ein sehr taktisches und technisch anspruchsvolles Spiel.“

Quickborn hat seit vier Jahren einen Kricketclub

Hinter dem backsteinernen Herrenhaus eines großen Resthofes im Quickborner Ortsteil Renzel hat der Croquet Club Hamburg (CCH) seit vier Jahren seine zwei Plätze. Reines Glück, die Inhaber des Anwesens haben ihr Herz für das Spiel entdeckt und zudem reichlich Raum. Englischer Rasen, Landluft, eine Pferdeweide gleich nebenan.

Holzstühle am Spielfeldrand, die Clubhausterrasse umrahmt von blühenden Stockrosen, die von den Bienen aus den drei Stöcken des Hofes umschwärmt werden. Die Spieler tragen Weiß und Hut – und man wundert sich, dass sie in dieser britischen Land­atmosphäre wie aus dem Bilderbuch tatsächlich Deutsch sprechen.

Genau hier wird an diesem Wochenende von Freitag bis Sonntag die deutsche Meisterschaft ausgetragen. Probleme mit einem zu großen Zuschauerzuspruch wie beim Fußball oder Marathon erwarten die Krocketspieler natürlich nicht. „Wir sind halt eine extreme Randsportart“, sagt der Hamburger Rechtsanwalt Vinnen, der auch einer der Favoriten auf den Meistertitel ist.

Etwa 150 organisierte Spieler gibt es in sieben Vereinen in Deutschland, rund 30 in Hamburg beim CCH und der TG Heimfeld. Das ist ein sehr exklusiver Kreis, der aber keinesfalls elitär sein will. „Du musst als Randsportart irgendwie im Fernsehen wahrgenommen werden, so wie Curling oder Snooker“, sagt Vinnen, „sonst ist es schwierig zu wachsen.“

Engländer haben eine andere Beziehung zu Sport auf dem Rasen

Geld für große Werbeaktionen hat der Verband selbstverständlich nicht. Ab und an organisieren sie Firmenevents, „das kommt immer gut an.“ Aber es ist schon schwierig, einen Schläger zu bekommen oder die Tore. „Letztlich sind wir alle Freaks, die Schläger werden oft selbst gebaut“, sagt Vinnen. Oder man importiert einen aus Neuseeland, Australien oder England, wo „Croquet“ dann doch einen anderen Stellenwert hat.

„Die Engländer haben eine ganz andere Beziehung zu Sport auf dem Rasen, sie haben eine Rasenkultur“, meint Vinnen. Bei einer Reise nach England lernte der Hamburger das „richtige“ Krocket 1997 kennen und war fortan fasziniert. Weil es keinen deutschen Verband gab, gründete er einen. Bowls, Cricket, Tennis, Krocket – alles Rasensportarten, die auf der Insel auch auf öffentlichen Plätzen im Park gespielt werden.

Der berühmte Tennisclub im Wimbledon heißt nicht ohne Grund All England Lawn Tennis and Croquet Club. Die Reise zum Spielvergleich auf dem „Heiligen Rasen“ vor zwei Jahren war einer der Höhepunkte im Clubleben des CCH.

Zwei oder vier Spieler treten mit vier Kugeln zu einem Match gegeneinander an. Immer Schwarz und Blau gegen Gelb und Rot. Jeder spielt beim diesem schnellen „Golf-Krocket“ nur „seine“ Bälle. Die Schlagreihenfolge ist festgelegt, es geht darum, einen Parcours mit sechs Toren zu durchqueren, jedes Tor wird nur einmal durchspielt und bringt einen Punkt.

So eine Partie auf dem zwei Tennisfelder großen Spielfeld kann dennoch mehrere Stunden dauern. „Man braucht eine gute Strategie und muss die Konzentration hochhalten, das ist die Herausforderung“, sagt Peter Ockelmann, der erste deutsche, international tätige Referee für Golf-Krocket, „gleichzeitig ist es ein ideales Spiel für ältere Menschen“.

Erfahrung und Technik sind gefordert

Kraftausdauer und Schnelligkeit sind eben nicht mehr so gefordert, dafür Erfahrung und Technik. Ockelmann ist 81 Jahre alt und kann immer noch mit deutlich Jüngeren mithalten. Er ist zum Krocket gekommen, weil der Rücken vor Jahren das Tennisspiel unmöglich gemacht hat. Als Coach bringt er Neuanfängern die ersten Grundtechniken bei, „man muss das Gras lesen können“. Denn auch die ebenste Fläche hat eben doch kleinste Huppelchen oder Gefälle, die den Lauf der Kugel beeinflussen können.

So wie jetzt gerade: Die gelbe Kugel versucht Ockelmann durch das Tor zu treiben, aus etwa fünf Metern. Das ist keine so leichte Aufgabe. Der Durchmesser des Balles beträgt 9,1 Zentimeter, die Törchen sind aber nur 9,6 Zentimeter breit. Im letzten Moment biegt der gelbe Ball aus irgendeinem Grund ganz leicht nach rechts, „Pfosten“. Und eine ganz neue Spielsituation.

Peter Ockelmann spielt oft mit seiner Frau Antje zusammen. Eine Trennung nach Geschlechtern oder Altersklassen gibt es nicht. „Außer in Ägypten“, sagt Jörn Vinnen, „die Männer dort wollen nicht gegen die Frauen verlieren.“ Vielleicht.

Aber hier in Quickborn-Renzel, in Hamburg und bei der deutschen Meisterschaft ist das anders. Die bunten Kugeln, weiß gekleidete Sportler, grüner Rasen und hoffentlich blauer Himmel, das alles verspricht, ein gutes Wochenende zu werden. „Am Ende geht es darum, eine schöne Zeit und viel Spaß miteinander zu haben“, sagt Jörn Vinnen – und genau das macht Sport aus.