Profiboxen

Thomas Pütz: „Aids war gefährlicher als Corona“

Lesedauer: 7 Minuten
Björn Jensen
Thomas Pütz (54), Chef der in Kaltenkirchen ansässigen Pütz Security AG, ist seit April 2010 Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer.

Thomas Pütz (54), Chef der in Kaltenkirchen ansässigen Pütz Security AG, ist seit April 2010 Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer.

Foto: picture alliance

Der Chef des Bundes Deutscher Berufsboxer spricht im Abendblatt über Chancen und Risiken der Rückkehr in den Ring.

Hamburg.  Während das deutsche Profiboxen an diesem Mittwoch in der Vergangenheit schwelgt, weil die 2007 zurückgetretene Regina Halmich (43) vor genau 25 Jahren für den Hamburger Universum-Stall erstmals Fliegengewichtsweltmeisterin wurde, geht es am Freitag (19.30 Uhr/Livestream bei bild.de) um die Zukunft des professionellen Faustkampfs. In den Berliner Havelstudios findet, organisiert vom Berliner Agon-Stall, der europaweit erste Kampfabend nach Ausbruch der Corona-Pandemie statt. Thomas Pütz (54), in Kaltenkirchen nördlich von Hamburg ansässiger Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB), erläutert, was die Rückkehr bedeutet und welche Chancen die Krise bieten kann.

Hamburger Abendblatt: Herr Pütz, was bedeutet es für den BDB, dass Deutschland in Europa das Profiboxen nach Corona wieder in den Ring bringt?

Thomas Pütz: Ich halte das für ein sehr wichtiges Zeichen zum richtigen Zeitpunkt. Wir haben sehr interessiert auf den Fußball geschaut, weil die Bundesliga ebenfalls eine Blaupause für Europa liefert. Hätte das nicht funktioniert, hätten wir niemals die Genehmigung für das Boxen bekommen. Nun haben wir am Freitag die Chance, einen Probelauf zu starten, wie unserem Sport die Rückkehr in den normalen Betrieb gelingen kann. Darauf sind wir alle sehr gespannt und nehmen die Verantwortung sehr ernst.

Nur 50 Personen haben Zutritt zur Halle, Zuschauer sind nicht zugelassen, die Kämpfer stehen im Hotel unter Quarantäne, es gibt regelmäßige Corona-Tests bei allen am Kampfabend Beteiligten. Ist das die neue Normalität?

Pütz: Natürlich hoffe ich das nicht. Boxen ohne Zuschauer ist für mich sehr schwer vorstellbar, wie in allen anderen Sportarten auch. Aber in der Übergangsphase muss man diese Kompromisse eingehen, um überhaupt wieder Kämpfe veranstalten zu können. Und ich glaube, dass alle sich dieser Verantwortung bewusst sind. Wenn wir am Freitag den Test bestehen, kann das für viele Promoter die Rückkehr erleichtern.

Boxen ist, wie jeder Kampfsport, nicht mit Abstand möglich. Sparring ist erst seit einigen Wochen erlaubt, und auch nur eingeschränkt, da nur mit Teamkollegen möglich. Ist es nicht riskant, jetzt schon wieder Kämpfe zuzulassen?

Pütz: Was ich gehört habe von den Verantwortlichen, sind die Boxer ausreichend vorbereitet. Natürlich ist der Trainingsbetrieb nur eingeschränkt möglich. Aber die Boxer müssen Geld verdienen. Ich habe während der vergangenen Monate viele Telefonate geführt mit Sportlern und Veranstaltern, die wissen wollten, wann und wie es endlich weitergeht. Diese Menschen, deren Beruf das Boxen ist, brauchen eine Perspektive. Deshalb halte ich die Rückkehr nicht nur für vertretbar, sondern für notwendig.

Viele Boxsportler fürchten eine Ansteckung mit Corona kaum, weil in einem Boxkampf jeder harte Treffer das Risiko einer lebensgefährlichen Verletzung birgt. Teilen Sie diese Ansicht?

Pütz: Das deckt sich mit dem, was ich aus vielen Gesprächen gehört habe. Und ja, ich teile diese Ansicht. Gesunde, junge Leistungssportler zählen nicht zur Risikogruppe, was nicht bedeutet, dass sie die Ansteckungsgefahr auch mit Blick auf die wirklich gefährdeten Menschen nicht minimieren wollen. Aber wenn ich daran denke, dass während der Phase, in der Aids aufkam, weiter geboxt wurde, obwohl diese Krankheit damals ein Todesurteil darstellte und die Ansteckungsgefahr wegen des Kontakts mit Blut gerade im Boxen sehr hoch war, dann halte ich die Gefahr, die Corona darstellt, für vergleichsweise gering.

Bürgermeister und Senat über den Corona-Stand in Hamburg:

Bürgermeister und Senat über den Corona-Stand in Hamburg

Der Deutsche Olympische Sportbund, dem der BDB nicht angehört, fürchtet, dass viele Fachverbände durch die Krise in finanzielle Schieflage geraten. Wie ist der BDB durch die Krise gekommen?

Pütz: Natürlich ist auch unser Geschäft von 100 auf null abgestürzt, denn wenn es keine Veranstaltungen gibt, verdienen wir auch nichts. Wir hatten aber finanziell zum Glück ein kleines Polster und zudem auch die Hilfe von Sponsoren. Deshalb sind wir erstaunlich gut durch die Krise gekommen. Wir versuchen als Verband nun, in Notlage geratene Promoter oder Boxer zu unterstützen, indem wir auf ausstehende Forderungen verzichten oder dabei mithelfen, Konzepte zu erarbeiten.

Die Corona-Tests bezahlen aber die Veranstalter selbst, nicht der Dachverband, wie es im Fußball passiert.

Pütz: Das stimmt, dafür sind die Veranstalter zuständig. Das ist Teil des jeweiligen Hygienekonzepts, das ja von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ist. Ich bin wirklich begeistert, wie kreativ die Promoter an die Herausforderung herangehen. Ulf Steinforth zum Beispiel, der Ende März eine Veranstaltung in Kooperation mit der ARD hätte machen wollen, arbeitet sehr hart an der Rückkehr. Aber auch viele andere suchen nach Lösungen, wie zum Beispiel Freiluftkämpfe oder ein Kampfabend im Autokino. Sie schließen sich mit anderen zusammen, und das ist für mich das beste Zeichen in dieser Krise: dass die Promoter langsam verstehen, dass es nur gemeinsam geht.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

In den vergangenen Monaten hatte man das Gefühl, das Boxen in Deutschland sei dabei, sich aus der Talsohle herauszukämpfen. Welche Chancen sehen Sie also für die Zeit nach Corona?

Pütz: Ich denke, dass ein Selbstheilungsprozess angeregt werden könnte. Die nationale Szene gewinnt an Bedeutung, was kein Nachteil sein muss. Auf Verbandsseite glaube ich, dass viele Reisen zu irgendwelchen Kongressen hinterfragt werden. Der Weltverband WBA zum Beispiel wird seinen nächsten Kongress online abhalten. Diese Krise regt uns alle dazu an, unser bisheriges Verhalten zu überprüfen, und das kann nur positiv sein. Ich glaube zudem, dass das Interesse am Sport generell und am Boxen im Speziellen wachsen wird, weil die Menschen spüren, wie sehr ihnen Live-Sport gefehlt hat. Boxen ist medial weiterhin hochinteressant, weil man mit verhältnismäßig wenig finanziellem Einsatz viel Aufmerksamkeit erhalten kann. Jetzt müssen wir alle gemeinsam daran arbeiten, die Qualität unseres Angebots weiter zu erhöhen. Das Potenzial dafür ist definitiv da.