Alltagsdoping

Sport: Wie gefährlich ist das Alltagsdoping Schmerztablette?

Lesedauer: 10 Minuten
Opioide sollen eigentlich bei der Krebsbekämpfung helfen.

Opioide sollen eigentlich bei der Krebsbekämpfung helfen.

Foto: Getty Images

ARD-Recherche: Mittel wie Ibuprofen sind im Fußball alltäglich. DFB-Präsident geschockt. So gefährlich sind die Nebenwirkungen.

Hamburg. Freitagabend, Flutlicht, ein Bezirksligaderby in Mönchengladbach. Der Rheydter Spielverein empfängt an diesem Tag Ende November 2019 den SV Lürrip. Die Gastgeber sind vorbereitet. „Wir nehmen generell vor Spielen Schmerzmittel, mehr oder weniger die ganze Mannschaft“, berichtet Kapitän Silvio Cancian (25) im Trainerzimmer. Der Mittelfeldspieler sagt, er habe schon lange nicht mehr ohne Pillen gespielt. „Ich glaube, es ist so ein bisschen Kopfsache. Man fühlt sich dann sicherer, wenn man Ibuprofen drin hat, als wenn man jetzt keine drin hat.“

Schmerzmittelmissbrauch im Fußball, bei Amateuren und in Profiteams: Reporter des Recherchezentrums Correctiv und der ARD-Dopingredaktion sind dem Thema über Monate nachgegangen. Bei den Profis berichtet etwa der langjährige Dortmunder Verteidiger Neven Subotic über seine Erfahrungen aus der Kabine. „Was ich in 14 Jahren mitbekommen habe: Ibuprofen wird wie Smarties verteilt“, sagt Subotic, der heute für Union Berlin spielt. „Für jedes kleine Aua gibt es quasi pauschal Ibuprofen.“

„In Holland kriegt man Ibu nachgeschmissen“

Subotic (31), zweimal deutscher Meister mit Borussia Dortmund, sagt auch, die Spieler würden über mögliche Folgen in der Regel nicht informiert. „Es heißt dann immer: Wenn du spielen willst, kannst du das nehmen, dann fühlst du dich gut, und dann spielst du.“ Er selbst halte sich, so gut es gehe, fern von den Mitteln.

Wie Smarties futtern auch die Amateurkicker des Rheydter SV Schmerzmittel. „Die Tabletten holen wir meistens in Holland, da kriegt man Ibu ja nachgeschmissen“, sagt Trainer René Schnitzler. Schnitzler (35) spielte früher beim FC St. Pauli in der Zweiten Bundesliga. Seit sechs Jahren trainiert er den Rheydter SV. Schnitzlers Co-Trainer Ferdi Berberoglu hat beobachtet, was die Pillen mit den Spielern machen: „Die Spieler werden durch die Schmerzmittel lockerer. Damit die diesen Druck loswerden.“ Der Konsum zieht sich offenbar durch den ganzen Rheydter Kader. Gerade auch die 18-, 19-, 20-Jährigen würden „wegen jedem Kinkerlitzchen irgendeine Tablette nehmen“, sagt Rheydt-Trainer Schnitzler. „Das ist im Amateurbereich meiner Meinung nach sogar noch viel, viel mehr geworden.“

Belastbarkeit erhöhen und Sicherheit gewinnen

Wie viel mehr? Wie weit verbreitet ist es bei den Millionen deutschen Freizeitkickern, mit Schmerztabletten kurz vor Anpfiff zum Beispiel die Nervosität zu senken? Correctiv und die ARD-Dopingredaktion haben dazu eine deutschlandweite Befragung unter Amateurfußballern aufgesetzt. 1142 Spielerinnen und Spieler beteiligten sich daran. Das Ergebnis der nicht repräsentativen Onlineerhebung: Etwa die Hälfte der Teilnehmer nimmt mehrmals pro Saison Schmerzmittel, 21 Prozent sogar einmal pro Monat oder öfter. Als Grund gaben sie längst nicht nur die Bekämpfung von akuten Schmerzen an.

Fast 42 Prozent der Teilnehmer wollen mit den Pillen Einfluss auf ihre Leistung nehmen. Konkret wollen sie die Belastbarkeit erhöhen. Sie wollen Sicherheit gewinnen und den Kopf frei haben. Einige erklärten in der Befragung ganz direkt, ihre Leistung steigern zu wollen. Für den Kölner Dopingforscher Hans Geyer sind Schmerzmittel im Sport Doping. Auch im übrigen Breitensport sind sie weit verbreitet, etwa bei einem Marathonlauf, einem Triathlon oder einem Ironman, überhaupt bei Belastungen, selbst bei Hobby-Golferinnen und im Seniorensport. Der Hoffenheimer Mannschaftsarzt Thomas Frölich sagt mit Blick auf Schmerzmittelkonsum im Sport, Doping sei „so definiert, dass jede Leistungssteigerung auf unnatürliche Weise, also abseits des Trainings oder der Ernährung, als Doping gilt“. Auf der Liste der Welt-Antidoping-Agentur stehen die Tabletten aber nicht.

Mittel können Magen, Herz und Nieren schaden

Mit den Nebenwirkungen der Pillen setzt sich nur jeder dritte Teilnehmer der Befragung auseinander. Dabei können die Mittel bei übermäßigem Konsum gefährlich sein. Sie können Magen, Herz und Nieren schaden. Einige Amateurspieler schilderten, was sie erlebten. Von „Abhängigkeit“ und „ständigem Verlangen“ schrieben sie, von „Blut im Stuhl“ und „chronischen Entzündungen“, von „Darmbluten“ und „hohem Blutverlust bei offenen Wunden“.

Von „Leberwerten, die durch die Decke gehen“ berichtete bei der Befragung Felix Lenneper, ein 29 Jahre alter Amateurspieler aus dem Sauerland. Lenneper zählt an seinem rechten Bein und Fuß heute 15 Verletzungen – Bänderrisse, Brüche, Knorpelschäden. So weit wäre es ohne Schmerzmittel, die den Körper über jede Grenze der Vernunft einsatzfähig machen, nicht gekommen.

Lennepers Körper sendete Hilferufe, jahrelang. Er ignorierte sie. Auf Verletzungen antwortete er mit weiteren Schmerzmitteln, steigerte die Dosierung. Und begann irgendwann, regelmäßig das synthetische Opioid Tilidin zu nehmen. Lenneper startete mit 17 – und mit Ibuprofen 400. Sein Knie schmerzte, die 400er-Pillen halfen bald nicht mehr. Er erhöhte auf Ibuprofen 800. Die Ta­bletten, nur mit Rezept zu bekommen, gingen kurz vor Anpfiff in der Kabine herum. Doch die Schmerzen im Kniegelenk ließen sich nicht dauerhaft ausschalten. Lenneper erzählt von Wasserablagerungen im Knie, wenige Stunden nach mehreren Spielen. „Am Montag konnte ich mein Bein nicht mehr durchdrücken.“ Er verdoppelte die Dosis erneut, zwei Ibuprofen 800 mehrmals pro Woche, 1600 Milligramm. Ärzte empfehlen als maximale Menge pro Tag 1200 Milligramm. Seine Leber reagierte. Er habe sich gefühlt „wie ein Schwamm, der komplett ausgetrocknet ist“, sagt Lenneper im Rückblick. „Um 17 Uhr konnte ich sofort einschlafen.“ In der Berufsschule habe er sich kaum mehr konzentrieren können. Die Noten wurden schlechter.

Extrem hohe Leberwerte

Wegen einer langwierigen Grippe wurde sein Blut untersucht. Dadurch erfuhr er, dass seine Leberwerte zehnmal so hoch wie normal waren. Sein Hausarzt stellte Fragen. Eine war, ob Lenneper beim Fußball regelmäßig Schmerzmittel nehme. Als Lenneper die Praxis verließ, war er entschlossen, den Konsum zu reduzieren. Das gelang ihm. Für einige Wochen. Per Sonderspielgenehmigung durfte er da bereits für das Seniorenteam auflaufen, spielte parallel weiter in der Jugendmannschaft, vier Tage die Woche Training, zwei Tage Spiel.

Bald folgte ein dreifacher Ermüdungsbruch am Wadenbein, der ihn für Wochen pausieren ließ. Lenneper wollte sich nun Zeit nehmen. Doch dann bot der Trainer ihm einen festen Platz im Kader der ersten Mannschaft an. Der Spieler schaffte es nicht abzusagen. Vor dem Anpfiff waren seine Schmerzen oft so stark, dass selbst eine hohe Dosierung Ibuprofen wirkungslos blieb. Ein Mitspieler wollte helfen, drückte ihm eine Tablette in die Hand, die Lenneper noch nicht kannte: Tilidin. „Nimm davon eine halbe“, riet der ihm. Dass Tilidin ein synthetisches Opioid ist, erfuhr Lenneper nach eigener Aussage nicht.

Schwache Opioide sind der nächste Behandlungsschritt

Wenn weit verbreitete Schmerzmedikamente wie Diclofenac oder Ibuprofen kaum mehr wirken, können schwache Opioide der nächste Behandlungsschritt sein. Das sagen Schmerztherapeuten und denken dabei an Krebspatienten oder frisch operierte Menschen. Lenneper nahm mit 19 Jahren über einen Zeitraum von neun Monaten vor den Spielen regelmäßig eine halbe Tablette Tilidin. Auch zu Hause hatte er bald Tilidin zur Hand. „Ich verspürte ein Verlangen, das Medikament zu nehmen“, sagt er heute. Über zehn Tage nahm er es jeden Abend. „Die Art von Entspannung war ein gutes Gefühl.“

Im Frühjahr 2010 zerrte er sich die Adduktoren. Er wollte trotzdem spielen. Diesmal halbierte er nicht, nahm die kompletten 50 Milligramm Tilidin. Die Reaktion seines Körpers: „Meine Muskeln begannen zu zittern, ich hatte kalten Schweiß auf der Haut, Schwindel, alle Grippesymptome im Schnelldurchlauf.“ Er quälte sich auf den Platz, sackte aber in der sechsten Minute zusammen. Nach einer halben Stunde musste er sich erbrechen. Wenig später saß er im Krankenwagen. Es lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, wie ernst die Lage für Lenneper an diesem Tag war. In der Notfallambulanz sprechen sie von einem Kreislaufkollaps. Dass Lenneper Tilidin genommen hatte, behielt er im Krankenhaus allerdings für sich.

DFB-Präsident Fritz Keller zeigte sich „schockiert“

Insgesamt vier Jahre versuchte er noch, weiter Fußball zu spielen. Er zog sich in dieser Zeit etliche Verletzungen zu. 2015 musste der Amateurfußballspieler Felix Lenneper im Alter von 24 Jahren seine Laufbahn beenden.

Bei der Befragung von Correctiv und ARD-Dopingredaktion berichteten fünf Spieler, sie hätten Tilidin genommen, um weiter Fußball spielen zu können. Drei Spieler gaben Tramadol an, ein weiteres Opioid. Zweimal wurden die besonders wirkungsvollen Opioide Oxycodon und Desomorphin angegeben.

DFB-Präsident Fritz Keller zeigte sich „schockiert“, als ihm das Ergebnis der Befragung gezeigt wurde – und kündigte eine Reaktion an: „Da müssen wir an unsere Landesverbände gehen, über die Trainer eine Sensibilisierung hinkriegen.“ Der Sport im Amateurbereich sei „zur Gesunderhaltung gedacht, nicht dafür, dass man sich kaputtmacht“.

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation von Correctiv und der ARD-Dopingredaktion. Die Redaktionen haben über Monate zum Schmerzmittelmissbrauch im Amateur- und Profifußball recherchiert. Alle Ergebnisse finden Sie auf pillenkick.de, unter anderem mit einer ARD-Dokumentation, die am heutigen Dienstag um 22.45 Uhr ausgestrahlt wird, sowie eine interaktive Übersicht mit Hinweisen zu Ibuprofen, Aspirin und anderen Schmerzmitteln. Das unabhängige Recherche­zen­trum Correctiv arbeitet gemeinnützig und finanziert sich über Spenden.