Nach Großbrand

Mathilda Karlsson: "Das habe ich noch nicht verarbeitet"

Mathilda Karlsson (35) mit ihrem Olympiapferd Chopin im Hauptgebäude des Grönwohldhofes, das von den Flammen verschont blieb.

Mathilda Karlsson (35) mit ihrem Olympiapferd Chopin im Hauptgebäude des Grönwohldhofes, das von den Flammen verschont blieb.

Foto: Roland Magunia

Die Springreiterin spricht im Hamburger Abendblatt über den Brand auf dem Grönwohldhof, Corona und ihren Kampf um Olympia.

Hamburg. Zuerst wurde ihr im Fe­bruar die Olympiaqualifikation gestrichen, die sie als erste Springreiterin der Geschichte für ihr Geburtsland Sri Lanka geschafft hatte. Dann kam Corona. Und als in der Nacht zum 21. Mai auf dem Grönwohldhof 40 Kilometer östlich der Hamburger Innenstadt, wo Mathilda Karlsson als Chefbereiterin arbeitet, ein Großfeuer einen Millionenschaden verursachte, war klar: Die erste Jahreshälfte 2020 war für die 35 Jahre alte Schwedin ein Horror-Halbjahr. Im Abendblatt spricht sie über die Folgen der Rückschläge und Lehren für die Zukunft.

Hamburger Abendblatt: Frau Karlsson, wie häufig haben Sie in den vergangenen Wochen gedacht: Warum passiert mir gerade so viel Unglück?

Mathilda Karlsson: Gar nicht, weil ich mir nicht erlaube, negative Gedanken zuzulassen. Es ist wichtig, positiv zu bleiben, denn der Betrieb muss ja weitergehen. Der Brand war ein schreckliches Erlebnis, das man niemandem wünscht. Mein Leben ist aber trotz der Rückschläge, die sich wirklich wie Horror anfühlten, sehr privilegiert. Alle Menschen, die mir wichtig sind, sind gesund. Den Pferden geht es wieder gut. Alles andere lässt sich wieder aufbauen. Deshalb wäre es unfair zu denken, dass es mir schlechter geht als anderen Menschen.

Wo waren Sie, als das Feuer ausbrach?

Karlsson: In meinem Zuhause in Hamburg. Von 2.30 Uhr an klingelte mein Telefon ununterbrochen, also bin ich sofort zum Hof gefahren. Aber ich konnte dort nicht viel tun. Das Feuer ist in einem Nebengebäude ausgebrochen, das Stall- und Wohnbereiche beherbergte. Dort waren 16 Pferde drin, außerdem lagerten dort große Mengen an Stroh und Heu, was das Feuer angefacht hat. Es war Wahnsinn, was unsere Mitarbeiter geleistet haben, um die Tiere zu retten, bis das Gebäude einstürzte. Es war eine enorme Teamleistung.

Grönwohldhof in Flammen – Großbrand bei von Allwörden

Zwei Pferde starben in den Flammen. Wie geht es den übrigen 14, die mit in dem Stall waren? Sind die traumatisiert?

Karlsson: Ich glaube schon, dass so ein Schock an Tieren nicht spurlos vorübergeht. Die Mitarbeiter haben sie aus ihren Stallungen gescheucht, teils unter Einsatz ihres Lebens. Später mussten wir die Pferde im Umkreis mehrerer Kilometer wieder einfangen. Das hat fast einen Tag gedauert. Nun machen alle den Eindruck, dass es ihnen gut geht, und auch allen anderen Pferden. Wir haben ja rund 100 Tiere insgesamt auf der Anlage. Sie stehen alle unter tierärztlicher Aufsicht. Wir wollen alles tun, damit keine Schäden zurückbleiben.

Was ist bei Ihnen geblieben von dieser Nacht? Wie sehr belastet es Sie, dass die Brandursache noch nicht feststeht?

Karlsson: Wir verbieten uns den Gedanken, dass es Brandstiftung gewesen sein könnte. Wenn man anfängt, über so etwas nachzudenken, wird es unnötig schwierig. Aktuell ist jeden Tag jemand von der Spurensicherung vor Ort, deshalb konnte an der Brandruine auch noch nicht gearbeitet werden. Es ist vor allem für die Mitarbeiter, die dort fast ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, sehr belastend, jeden Tag diese Ruine zu sehen. Mir persönlich tut es besonders weh, dass zwei Tiere gestorben sind, aber auch, dass mehrere Mitarbeiter alles verloren haben. Das habe ich noch nicht verarbeitet.

Gilt das auch für den Ärger mit dem Weltverband FEI? Der hatte Ihnen die Qualifikation für Olympia in Tokio entzogen, wo Sie für Ihr Geburtsland Sri Lanka starten wollten, weil einige Qualifikationsturniere nicht ordnungsgemäß sanktioniert gewesen sein sollen. Wo lag dabei Ihr Fehler?

Karlsson: Das ist ja der Grund dafür, dass ich diese Entscheidung aktuell anfechte: Man kann mir keinen Fehler ankreiden. Ich hatte selber keine Chance zu wissen, dass die Turniere nicht ordnungsgemäß angemeldet waren. Deshalb ist meine klare Meinung, dass es nicht sein kann, mich für Fehler zu bestrafen, die in der FEI intern passierten. Dafür ist der Verband verantwortlich.

Welche Erfolgschancen hat Ihre Klage?

Karlsson: Ich weiß es nicht. Aktuell liegt sie beim FEI-Tribunal. Ich gehe aber davon aus, dass wir vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas müssen. Und das werde ich durchziehen. Olympia ist mein Lebenstraum, die Qualifikation hatte eine riesige Auswirkung auf meine Karriere. Deshalb hoffe ich, dass das bald in Ordnung kommt und wir im kommenden Jahr in Tokio an den Start gehen dürfen, sofern die Spiele dann stattfinden, was ich sehr hoffe.

Wären Sie auch bereit, eine Nach-Qualifikation zu reiten?

Karlsson: Ich fände das zwar nicht fair, würde eher dafür plädieren, dass Asien einen dritten Startplatz erhält, um niemanden zu benachteiligen. Aber wenn es sein muss, dann sind mein Olympiapferd Chopin und ich stark genug, um uns noch einmal zu qualifizieren.

Sie wollten in diesem Jahr mit Ihrer neuen Trainerin Meredith Michaels-Beerbaum durchstarten. Dann kam Corona. Wie sehr hat das Ihre Planungen durcheinandergeworfen?

Karlsson: Wie für alle Sportler weltweit war meine Terminplanung umsonst gewesen, es geht erst langsam wieder los, dass es Turniere für Nachwuchspferde gibt, ohne Zuschauer und mit strengen Hygienevorschriften. Mit Meredith war ich in den USA, als Corona ausbrach, deshalb mussten wir vorzeitig abbrechen. Ich war aber in den vergangenen Wochen mehrmals bei ihr in Thedinghausen, wir haben im Freien mit Abstand trainiert, was mir sehr gutgetan hat. Deshalb würde ich sagen, dass mein Leistungsstand aktuell gut ist.

Sie bilden auf dem Grönwohldhof viel aus und verkaufen auch Sportpferde. Wie stark ist dieses Geschäft in der Corona-Zeit eingebrochen?

Karlsson: Erstaunlicherweise gar nicht. Im Gegenteil, wir haben sogar mehr verkauft als sonst. Das hat uns auch überrascht. Deshalb kann ich sagen, dass die Corona-Phase bislang für mich sehr gut war. Ich konnte konzentriert an Dingen arbeiten, die sonst liegen bleiben. 2019 war ich an 44 Wochenenden unterwegs. Diese Zeit habe ich jetzt genutzt. Man lernt, diese Dinge wieder mehr zu schätzen.

Sie sind in Schweden aufgewachsen. Wie sehen Sie den Weg, den Ihr Heimatland in der Corona-Krise eingeschlagen hat?

Karlsson: Mit großem Interesse. Schweden hat sehr stark auf die Eigenverantwortung der Bürger gesetzt, wobei das Bild, das oft gezeichnet wurde, nicht ganz richtig war. Es gab auch in Schweden strikte Regeln, aber eben keinen harten Lockdown. Ich persönlich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist. Aber das werden wir sehen, wenn die Bilanzen gezogen werden.

Wie planen Sie die zweite Jahreshälfte 2020 und was ist Ihr größter Wunsch, damit sie zum Traum-Halbjahr wird?

Karlsson: Meine Planung geht aktuell nicht weiter als bis August, denn niemand weiß, in welche Richtung es mit Corona geht. Ich befürchte schon, dass es eine zweite Welle gibt. Mein größter Wunsch ist, dass ich das Olympiathema abschließen kann, um wieder meine innere Ruhe zu finden. Und natürlich, dass alle Menschen gesund bleiben. Dann kommt alles andere schon von selbst.

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