Coronakrise im Sport

Tobias Hauke: „Ich lasse seit Jahren Menschen im Stich“

Lesedauer: 14 Minuten
Björn Jensen
Der Hamburger Tobias Hauke (32) nahm bisher an drei Olympischen Sommerspielen teil und gewann zweimal Gold und einmal Bronze.

Der Hamburger Tobias Hauke (32) nahm bisher an drei Olympischen Sommerspielen teil und gewann zweimal Gold und einmal Bronze.

Foto: Imago

Der zweimalige Hockey-Olympiasieger über die schwierige Entscheidung, bis Tokio 2021 weiterzuspielen oder jetzt aufzuhören.

Hamburg. Es war alles geplant. Nach den Olympischen Sommerspielen in Tokio wollte Tobias Hauke Anfang August seine internationale Hockeykarriere beenden. Er wollte nur noch in der Bundesliga für seinen Heimatverein Harvestehuder THC spielen und die dadurch gewonnene Zeit in die Übernahme der elterlichen Firma Hauke KG investieren, ein familiengeführtes Handelshaus für Kohlenwertstoffe und Mineralölprodukte.

Er wollte mit Ehefrau Alina, die selbst viele Jahre für den HTHC Bundesliga-Hockey spielte, in einen neuen Lebensabschnitt starten und endlich mehr Zeit für die Familie und seine Freunde haben. Dann kam Corona, die Verschiebung der Olympischen Spiele – und seitdem grübelt der Welthockeyspieler von 2013 darüber, ob er 2021 noch einmal antreten wird oder nicht. Im Abendblatt-Gespräch beschreibt der 32-Jährige den schwierigen Prozess der Entscheidungsfindung.

Hamburger Abendblatt: Herr Hauke, was war Ihr erster Gedanke, als Sie am 24. März die Nachricht von der Verschiebung der Sommerspiele erreichte?

Tobias Hauke: In dem Moment, als es feststand, war es vor allem eine tiefe Ernüchterung. Wir konnten uns darauf ja eine Woche vorbereiten, denn mit der Verschärfung der Coronakrise war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Olympia verschoben werden musste. Aber als der Fakt geschaffen war, kamen schnell die existenziellen Fragen auf: Bin ich in einem Jahr noch gut und fit genug, um dem Team zu helfen? Kann ich meine gesamte Planung um ein Jahr verschieben? Will ich es überhaupt? Seitdem suche ich nach Antworten.

Suchen wir gemeinsam. Sie haben 2008 und 2012 Olympiagold gewonnen, 2016 Bronze. Sie haben alles erreicht. Geld ist mit Hockey nicht zu verdienen, stattdessen investieren Sie immens viel Zeit. Warum wollen Sie sich nun, da die Zeit nach Tokio durchgeplant war, den ganzen Stress noch antun?

Hauke: Es stimmt schon, dass den Hauptteil der Arbeit, die wir investieren, kaum jemand wahrnimmt. Der Aufwand ist stetig höher geworden. 2007, als ich im Nationalteam anfing, gab es noch kein Stützpunkttraining. Heute trainieren wir fünfmal pro Woche jeden Morgen gemeinsam. Und natürlich stelle auch ich mir manchmal die Frage, ob mir dieser Aufwand dauerhaft noch Spaß macht.

Erfolg wiegt meist vieles auf.

Hauke: Medaillen waren nie der Hauptgrund für meine Motivation. Mein Anreiz ist die Leidenschaft für den Sport. Ich wollte mich immer mit den Besten messen, Länderspiele gegen die Topnationen sind das Größte für mich. Bei Olympia kommt alles zusammen, das sind die Momente, für die wir Sportler mindestens vier Jahre lang arbeiten. Außerdem war ich nie der Typ, der sagt: Ich habe alles erreicht, ich habe keine Ziele mehr. Es gab zum Beispiel noch keinen deutschen Hockeyspieler, der bei vier Sommerspielen in Folge eine Medaille geholt hat. Die Kombination aus alledem ergibt, dass Tokio der perfekte Abschluss wäre.

Also andersherum gefragt: Warum machen Sie dann nicht einfach weiter?

Hauke: Weil diese Entscheidung mehrere Facetten hat. Für mich ist es das erste Mal, dass ich die Verantwortung spüre, dass meine Entscheidung nicht nur auf mich Auswirkungen hat, sondern unmittelbar auch auf meine Familie. Wenn es nur ums Sportliche ginge, müsste ich nicht nachdenken, da ist der Anreiz maximal hoch genug. Aber ich hatte sowohl meine berufliche als auch meine private Planung auf die Zeit vom Herbst an ausgerichtet. Deshalb muss ich nun herausfinden, ob ich das alles unter einen Hut bekomme.

Sie sind vom neuen Bundestrainer Kais al Saadi zum Kapitän des Nationalteams bestimmt worden. Ihr Pflichtbewusstsein ist stets sehr groß gewesen. Könnten Sie überhaupt damit leben, sich in dieser Phase zurückzuziehen?

Hauke: Mein Pflichtgefühl ist natürlich noch immer da. Ich versuche zwar, es auszublenden und mich in erster Linie auf mich zu fokussieren. Aber das gelingt mir nicht so gut. Vor dem Trainerwechsel wäre mir eine Entscheidung sicherlich leichter gefallen, aber unter Kais habe ich das Gefühl, dass wir uns auf den richtigen Weg gemacht haben. Und das führt dazu, dass ich gern weiter dabei wäre.

Zweifeln Sie wirklich daran, ob Sie in einem Jahr noch gut genug wären?

Hauke: Das habe ich mich gefragt. Ich bin aber mittlerweile so weit, dass ich mir zutraue, der Mannschaft auch im nächsten Jahr noch helfen zu können. Wäre dem nicht so, würde ich auch nicht mehr überlegen, denn ich will keinen Bonus, nur weil ich so lange schon dabei bin. Ich habe aber auch das Gefühl, dass das Team sich freuen würde, wenn ich weitermache.

Quält Sie der Gedanke daran, dass Sie andere im Stich lassen, egal wie Sie sich entscheiden?

Hauke: Ja, das spielt eine Rolle. Ich bin mir andererseits aber auch bewusst, dass ich die Menschen, die mir besonders nahe stehen, sowieso schon viele Jahre lang im Stich gelassen habe. Ich habe viele Familienfeste oder Geburtstage im Freundeskreis wegen Hockey verpasst. Kurz nachdem unsere Tochter geboren wurde, war ich zwei Wochen in Japan im Trainingslager. Andererseits bin ich durch den Sport der Mensch geworden, der ich heute bin, das gehört zu mir und meinem Leben. Der große Unterschied ist jetzt, dass meine Hockeykarriere bislang immer Teil einer abgesprochenen Planung war. Alles, was jetzt kommt, wird Absprachen über den Haufen werfen. Ich war immer jemand, der klare Vorstellungen davon hatte, wie es weitergehen soll, und der das klar kommuniziert und durchgezogen hat. Deshalb tue ich mich mit der aktuellen Unklarheit auch so schwer.

Sie sind schon seit einigen Jahren im Berufsleben, haben beim HSV als Teammanager gearbeitet, und mussten sich auch in jener Zeit immer wieder zwischen Beruf und Leistungssport entscheiden. Was macht das jetzt schwieriger als früher?

Hauke: Meine Eltern haben sich immer gewünscht, dass eins ihrer vier Kinder den Betrieb übernimmt. Meine drei Schwestern haben aktuell andere Pläne, ich wollte nun ab Herbst voll einsteigen und meinen Eltern den Rücken freihalten. Wir haben Pläne für Innovationen gemacht, ich werde in wegweisende Entscheidungen eingebunden. Wenn ich nun bis Tokio 2021 weitermache, komme ich ein weiteres Jahr nicht dazu, mehr zu machen als die Alltagsarbeit, weil ich eben nicht die Zeit hätte, 45 bis 60 Stunden pro Woche alles für die Firma rauszuholen. Das wäre bitter. Ich weiß aber auch, dass meine Eltern alles dafür tun würden, damit ich in Tokio den bestmöglichen Abschluss meiner Karriere erleben kann.

Mit Ihrer Frau sind Sie seit 13 Jahren zusammen, Sie weiß um Ihre Leidenschaft für den Sport, kennt als ehemalige Bundesligaspielerin selbst dieses Gefühl. Denken Sie, sie wäre Ihnen wirklich böse, wenn Sie weiterspielen?

Hauke: Alina hat mich immer bedingungslos unterstützt, und das tut sie auch jetzt. Aber sie noch ein Jahr mit der Erziehung unserer Tochter Clara mehr oder weniger allein zu lassen, ist nicht das, was wir uns vorgestellt hatten. Außerdem ist unser Wunsch, dass Clara kein Einzelkind bleibt. Die Familienplanung ist ein Eckpfeiler, auch wenn man das nicht wirklich planen kann. Andererseits wäre Klara nächstes Jahr drei und damit alt genug, um Olympia bewusst mitzuerleben. Ich möchte ja auch deshalb weiter Bundesliga spielen, damit meine Kinder noch bewusst erleben, was über viele Jahre mein Leben bestimmt hat. All diese Überlegungen spielen eine Rolle.

Wie muss man sich den Prozess der Entscheidungsfindung vorstellen? Sitzen Sie seit dem 24. März täglich mehrere Stunden herum und grübeln? Schlafen Sie nachts deshalb schlecht? Haben Sie sich feste Zeiten eingeplant, in denen Sie sich damit beschäftigen?

Hauke: Tatsächlich habe ich die ersten beiden Tage nach der Bekanntgabe der Verlegung gar nicht mit anderen darüber gesprochen, sondern habe versucht, es sacken zu lassen. Dann habe ich ein längeres Gespräch mit Alina geführt, und seitdem habe ich mir feste Zeiten eingeplant, in denen ich Gespräche führe. Ich hole mir Meinungen von Menschen ein, die mir wichtig sind.

Wer sind diese Menschen? Nutzen Sie auch das Angebot am Olympiastützpunkt oder vom Deutschen Hockey-Bund, die berufliche und psychologische Beratung anbieten?

Hauke: Nein, bislang nicht. Ich habe zwar Kontakt zu Thorsten Weidig, unserem Sportpsychologen, aber bislang haben wir das noch nicht vertieft. Ich spreche viel mit meiner Frau und meiner Familie, aber auch mit Menschen, die mich lange kennen. Mein HTHC-Trainer Christoph Bechmann, der mich seit 2008 trainiert. Oder Tobias Lietz, mit dem ich seit mehr als zehn Jahren zusammenspiele. Auch unser Athletiktrainer Rainer Sonnenburg oder unser Rehatrainer Norbert Sibum, zu denen ich über die Jahre ein Vertrauensverhältnis aufgebaut habe, zählen dazu. Sie helfen mir sehr und geben wichtiges Feedback. Mit dem Bundestrainer gab es erste Gespräche, weitere werden folgen.

Ihre Schwester Franzisca ist in einer sehr ähnlichen Lage, Sie ist auch Nationalspielerin, steht schon im Berufsleben und hadert ebenfalls mit der Entscheidung, bis Tokio weiterzumachen oder nicht. Hilft es, innerhalb der Familie dasselbe Problem zu wälzen?

Hauke: Mit Sissy verbindet mich seit Jahren auch im sportlichen Bereich sehr viel. Mir hilft es schon, auch innerhalb der Familie jemanden zu haben, der meine Lage total nachempfinden kann. Aber letztlich treffen wir keine gemeinsame Entscheidung, sondern jeder muss für sich herausfinden, was das Beste ist.

Haben Sie Angst davor, die falsche Entscheidung zu treffen?

Hauke: Nein, gar nicht. Meine Entscheidung wird richtig sein, deshalb lasse ich mir damit ja auch so viel Zeit. Ich bin nicht der Typ, der zurückschaut. Wenn ich meinen Weg gefunden habe, werde ich positiv auf das schauen, was vor mir liegt.

Gibt es ein Szenario, das Ihnen die Entscheidung abnehmen könnte?

Hauke: Ja, wenn die Spiele komplett abgesagt und erst 2024 wieder stattfinden würden. Bis dahin würde ich nicht weitermachen. Darin liegt ja ein zusätzliches Problem: Wenn ich mich jetzt zum Weitermachen entschließe, und dann würden die Spiele im Frühjahr endgültig abgesagt, wäre das ein richtiger Tiefschlag, denn dann hätte ich alle Pläne über den Haufen geworfen, ohne dafür belohnt zu werden. Auch dieses Szenario muss ich in Betracht ziehen.

Wann rechnen Sie damit, die endgültige Antwort auf Ihre Fragen zu finden?

Hauke: Keine Ahnung. An einem Morgen stehe ich auf und freue mich auf ein weiteres Jahr Nationalmannschaft. Am nächsten Morgen wache ich auf und frage mich, wie ich das schaffen soll, ohne daran kaputt zu gehen. Spätestens wenn wieder Spielbetrieb möglich ist, muss ich entscheiden, wie es weitergeht. Aber ich glaube, es wird sich vorher ein Gefühl durchsetzen. Und dann werde ich es wissen.

Beneiden Sie all die Athleten, die problemlos entscheiden konnten, auch 2021 anzutreten?

Hauke: Nein, denn ich bin sehr glücklich über die Umstände, die mich in diese Lage bringen, so intensiv überlegen zu müssen. Ich freue mich für diejenigen, die sich spontan fürs Weitermachen entschieden haben. Aber ich bin froh, eine so tolle Familie und einen Beruf zu haben, die es erfordern, dass ich nun so hart zu kauen habe.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen