Coronakrise

„Sport fehlt mir, aber er ist nicht systemrelevant“

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Björn Jensen
Nicolas Kiefer  bei den Olympischen Spielen in Peking (Archiv).

Nicolas Kiefer bei den Olympischen Spielen in Peking (Archiv).

Foto: Karl-Josef Hildenbrand dpa

Ex-Tennisprofi Nicolas Kiefer erklärt, warum die Saison 2020 ausfallen wird und wie es dazu kam, dass er nun Schutzmasken vertreibt.

Hamburg. Geplant war, dass in diesen Tagen seine neue Golfkollektion auf den Markt kommen sollte. Doch wie für viele Millionen Menschen hat die Coronakrise auch Nicolas Kiefers Pläne durcheinandergewirbelt. Der 42-Jährige, der um die Jahrtausendwende zu den besten Tennisprofis der Welt zählte und Anfang Januar 2000 mit Rang vier seine beste Ranglistenposition erreichte, nutzt die Entschleunigung indes für ein wichtiges Projekt.

Mit seinem Modelabel #kiwifash, angelehnt an seinen Spitznamen, unterstützt Kiefer, der in Hannover lebt, aber beim SCC Berlin im Herren-40-Team spielt und dort die Nachwuchsarbeit leitet, seinen Geschäftspartner Holger Gartz (Kama Textil Management) beim Vertrieb von Schutzmasken.

Hamburger Abendblatt: Herr Kiefer, wie fühlt es sich an, systemrelevant zu sein?

Nicolas Kiefer: Das war überhaupt nicht geplant, und ich fühle mich auch nicht systemrelevant. Es ging einfach nur darum, Holger Gartz dadurch zu unterstützen, dass ich die Behelfsschutzmasken für Mund und Nase, die er mit seinem Unternehmen produziert, über meinen Onlineshop (www.kiwi-onlineshop.de) vertreibe und dadurch Reichweite schaffe. Und das tue ich sehr gern, weil das Thema enorm wichtig ist.

Wann ist Ihnen klar geworden, welche Fahrt das Thema aufnehmen würde?

Nicolas Kiefer: Mitte März sprachen Holger und ich darüber, dass die geplante Golfkollektion aktuell keinen Sinn ergeben würde, da auf absehbare Zeit nicht Golf gespielt werden kann. Also wurde auf Maskenproduktion umgestellt. Und die Nachfrage ist seitdem immens gestiegen. Anfangs wurden 300 Masken pro Tag gefertigt, jetzt ist es deutlich mehr geworden.

Dabei ist der Preis mit 34,95 Euro nicht gerade ein Schnäppchen.

Nicolas Kiefer: Das stimmt, aber es ist Qualitätsware, die ihren Preis wert ist. Produziert wird in Kassel, daher gibt es kurze Lieferwege. Das Material ist hochwertig, vielfach waschbar und damit wiederverwendbar. Jede Maske ist in Handarbeit gefertigt und individuell bestellbar, kann mit eigenem Logo personalisiert werden.

Kürzlich hieß es im Bericht der Forschungsgemeinschaft Leopoldina, die die Bundeskanzlerin als maßgeblichen Berater nutzt: Schutzmasken müssen das neue Cool und Chic sein. Sind Sie also mit Ihren individuellen Masken ein Trendsetter?

Nicolas Kiefer: Ehrlich gesagt tue ich mich noch schwer damit, die Maske als bleibendes Modeaccessoire zu akzeptieren. Ich hoffe doch sehr, dass wir diese Phase, in der wir uns alle mit einer Maske schützen sollen, baldmöglichst überwinden. Dennoch finde ich es nicht verwerflich, dass Menschen sich auch beim Tragen einer Maske ein Stück Individualität bewahren wollen. Warum soll eine Schutzmaske nicht modisch sein und gut aussehen?

Wie halten Sie es mit der Maskenpflicht?

Nicolas Kiefer: Beim Sport trage ich keine Maske, halte das auch für kontraproduktiv und kaum praktikabel. Ich trage grundsätzlich eine Maske, wenn ich unter Leute gehe. Was ich aktuell aber so selten wie möglich mache, weil ich mich an die Anweisungen der Bundesregierung halten möchte. Also halte ich Abstand und bleibe, so oft es geht, zu Hause. Generell muss jeder selbst wissen, ob er Maske tragen mag.

Sehen Sie sich als öffentlich bekannte Person in einer besonderen Vorbildrolle?

Nicolas Kiefer: Nein, weil es in diesen Zeiten auf jeden Einzelnen ankommt. Ich glaube, dass es wichtig ist, eine Maske zu tragen, um andere und gerade ältere Menschen vor einer Ansteckung zu schützen. Noch immer gibt es leider einige, bei denen das nicht angekommen zu sein scheint. Grundsätzlich finde ich aber, dass wir in Deutschland sehr diszipliniert sind, und das ist eine große Chance für die Gesellschaft, sich gemeinsam als Einheit gegen das Virus zu stemmen.

Viele Menschen schauen in dieser Krise auch darauf, wie sie sich gesamtgesellschaftlich einbringen können. Sehen Sie Ihr Engagement im Vertrieb von Schutzmasken auch als Beitrag für die Gesellschaft?

Nicolas Kiefer: Ich möchte das gar nicht überhöhen. Mir ist vorrangig wichtig, dass sich alle an die Vorgaben halten, damit wir hier keine Verhältnisse bekommen wie in den USA, in Italien, Spanien oder Frankreich. Meine Mutter ist Französin, ich schaue deshalb genauer hin, was in Frankreich passiert. Gerade wurde dort die Ausgangssperre bis 11. Mai verlängert, bis Mitte Juli dürfen keine größeren Veranstaltungen abgehalten werden. Das gibt mir schon sehr zu denken. Zum einen, weil wir uns bewusst machen müssen, dass es uns in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern noch sehr gut geht. Zum anderen, weil mich die Situation, das soziale Leben einzufrieren, genauso belastet wie alle anderen Menschen.

Wie sind Sie von der Krise betroffen?

Nicolas Kiefer: Zum einen dadurch, dass ich weder mein Modelabel noch meine Arbeit als Tennistrainer wie gewohnt betreiben kann. Zum anderen dadurch, dass mir als Sportfreak der Sport im Allgemeinen unheimlich fehlt. Ich habe mit Marathonlaufen begonnen, weil ich mich gern quäle und neue Herausforderungen suche. Ich wäre im März in Tokio gelaufen und in diesem Monat in Boston. Das fällt nun weg. Aber mir fehlt es auch, die Spiele meines Lieblingsclubs Hannover 96 zu schauen, die großen Tennisturniere oder Olympische Spiele. Ich mag gar nicht daran denken, was da alles noch ausfällt.

Nach der Lockerung des Shutdowns könnte zunächst der Fußball den Spielbetrieb wieder aufnehmen. Kann die Bundesliga den Menschen Ablenkung bieten, die sie jetzt dringend benötigen? Halten Sie Leistungssport generell für systemrelevant?

Nicolas Kiefer: Ich halte nichts davon, dem Fußball Sonderrechte einzuräumen. Ich finde, dass Regelungen einheitlich sein müssen. Es ärgert mich, dass in den Sportsendungen und -sendern nur Fußballkonserven laufen, wo man die Chance nutzen könnte, den Menschen auch andere Sportarten näherzubringen. Mir wird aktuell zu wenig an die Fans gedacht. Geisterspiele mögen für die Vereine wichtig sein, damit sie ihre Fernsehgelder kassieren können. Aber wenn die Fans nicht ins Stadion gehen können, ist es nicht dasselbe. Und man darf auch nicht vergessen, dass sich sehr viele Menschen privat oder in Kneipen treffen werden, falls diese geöffnet sind, wenn die Bundesliga wieder spielt. Das ist auch nicht im Sinne des Ansteckungsschutzes. Deshalb finde ich, dass man sehr vorsichtig sein muss, bevor man wieder Sportveranstaltungen erlaubt. Systemrelevant sind sie nicht.

Die Tennissaison ruht zunächst bis Mitte Juli. Wäre aber nicht gerade Tennis, wo ein Netz die Spieler voneinander trennt und der Abstand immer mindestens zwei Meter beträgt, ein Sport, der sehr schnell wieder gespielt werden könnte?

Nicolas Kiefer: Man muss Breiten- und Leistungssport unterscheiden. Im Breitensport glaube ich auch, dass Tennis von den Lockerungen als eine der ersten Sportarten profitieren und unter Auflagen wieder gespielt werden kann. Im Leistungsbereich ist das etwas anders. Eine Chancengleichheit ist dort erst wieder gegeben, wenn alle Reisebeschränkungen aufgehoben sind, denn die Profis und ihre Teams reisen aus aller Welt zu den Turnieren an, bei den Grand-Slam-Turnieren gilt das sogar auch für die Zuschauer.

Also gehen Sie nicht davon aus, dass es im Juli wieder Profitennis zu sehen gibt?

Nicolas Kiefer: Auch wenn ich mir wünschen würde, dass wir am besten gestern wieder anfangen könnten, halte ich es nicht für realistisch, noch in diesem Jahr Turniere auf höchster Ebene zu sehen. Veranstaltungen mit Publikum und regulären Spielbetrieb in Kontaktsportarten kann ich mir für dieses Jahr einfach nicht vorstellen. Problematisch ist auch, dass in manchen Teilen der Welt ganz normal trainiert werden kann, während anderswo nicht einmal individuelles Training möglich ist. Bis wieder Chancengleichheit herrscht, wird es lange dauern. Das Positive ist: Roger Federer hat bereits angekündigt, dass er 2021 noch spielen wird. Das sollte uns allen Mut machen.

Was würde eine Komplettabsage der Tennissaison 2020 bedeuten?

Nicolas Kiefer: Das wäre eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, eigentlich undenkbar. Die Top 30 der Welt könnten das sicherlich finanziell verkraften. Aber gerade für die Spieler jenseits der Top 100 wäre das unglaublich hart. Im Tennis muss jeder alles selbst finanzieren, die Reisen, die Trainer- und Betreuerteams. Wenn dann alle Einnahmemöglichkeiten wegbrechen, wird es für viele schwer, das zu kompensieren.

Im Golf hat die Profivereinigung PGA gerade einen Hilfsfonds aufgelegt, um finanziell Not leidende Spieler und Caddies oder auch Verbände unterstützen zu können. Ist das nicht auch im Tennis notwendig?

Nicolas Kiefer: Ich glaube, dass diese Krise ein Denkzettel für die Profiorganisationen ATP und WTA, für den Weltverband ITF und auch für die Veranstalter der vier Grand-Slam-Turniere ist. Schon vor der Krise wurde über eine gerechtere Verteilung der Preisgelder diskutiert. Jetzt ist die Chance da, das System zu verändern. Ob es so etwas wie einen Solidarfonds oder ein Grundgehalt geben wird, weiß ich nicht. Aber ich finde, es wäre ein guter Zeitpunkt dafür.

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