Mensch, Hamburg

Turnierchef Volker Wulff – Der Mann für große Sprünge

Volker Wulff in seinem Pferdestall in Uthlede mit den Pferden Daisy und Carla.

Volker Wulff in seinem Pferdestall in Uthlede mit den Pferden Daisy und Carla.

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Er hat das Springderby auf Weltniveau gehoben. Ausgerechnet um das Turnier zum 100. Jubiläum muss er jetzt bangen.

Hamburg. Es existiert nicht nur ein Plan B, es gibt auch die Varianten C, D und E. Wann und wie nur kann das Deutsche Springderby doch noch in würdigem Rahmen an den Absprung gehen? Die Mutter aller Fragen für Turnierchef Volker Wulff.

Die jetzt erfolgte Absage der Traditionsveranstaltung war und ist verbunden mit einer Menge Aufregung, äußerlich wie innerlich. Zum 100. Geburtstag des Klassikers um das Blaue Band Ende Mai hatten sich Chef und Team der Agentur En Garde besondere Attraktionen ausgedacht. Es sollte ein Ereignis von Weltklasseformat sein. Mehr denn je.

Deutsches Springderby im Spätsommer?

Dass alles nun ganz anders gekommen ist, wie bei so vielen Vorhaben überall, zermürbt den Derbymacher. Zu Fall jedoch bringt das Tohuwabohu um Termine, internationale Zeitfenster und Viren einen sturmerprobten, erdverwachsenen Niedersachsen keineswegs.

Im Spätsommer, so die momentan gültige Planung, soll es auf dem berühmten Parcours in Klein Flottbek richtig rund gehen: beim Deutschen Springderby über ganz große Sprünge sowie bei Passagen und Piaffen im Dressurviereck.

Immerhin haben es Wulff & Co. geschafft, seit ihrem Start im Jahr 2000 aus einer wirtschaftlich gemächlichen Veranstaltung in den Elbvororten ein Top­ereignis von Weltniveau zu formen. Unter den uralten Eichen nahe dem Botanischen Garten sind die Stars zu Hause. Annähernd 100.000 Zuschauer an neuerdings fünf Turniertagen und ein Etat von 3,8 Millionen Euro sind Meilensteine, die früher undenkbar erschienen. Gemeinsam mit 24 fest angestellten Mitarbeitern organisiert der Norddeutsche mit der Machermentalität Events in Deutschland und China.

Nur zufällig kam Wulff zum Pferdesport

Gut 350.000 zahlende Zuschauer vor Ort, ein Vielfaches im Fernsehen und im Internet sind ebenso beachtliche Hausnummern wie der En-Garde-Jahresumsatz von rund zehn Millionen Euro. Die Firmenanteile halten Wulff und Springreitlegende Paul Schockemöhle je zur Hälfte. Die Büros der international vernetzten Agentur und der private Wohnsitz befinden sich nach wie vor dort, wo Volker Wulff geboren ist: auf dem platten Land, in Uthlede. So viel zum Thema erdverwachsen.

Ursprünglich hatte der diplomierte Agraringenieur aus dem 1000-Einwohner-Ort nördlich von Bremen ein ganz anderes Berufsziel angepeilt. Es zog ihn nach Übersee. Im Anschluss an das Studium in Göttingen wollte er seinen Traum verwirklichen und in Südamerika eine Rinderzucht gründen. Bis ihn ein dunkelgrauer, verregneter Wintertag Anfang 1984 zum Umsatteln brachte.

Ein Zufall stellte Weichen. Quasi als Flucht vor der miserablen Witterung begleitete Wulff seinen Kommilitonen Georg zu einer Vorlesung. Als Dozent stand der Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung am Pult. En passant berichtete dieser von einem Job für Spezialisten.

Gebraucht wurde ein Sportsfreund, der neun Pferde nach Südkorea begleiten und vor Ort ein paar Wochen betreuen sollte – mit Blick auf die Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul. Studiosus Wulff reagierte wie elektrisiert. Zwar war er kein Springreitprofi; mit Tieren jedoch war er durch Kindheit und Jugend auf dem elterlichen Bauernhof vertraut. Die Familie mit Stammbaum bis 1483 betrieb von jeher Ackerbau, Milchwirtschaft und Viehzucht. Man war wer in der Region.

Zur Konfirmation kaufte er sich ein Pferd

An dieser Stelle passt die Geschichte der Stute Lady prima. Sie liegt 14 Jahre vor dem Zeitpunkt der Vorlesung in Göttingen, war indes nicht weniger bedeutend für Wulffs Werdegang. Die Geschenke zur Konfirmation, auf dem Lande Usus, läpperten sich befriedigend zusammen.

Summa summarum waren 1400 Mark in der Spardose. Volker wollte sich ein Moped kaufen. Damit war man auf dem Dorfe ganz weit vorn. Vater Heinz-Ludwig und Opa Wilhelm sei Dank, wurde der Betrag mehr als verdreifacht. Aber der Teenager fand eine Pferdestärke letztlich besser – und kaufte sich die vierbeinige Lady.

Einer, der Wort hält und dem der Handschlag noch was gilt

Ob Wulff dem Reiter-Generalsekretär von dem Deal berichtete? Jedenfalls muss der eloquente Niedersachse 1984 eine Tugend ins Spiel gebracht haben, die ihm in den folgenden Jahrzehnten geschäftlich über alle möglichen Hindernisse helfen sollte: Wulff versteht es meisterhaft, andere zu überzeugen. Vor allem hält der Mann Wort. Unverbrüchlich. Damals wie heute.

Wulff erzählte richtungsweisende Passagen seines Lebensweges bei Wan-Tan-Suppe und Dim-Sum am Ecktisch beim Hamburger Chinesen seines Vertrauens am Spielbudenplatz. Zu einer Zeit, als man dort noch sorglos Einkehr halten konnte. Der Norddeutsche hat ein Faible für Fernost. Nicht nur wegen des Korea-Trips vor 36 Jahren oder wegen der vier hochdotierten Springreitturniere, die En Garde in China ausrichtet. Am 13. Februar 2009 heiratete er seine An­drea in Kuala Lumpur. Beide sind seit mehr als zwei Jahrzehnten ein Paar. Die 16-jährige Tochter Paulina stammt aus dieser Beziehung, die neun Jahre ältere Lesley aus einer früheren.

Familienvater Wulff beglückt die drei Damen immer wieder mit seiner Kochkunst. Freunde wissen um Wulffs Können am Wok. Spezialitäten wie gefüllter Ochsenschwanz mit Steinpilzen oder Steinbutt vom Feinsten gehören ebenfalls zum anspruchsvollen Programm. Kürzlich saßen die Wulffs mit der Familie von Werder Bremens Sportchef Frank Baumann zusammen. Die gemeinsam reitenden Kinder waren ein Grund, Wulffs Leidenschaft für den Bundesligaverein ein anderer. Wann immer es geht, ist der Sports- und Reitersmann als Fan an Bord. Im Weserstadion, bisweilen auch auswärts. So exzellent der heute 63-Jährige die Rhetorik beherrscht, so sehr favorisiert er gemeinhin die dezenten Töne. Den Lautsprecherknopf drückt er gar nicht gerne.

Unternehmer auf Achse

Von der Terrasse seines Hauses in Uthlede genießt Wulff einen erstklassigen Blick ins Grüne. So und so. Die Weser fließt nicht weit entfernt. Es passt ins Bild, dass ein Vogelhaus im großen Garten der Familie in den Clubfarben des SV Werder von 1899 angemalt ist. „Heimatverbundenheit hat Tradition in meinem Leben“, sagt Volker Wulff. Beständigkeit und ein verlässlicher Charakter sind für ihn stabile Fundamente.

Der plietsche Unternehmer ist häufig auf Achse. Nur wer sich auch bei kleineren Turnieren blicken lässt und nicht nur in fetten Tagen Kontakt hält, hat das Zeug zu einem starken Derbymacher. Letzten Endes zählt im Springsport das große Geld. Doch wenn im Zweifel zwei hochkarätige Prüfungen parallel auf dem Programm stehen, können persönliche Drähte den Ausschlag geben.

„Volker ist ausgeschlafen“, sagen sie in Uthlede. Und weil er seinem Naturell treu und in Hochzeiten auf dem Boden bleibt, traut man ihm im Reiterlager zu, das Derby auf hohem Niveau zu halten. Trotz der misslichen Situation im Moment. „Eine Menge droht zu zerbrechen“, sagt Wulff. Und: „Ja, die Entwicklung geht mir an die Nieren.“ Er habe daran „kräftig zu knabbern“.

Wulff fällt auf Bauerntricks nicht herein

Umso wertvoller ist seine Bastion in der Gemeinde Hagen im Landkreis Cuxhaven. Früher kickte er als treffsicherer Rechtsaußen in Reihen des lokalen Sportvereins; im reiferen Alter zieht es ihn an der Seite seiner Andrea mit dem Fahrrad hinaus. Durchatmen. Nachdenken. Erdung wertschätzen.

Volker Wulff beteiligt sich – mit mäßigem Erfolg – an einer Bundesliga-Tipprunde in Hamburg und ist Mitglied des Uthleder Stammtisch-Vereins. Ein Dutzend Eingeborene halten urig Klönschnack, unternehmen Exkursionen, dreschen Skat. Die Kumpels wissen aus Erfahrung: Es ist kein leichtes Spiel, Wulff bei Bock und Ramsch über den Tisch zu ziehen. Nicht minder trifft das auf die Springreiterszene zu. Einer wie Wulff fällt auf Bauerntricks nicht herein. Er beherrscht die kaufmännische Tugend des Handschlags. Vielleicht kommt der Agenturchef aus dem Westen Niedersachsens auch deswegen so gut klar im Westen der Hansestadt Hamburg.

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Hin und wieder schaut Wulff auf einen Tee be i Bruder Torsten im Elternhaus vorbei. Während der Jüngere den Hof bewohnt, nutzt der Derbymacher die Stallungen. Vor den Pferdeboxen steht ein hellbraunes Sofa. Es stammt von der verstorbenen „Oma Brunsen“, einer befreundeten Nachbarin. Wenn Volker Wulff nachdenken möchte, nimmt er auf dem uralten Möbelstück Platz – und guckt seinen Pferden beim Futtern zu. Im Moment sucht er diese Form der Muße häufiger. Hoffentlich kommen die guten Tage wieder. Wenn Plan B greift. Oder C oder D oder E.

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