Sport in der Coronakrise

"Ohne Fußball ist es ein beklopptes Wochenende“

Der Amateurfußball ist Behrend Schulz’ große Liebe.

Der Amateurfußball ist Behrend Schulz’ große Liebe.

Foto: KLAUS PETER BAHR / Klaus Peter Bahr

Behrend Schulz schaut sich pro Jahr mehr als 150 Spiele im Amateurfußball an – jetzt leidet er wie alle Fans.

Hamburg.  Er erinnert sich noch genau an den Tag vor gut zwei Wochen, an den 13. März, als Behrend Schulz die schlimme Nachricht auf dem Sportplatz erreichte. „Ich hatte mir gedacht, dass es so kommt“, erinnert sich der 68-jährige Platzwart des Hansa-Landesligisten FC Voran Ohe frustriert. Gerade hatte der Hamburger Fußball-Verband alle Amateurfußballspiele aufgrund des Coronavirus abgesagt – und Schulz seinen wichtigsten Lebensinhalt genommen. „Ich saß an diesem Wochenende stundenlang ohne Beschäftigung daheim. Es war schlimm. Ein Wochenende ohne Fußball ist ein beklopptes Wochenende.“

Schulz ist nicht nur Ohes ehrenamtlicher Platzwart, er ist der wohl größte Fan des Hamburger Amateurfußballs. Über 150 Partien schaut er sich im Jahr an, vier Spiele pro Wochenende sind keine Seltenheit. Sein Programm für das zweite März-Wochenende stand schon fest.

„Am Freitagabend mein FC Voran Ohe gegen den FC Türkiye in der Landesliga Hansa, am Sonnabend Barmbek-Uhlenhorst II gegen den VfL Pinneberg in der Hammonia-Staffel, Sonntagmorgen der ,Battle of Barmbek‘ zwischen dem USC Paloma und der ersten Mannschaft von BU in der Oberliga und danach in der Hansa-Staffel Billstedt gegen Klub Kosova.“ Die Gründe für gerade diese Spiele? Vordergründig vielfältig. Bei Ohe ist Schulz ehrenamtlicher Platzwart, in Barmbek wohnt er, Paloma gegen BU ist ein traditionsreiches Lokalderby, und bei Billstedt gibt es das beste Catering im Amateurfußball, bei dem er gerne auch mal fünf Kuchenstücke isst.

Tiefer geblickt ist Schulz` Faszination für die kleinen Hamburger Kicker sein Familienersatz. In seiner Jugend schlug ihn sein Vater viele Jahre lang. Als Erwachsener wurde Schulz Alkoholiker, legte selbst eine traurige Gewaltkarriere hin. Viele Prügeleien und diverse kleinere Delikte führten ihn immer wieder ins Gefängnis. Zusammengerechnet verbrachte er gut 20 Jahre hinter Gittern. Eine Therapie in der sozialtherapeutischen Anstalt Bergedorf plus die Anstellung beim SV Curslack-Neuengamme als Platzwart auf Betreiben von Curslacks Großsponsor Hermann Stahlbuhk im Jahr 2003 retteten ihn.

Im Amateurfußball fand Schulz das, was er immer gesucht hatte

Schulz fand im Amateurfußball das, was er immer gesucht hatte: eine Heimat und echte Freunde. Er wurde trocken, wandte sich von der Gewalt ab – und steckt seitdem all seine Liebe und Leidenschaft in die Amateure, schnackt auf jedem Platz mit Präsidenten, Managern, Trainern und Spielern, ist immer bestens über jede neue Entwicklung von der Oberliga Hamburg bis zur Kreisklasse B informiert. „Mit Profifußball kann ich schon längst nichts mehr anfangen“, sagt Schulz. „Da kenne ich ja keinen.“

Doch nun muss Schulz ohne Fußball auskommen. Wie schafft er das? „Ich pflege ja noch den Oher Platz. Das ist mein Baby. Ich kriege Gänsehaut, wenn ich ihn sehe, und bin verliebt in ihn. Und ich habe ja meine Statistiken.“ Stundenlang sitzt er nun daheim und trägt in all den Jahren gesammelte Daten aus Spiel- und Medienberichten sowie persönlichen Beobachtungen in seinen PC ein.

Selbst welcher Fuß bei einem Kicker eines Kreisligateams der stärkere ist, ist ihm wichtig. „Ich muss die Zeit ohne den Fußball jetzt irgendwie rumkriegen“, sagt Schulz. „Und wenn es wieder losgeht, wird das für mich einfach ein wunderschönes Gefühl sein.“