Coronavirus

"Das ist verrückt": Fußballprofis greifen DFL an

Am Mittwoch kam es in Mönchengladbach wegen des Coronavirus zum ersten Geisterspiel der Bundesliga-Geschichte.

Am Mittwoch kam es in Mönchengladbach wegen des Coronavirus zum ersten Geisterspiel der Bundesliga-Geschichte.

Foto: Fabian Strauch / dpa

Als einzige Topserie will die Bundesliga an diesem Wochenende noch Geisterspiele austragen – und erntet harte Kritik.

Köln. Der Profifußball in Deutschland zieht die Notbremse und will ab nächster Woche zum Stillstand kommen, doch das sture Festhalten am „Geisterspieltag“ gerät zur Farce. „Fußballer werden in dieser Situation wie Affen im Zirkus behandelt“, twitterte Union Berlins Torhüter Rafal Gikiewicz, und der spanische Mittelfeldspieler Thiago von Bayern München schrieb: „Das ist verrückt. Bitte hört auf herumzualbern, und kommt in der Realität an.“

Während die Saison in Spanien, Italien, Frankreich und seit Freitag auch in England wegen der Coronavirus-Pandemie unterbrochen ist und die UEFA eine Aussetzung der Champions League und Europa League verfügte, will die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ungeachtet der ersten positiven Fälle im deutschen Profi-Fußball den 26. Spieltag an diesem Wochenende vor leeren Rängen durchziehen.

„Es ist schon eine sehr skurrile Situation. Wir sind mittlerweile die einzige Liga europaweit, die noch spielt“, sagte Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner. „Wenn man sagt: Wir ziehen diesen Spieltag durch, dann muss man sich halt vorher überlegen: Was passiert, wenn sich ein Trainer oder ein Spieler infiziert? Deshalb wäre es auch im Sinne der Zivilcourage am konsequentesten gewesen, den gesamten Spieltag abzusagen.“

Das Präsidium der DFL hatte am Morgen vorgeschlagen, wegen der Corona-Pandemie den Spielbetrieb in der Bundesliga und 2. Liga erst ab dem kommenden Dienstag bis einschließlich 2. April auszusetzen. Sollten die 36 Proficlubs dem Vorschlag bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung am Montag in Frankfurt am Main wie erwartet zustimmen, wird erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg (1944/45) der Ligabetrieb unterbrochen. Betroffen wäre allerdings in der Bundesliga lediglich der 27. Spieltag (20. bis 22. März).

Die Partien des Wochenendes sollten noch als Geisterspiele ohne Zuschauer über die Bühne gehen, beginnend unter anderem mit dem Spiel des HSV bei Greuther Fürth (Freitag, 18.30 Uhr/Sky und Onefootball). Doch dieser Beschluss geriet immer stärker ins Wanken. Das Spiel am Montag von Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen wurde als erstes Bundesligaspiel abgesagt, weil die Stadt Bremen bis zu 3000 Menschen rund ums Weserstadion erwartete.

Coronavirus-Fall: Nürnberg beantragt Absage des Spiels bei St. Pauli

Trainer Steffen Baumgart vom Bundesligisten SC Paderborn lag vor dem Freitagspiel (20.30 Uhr/Sky) bei Fortuna Düsseldorf mit typischen Symptomen im Zimmer des Teamhotels – sein Corona-Test fiel aber negativ aus. Die Ergebnisse von Spielern standen am Freitagnachmittag noch aus. Fortuna beantragte dennoch bei der DFL eine Absage des Spiels. „Das Risiko ist aus unserer Sicht einfach zu hoch“, sagte der Fortuna-Vorsitzende Thomas Röttgermann bei RP Online.

Bei Fabian Nürnberger vom Zweitligisten 1. FC Nürnberg wurde ein positiver Corona-Befund bekannt. Das gesamte Team begab sich auf Anweisung der Gesundheitsbehörde in eine 14-tägige häusliche Quarantäne. Der FCN stellte einen Antrag auf Absetzung der Partie am Sonntag (13.30) beim FC St. Pauli. Auch das Zweitliga-Duell zwischen Hannover 96 und Dynamo Dresden findet wegen der Corona-Befunde zweier 96-Profis nicht statt.

Die organisierten Fangruppen kritisierten das Festhalten an der Austragung des 26. Spieltages. „Das zeigt deutlich, dass es den Machern nur ums Geld und nicht um die Gesundheit der Spieler geht“, sagte Rainer Vollmer, Vorstand der Fan-Interessengemeinschaft „Unsere Kurve“.

Rummenigge verteidigt DFL-Entscheidung

Bayern Münchens Vorstandchef Karl-Heinz Rummenigge gab unumwunden zu: „Es geht am Ende des Tages auch im Profifußball um Finanzen.“ Wenn die ausstehende Zahlung der TV-Broadcaster ausbleibe, bekämen viele kleinere und mittlere Clubs Liquiditätsprobleme, betonte Rummenigge: „Es steht ein größerer dreistelliger Millionenbetrag für die 1. und 2. Liga im Feuer.“

Trainer Julian Nagelsmann von RB Leipzig ist dennoch die Vorfreude auf das Geisterspiel am Samstag gegen den SC Freiburg vergangen. „Unterhaltung sollte dann stattfinden, wenn alles weitere so gegeben ist, dass es einem einigermaßen gut geht. Wenn die Supermärkte leer gekauft werden und man nicht mehr auf die Straße gehen darf, dann ist auch der Unterhaltungswert eines Fußballspiels gegen null“, sagte der 32-Jährige.

Die DFL betonte, man stünde bezüglich der Wochenendspiele im engen Austausch mit den Behörden und stufe die „Gesundheit der gesamten Bevölkerung und damit auch aller Fußballfans sowie aller Akteure“ als oberste Priorität ein.

Was passiert bei Abbruch der Bundesligasaison?

Das offizielle Ziel der DFL ist „weiterhin, die Saison bis zum Sommer zu Ende zu spielen“, teilte die DFL mit: „Aus sportlichen Gesichtspunkten, aber insbesondere auch weil eine vorzeitige Beendigung der Saison für einige Clubs existenzbedrohende Konsequenzen haben könnte.“ In der Länderspielpause wolle man „das weitere Vorgehen“ besprechen.

Eine Ausweitung des Kalenders bis Ende Juni ist möglich, sofern sich die UEFA dazu durchringt, die EM 2020 um ein Jahr zu verschieben. Sollte es aber nicht wie erhofft weitergehen, würden sich zahlreiche Folgefragen stellen. Kann die Saison dann überhaupt beendet werden? Wird es erstmals seit 1947 keinen deutschen Meister geben? Wie werden Auf- und Abstieg geregelt? Und wie die finanziellen Folgen aufgefangen? Wird im Falle eines Saisonabbruchs die Tabelle „eingefroren“ und gewertet – oder wird sie neutralisiert?

Die DFL-Spielordnung beinhaltet keinen Paragraphen, der den Abbruch einer Saison regelt. Mit seiner Zwischenlösung „Geisterspiele“ kann sich der deutsche Fußball nicht wie erhofft über Wasser halten. Schnell wurde klar, wie absurd und sinnlos Profi-Spiele ohne Fans wirken. Vor dem Stadion von Borussia Mönchengladbach versammelten sich zum Derby gegen den 1. FC Köln Hunderte in Verkennung der Corona-Lage, um ihre Mannschaft dennoch zu unterstützen.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Hände waschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen